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»Amal, Hamburg! ist ein wichtiger Schritt hin zu einer diverseren Medienlandschaft«

Das Nachrichtenangebot »Amal, Hamburg!« informiert seit 10. April auf Arabisch und Persisch über das kulturelle, politische und gesellschaftliche Leben in der Hansestadt. Betrieben wird die Online-Plattform von Ahmad Alrifaee, Nilab Langar und Omid Rezaee, die selbst alle vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen sind und die Bedürfnisse ihrer Leserschaft aus eigener Erfahrung kennen. Ihre Redaktion ist im Newsroom des Hamburger Abendblatts angesiedelt. 

Omid Rezaee vertrat dieses Jahr »Amal, Hamburg!« auf der Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche. In einer Podiumsdiskussion diskutierte er gemeinsam mit dem Flüchtlingsmagazin über die fehlende Diversität in deutschen Medienhäusern und Chancen, die eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen deutschen Redaktionen und Journalisten mit Fluchtgeschichte birgt. Das darauffolgende Gespräch mit der Journalistin und Autorin Katharina Finke, die die Diskussion moderierte, führte Theresa Schneider, Körber-Stiftung. 

Welche Bedeutung haben Projekte wie »Amal, Hamburg!« und das »Flüchtlingsmagazin« Ihrer Meinung nach für die deutsche Medienlandschaft? 

Sie sollten eine sehr große Bedeutung haben. Die Zusammenarbeit von »Amal, Hamburg!« und dem Hamburger Abendblatt ist ein wichtiger Schritt hin zu einer diverseren Medienlandschaft. Dieser Austausch könnte aber noch weiter ausgebaut werden, da diese Art der Kollaboration hohes Potential birgt und die Möglichkeit mit sich bringt, die deutsche Medienlandschaft zu verändern. 

Sie sprechen es an: Die fehlende Diversität in deutschen Redaktionen stellt eine große Herausforderung dar. Haben Sie Ideen, wie man zu mehr Diversität gelangen kann oder welche Initiativen es bräuchte? 

Es müsste strukturell etwas verändert werden, was aber meistens an fehlendem Budget scheitert. Die deutsche Medienlandschaft hat mit vielen Herausforderungen zu kämpfen und das Thema Diversität hat vor anderen Themen - wie etwa dem Vorwurf der Lügenpresse - wenig Platz und wird hintenangestellt. Ich persönlich glaube jedoch, dass mehr Diversität genau dazu beitragen könnte diesen Vorwürfen entgegen zu wirken, indem mehr Raum geschaffen wird für unterschiedliche Perspektiven und Blickwinkel. Es ist jedoch eine schwierige Aufgabe, dies flächendeckend anzugehen und sollte daher eher im Kleinen stattfinden. Das Projekt Amal, das von der Körber-Stiftung unterstützt wird, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Diese Unterstützung bräuchte es jedoch noch in viel größerem Ausmaß und auch an anderen Stellen, damit es ausreichend Ressourcen gibt, um Diversität weiter zu forcieren.

Was sind Ihrer Meinung nach Themen, bei denen eine Zusammenarbeit zwischen sogenannten Flüchtlingsmedien und deutschen Redaktionen sinnvoll wäre?

Ich fände es sehr wichtig, wenn man von den typischen Themen wie Integration und Fluchterfahrung wegkommen würde. Gerade der Lokaljournalismus bietet viele Anknüpfungspunkte. Es kann sehr erfrischend sein, wenn man Äußerungen von jemandem miteinbezieht, der lokale Traditionen nicht kennt. Auch bei politischen Themen kann das Einbeziehen von Flüchtlingsmedien fruchtbar sein, da es hier wichtig wäre, mit den Menschen zu sprechen, die von der Politik betroffen sind und nicht nur über sie. Darüber hinaus würde ich sagen, dass es sehr viele sinnvolle Themenbereiche gibt, bei denen eine Zusammenarbeit bereichernd wäre, darunter viele, an die jetzt noch nicht gedacht wird, zum Beispiel Sport. Selbst hier wäre es total erfrischend eine andere Sichtweise miteinzubeziehen, um nicht in der eigenen Engstirnigkeit zu verharren.  

Es ist festzustellen, dass Integrations- und Flüchtlingsthemen in der breiten Öffentlichkeit an Interesse verlieren. Haben Sie eine Idee, wie dafür gesorgt werden kann, dass an diesen Themen auch in deutschen Redaktionen weiterhin Interesse besteht? 

Ich glaube deutsche Redaktionen müssen verstehen, welche übergeordnete Relevanz sie haben. Es ist eine Aufgabe der Medien diese Aufklärungsarbeit zu leisten und genau das könnten sie an dieser Stelle tun, in dem sie durch ihre kontinuierliche Berichterstattung Klischees und Vorurteile abbauen, die oft auch auf Unkenntnis beruhen. Das könnte beispielsweise durch Hintergrundberichte, die kulturelle Zusammenhänge erklären, geschehen. 

Was würden Sie zukünftigen Kollaborationen zwischen deutschen Redaktionen und Flüchtlingsmedien mit auf den Weg geben? 

Ich kann mir vorstellen, dass es in der Vergangenheit häufig ein Gefälle gab, wenn deutsche Redaktionen und Flüchtlingsmedien zusammengearbeitet haben. Das Herstellen von Augenhöhe ist eine sehr schwierige, jedoch auch eine wahnsinnig wichtige Aufgabe und findet derzeit noch unzureichend statt. Gründe dafür können fehlende Ressourcen und die Dringlichkeit des Tagesgeschäfts innerhalb der Redaktionen sein. Daher wird häufiger die Möglichkeit diskutiert, für solche Projekte eine zusätzliche Person einzusetzen. Diese wäre für die organisatorischen Abläufe zwar sehr gewinnbringend, doch stellt sich dann wiederum die Frage, welche konkreten Aufgaben und Funktionen diese Person hätte. Leitet sie nur an oder begleitet sie? Und wie wirkt sich das auf die gerade erwähnte Augenhöhe aus? Eine Idee wäre, Flüchtlingsmedien nicht wie ein gesondertes Ressort zu behandeln, sondern diese bei Themenkonferenzen miteinzubeziehen und sie zu jedem Themenvorschlag nach ihrer Perspektive zu fragen. So würde man unterschiedliche Blickwinkel von Anfang an miteinbinden.

Amal, Hamburg! ist ein Projekt der Evangelischen Journalistenschule und der Körber-Stiftung, unterstützt vom Hamburger Abendblatt und der Evangelischen Kirche in Deutschland. Journalistinnen und Journalisten aus Syrien, Afghanistan und Iran im Hamburger Exil versorgen hier zugewanderte Menschen in ihrer Muttersprache mit den wichtigsten Nachrichten des Tages, mit Reportagen und Hintergrundberichten.

Zur Webseite von Amal, Hamburg!

 

Kontakt

Theresa Schneider
Programmleiterin
Amal, Hamburg!; Exile Media Forum; Tage des Exils

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 166
E-Mail theresa.schneider@koerber-stiftung.de

Tanja Koop
Programm-Managerin
Amal, Hamburg!

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 156
E-Mail koop@koerber-stiftung.de

Dr. Agata Klaus (in Elternzeit)
Programmleiterin
Amal, Hamburg!; Exile Media Forum; Tage des Exils

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 166
E-Mail klaus@koerber-stiftung.de

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