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»Amal, Hamburg!« feiert ersten Geburtstag

Amal – das bedeutet Hoffnung auf Arabisch. Und genau mit dieser Hoffnung ging »Amal, Hamburg!« vor einem Jahr online. Seither informiert die Nachrichtenplattform tagesaktuell auf Arabisch und Farsi/Dari. Neben Nachrichten gibt es Reportagen, Interviews und Hintergrund zum aktuellen Geschehen in der Stadt. In Kooperation mit dem Hamburger Abendblatt ist aus einem kleinen Projekt eine aktive Redaktion geworden, die inzwischen rund 11.000 Araber, Afghanen und Iraner in der Hansestadt erreicht.

Wie erlebten die Redakteurinnen und Redakteure das erste Jahr? Wie fing alles an und welche Erfahrungen sammeln sie während der Corona-Krise? Hier schildern sie ihre Eindrücke:

Omid Rezaee, 31, aus dem Iran
Amal in Hamburg aufbauen? Das ist eine unmögliche Mission, dachte ich, als klar wurde, dass wir das zweisprachige Nachrichtenportal, das es seit 2017 in Berlin gibt, auch in Hamburg auf die Beine stellen sollten. Und das mit nur vier Redakteuren und Redakteurinnen – am Anfang waren wir sogar nur drei. Doch die Mission ist geglückt.
Ich war einer der ersten, die bei dem Projekt mitgemacht haben. Zuvor hatte ich etwa zwei Jahre bei »Amal, Berlin!« gearbeitet. Jetzt erklärte ich mich bereit, für den Aufbau der Hamburger Redaktion an die Elbe zu ziehen. Mich reizte die Mission Impossible. Ich wollte eine neue Herausforderung. Dass es am Anfang “unmöglich” aussah, mit so wenig Personal eine so große Aufgabe anzugehen, war der Punkt, der mich motiviert hat, mitzumachen. Es ging darum, eine neue Arbeitsform zu entwickeln. Auch das Private sollte sich ändern: Ich musste mich vom etablierten Leben im coolen Berlin verabschieden und einen neuen Anfang in Hamburg finden.
Zu meiner Überraschung lagen – und liegen – die größten Herausforderungen bei der Arbeit in Amal, Hamburg! nicht im professionellen und technischen Bereich. Wie komplex die Zusammenarbeit zwischen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen ist, die (fast alle) ihre Karriere in Deutschland erst anfangen, ist kaum nach außen kommunizierbar. Bei »Amal, Hamburg!« begegnen sich heimatlose Journalisten und Journalistinnen, die aus dieser Stadt eine Heimat für sich und gleichzeitig für ihre Landsleute machen wollen. Insofern war für mich der Anfang von »Amal, Hamburg!« eigentlich ein erneuter Versuch, eine Heimat zu finden. Ein Versuch, der nicht nur mir gelungen ist, sondern innerhalb eines Jahres auch einer großen Leserschaft bei ihrer Orientierung in der Hansestadt geholfen hat.

Mutaz Enjila, 44, aus Syrien
Die meisten unserer Leser wollen wissen, was aktuell los ist. Sie interessieren sich für die Politik der Regierung, für Kultur, sie wollen wissen, was zu Flucht und Asyl beschlossen wird. Ihnen ist wichtig, dass die Informationen richtig sind, und dass alles Wichtige auch bei ihnen ankommt.
Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt bei unserer Arbeit: Das ist die Interaktion mit den Leserinnen und Lesern. Dadurch entsteht Gemeinschaft.
Über Facebook sind unsere Leser ständig mit uns im Austausch. Sie schreiben zum Beispiel, wenn ihnen eine Fotostrecke besonders gut gefällt, und sie freuen sich über Tipps zu Kultur-Events. Sie weisen die Redaktion auch auf Veranstaltungen hin – auf die arabische Buchmesse zum Beispiel oder auf eine Ausstellung, bei der Zeichnungen präsentiert wurden. Jobmessen, gemeinsame Aktivitäten, Freiwilligen-Arbeit sind andere Themen, die Amal ankündigt und über die die Redaktion berichtet. Unsere Leser lieben auch Artikel, in denen es um den Erfolg sozialer Initiativen geht, oder in denen einzelne von gelungener Integration erzählen.
Im Herbst 2019 fanden in Hamburg die arabischen Kulturwochen statt. Diesmal war ich als Amal-Reporter immer mit dabei. Dieses Festival bringt die Kulturen der arabischen Länder zusammen. Wir haben darüber viele interessante Interviews, Berichte und Fotostories gemacht.
Durch die kontinuierliche Berichterstattung über verschiedene kulturelle Ereignisse in Hamburg konnte die Amal-Webseite ein großes Netz sozialer Beziehungen knüpfen. Es gibt neue Brücken der Kommunikation zwischen den Deutschen, den alteingesessenen arabischen Gesellschaften und den Neuankömmlingen.
Wir glauben, dass sich die arabischen Gemeinden in Hamburg durch das, was wir auf der Webseite »Amal, Hamburg!« schreiben, zu Hause fühlen.

Nilab Langar, 29, aus Afghanistan
Die Corona-Krise zeigt besonders deutlich, welche Rolle Amal inzwischen in Hamburg und Berlin spielt – als das einzige Lokalmedium, das tagesaktuell auf Arabisch und auf Dari/Farsi informiert, ist die Plattform für viele Menschen noch mehr als zuvor zu einer verlässlichen Quelle für Nachrichten und Information geworden. Zu unserer Zielgruppe gehören viele Asylbewerber und Neuangekommene. Vielen fällt es schwer, sich in ihrer Muttersprache zu informieren. Aber dass auch sie gut informiert sind, ist jetzt noch wichtiger als sonst – das Virus trifft alle, und nur wenn alle mitmachen, lässt es sich vielleicht noch stoppen.
Seit Beginn der Corona-Krise arbeiten wir bei Amal mit Hochdruck, um die Arabisch und Dari/Farsi sprechenden Menschen in Hamburg und Berlin aktuell mit den vielen Nachrichten zu versorgen, die gerade das Leben bestimmen. Wir berichten, wie sich das Virus ausbreitet, veröffentlichen die Zahlen und kommunizieren, mit welchen Maßnahmen der Senat und die Bundesregierung versuchen, die Verbreitung einzudämmen. Wir informierten, als die Kitas und Schulen geschlossen und die Sprachkurse unterbrochen wurden; hier erfährt man, dass derzeit keine Asyl-Anhörungen mehr stattfinden, aber auch, dass der Verkehr in den Städten stark zurückgegangen ist. Hier kann man die Reden der Politiker zeitnah mitverfolgen – mit Untertiteln. Hier erfährt man über Kontaktsperren und Bußgelder, mit denen versucht wird, die Zahl der Toten möglichst klein zu halten. Auch die Menschen in den arabischen, afghanischen und iranischen Communities wollen das alles wissen. Das hat dazu geführt, dass die Zahl der Leser bei Amal in den vergangenen Wochen stark angestiegen ist.
Die Menschen schauen in dieser Situation wie gebannt auf den Nachrichtenfluss in den sozialen Medien. Es ist wichtig, dass sie zwischen sachlicher Information und Falschmeldungen unterscheiden können. Die Amal-Redaktion gibt ihr Bestes, damit das gelingt.

Abbas Al Deiri, 35, aus Syrien
Es ist jetzt gut fünf Jahre her, dass ich zum ersten Mal Fuß auf deutschen Boden gesetzt habe. Damals waren die Tage extrem kurz. Ich bin im Dezember eingereist und wachte morgens früh auf, voller Energie und Enthusiasmus. Der Zufall will es, dass es auch Dezember war, als ich zu »Amal, Hamburg!« kam. Seither arbeite ich Seite an Seite mit Kolleginnen und Kollegen in dem Beruf, den sie und wir so sehr lieben.
Es war ein echter Glücksmoment als der Anruf kam, dass ich bei Amal anfangen könne. Ich wurde einer der beiden arabischen Journalisten, die bei »Amal, Hamburg!« angestellt sind. Ich bekam auch die Gelegenheit, die Redaktion in Berlin kennen zu lernen.
Ich bin froh, dass ich nach fünf Jahren des Wartens jetzt endlich angekommen bin. Viele Dinge haben sich im Laufe der Zeit gut gefügt. Ich habe die deutsche Sprache gelernt, wurde zum Master-Studium an der Universität Hamburg zugelassen und bekam nun auch noch die Möglichkeit, in meinem Beruf zu arbeiten. Es war immer schon meine Leidenschaft, morgens als erstes die Nachrichten auszuwählen, sie dann zu schreiben und sie so in Form zu bringen, wie es die arabischen Leserinnen und Leser in Hamburg gewohnt sind.
Ich lernte schnell, wie bei »Amal, Hamburg!« die Kurznachrichten gemacht werden: nämlich kurz und schnell. Ich lernte den Vorteil der Zeitumstellung kennen, und genoss es, dass die Tage wieder länger wurden. Dann kam der Corona-Virus. Plötzlich arbeiteten wir alle von zu Hause, und wir arbeiteten viel mehr als eigentlich geplant. Aber es macht mich glücklich, jetzt mit eigenen Augen zu sehen, wie die Zahl unserer Follower auf Facebook rapide wächst. Und was mich noch mehr froh macht, sind die Kommentare zu meinen Artikeln. Ich freue mich, wenn die Zahl der Abonnenten steigt, weil die Auswahl unserer Themen stimmt; und ich bin glücklich, wenn jemand eine Eilmeldung mit: »Gefällt mir« kommentiert oder noch mehr Informationen zu einem Thema haben möchte.
Es ist nicht einfach, hier in Hamburg Arbeit zu finden. Aber wenn man dranbleibt und umtriebig ist, dann gibt es doch ein weites Feld an Möglichkeiten, wenn man bereit ist, auch Herausforderungen anzunehmen.
Wer hätte schon gedacht, dass jemand, der vor fünf Jahren als Flüchtling hier angekommen ist, irgendwann einmal in einem internationalen Team von Journalisten – »Arabern und Persern« – arbeiten würde. Ich bin stolz auf meinen ersten Job als Journalist in diesem Land, und auch auf mein Studium an der Uni.
Die Zeit vergeht wie im Fluge, und jetzt arbeite ich schon fünf Monate bei »Amal, Hamburg!«. Jeder einzelnen Moment davon ist mir im Gedächtnis. Manches erinnert mich an das Medienunternehmen, in dem ich in Syrien gearbeitet habe. Eigentlich ist der Unterschied nicht groß. Der Beruf ist jetzt meine Familie, und die Redaktion ist jetzt wie eine Familie für mich. Beides liegt mir im Herzen. »Amal, Hamburg!«  ist meine Hoffnung auf ein glückliches Leben in Hamburg.

»Amal, Hamburg!« ist ein Projekt der Evangelischen Journalistenschule und der Körber-Stiftung, unterstützt vom Hamburger Abendblatt und der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Kontakt

Theresa Schneider
Programmleiterin
Exil

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 166
E-Mail theresa.schneider@koerber-stiftung.de

Tanja Koop (in Elternzeit)
Programm-Managerin
Exil

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 156
E-Mail koop@koerber-stiftung.de

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