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Ramadan während der Pandemie

Am 23. April begann der diesjährige Fastenmonat Ramadan. Welche Auswirkungen haben Coronavirus und Kontaktbeschränkungen auf das Fasten der Musliminnen und Muslime in Deutschland? Der Amal-Redakteur Abbas Al Deiri erklärt in seinem Kommentar, warum es ihm gerade sehr gelegen kommt, dass wir alle zuhause bleiben und welche seiner Gewohnheiten sich deshalb in diesem Jahr ändern.

Vor fünf Jahren bin ich wie viele Syrer nach Deutschland gekommen. Wir haben uns oft gewünscht, dass wir während des Ramadans zu Hause bleiben dürfen. Dass die Schule und die Arbeit in dieser Zeit ruhen. So wie das gesamte öffentliche Leben in den islamisch geprägten Ländern in dieser Zeit reduziert wird.
Noch mehr haben wir uns vielleicht gewünscht, dass der Ramadan in den Winter fällt. Dann sind die Tage kurz, die Sonne geht früh unter, und das Fastenbrechen kann schon am Nachmittag beginnen. Aber der Termin für den Ramadan hängt am islamischen Mondkalender, und alle paar Jahre fällt er auf den Sommer. Dann liegen in Norddeutschland zwischen Morgengrauen und Abenddämmerung fast 19 Stunden – in Damaskus sind es maximal elf. So lange zu fasten ist wirklich schwer.
Wir haben uns danach gesehnt, so zu fasten, wie wir es gewohnt waren: nämlich indem man Fasten und sonstiges Leben verbindet. In Syrien sind wir arbeiten gegangen und waren in dieser Zeit alle immer ein bisschen müde. Aber hier in Deutschland sind die Tage ohne Essen und Trinken so viel länger, dass wir uns wünschten, nicht arbeiten zu müssen.
Jetzt fällt der Ramadan in die Corona-Krise und wir sollen zu Hause bleiben. Es ist eigentlich genau, wie wir es uns gewünscht haben – auch wenn der Grund dafür ein unschöner ist.

Sogar die Sonne in Deutschland ist anders

Die Unterschiede zwischen dem Leben in Syrien und der Welt in Deutschland sind groß. Sogar die Sonne ist hier anders. Wenn sie scheint, dann hat sie viel mehr Kraft als bei uns. Wir haben das Gefühl, dass die Sonne uns hier auf dem Kopf sitzt.
Auch der Sonnenuntergang ist anders. Wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, dann leuchtet alles orange. Der Himmel glüht noch lange nach. Das wundert und schockiert uns. Immer wieder grübeln wir darüber nach, ob wir nun schon das Fasten brechen dürfen oder noch warten müssen, bis es wirklich dunkel wird. Doch das Schöne am Fasten lässt uns unsere Müdigkeit und das Warten auf den Sonnenuntergang vergessen.
Seit fast einem Monat sind wir nun schon zu Hause. Und wir werden es wohl bis zum Ende des Ramadans sein. Wenn wir gerne zu Hause bleiben im Ramadan, dann nicht, weil wir des langen Fastens müde sind oder darunter leiden. Jetzt könnten wir dieses Zuhause-Sein positiv nutzen. Fasten ist ja gut für die Seele und kann den Körper heilen.

Wasser während des Fastens?

Das ist auch in Deutschland bekannt - wenn auch anders. Ich war zum Beispiel auch während der Fastenzeit im Deutschkurs, Level B1. Meine Lehrerin fragte, ob ich den ganzen Monat über fasten würde. Ich bejahte. Sie schaute mich erstaunt an.
„Und was ist mit Wasser?“, fragte sie. „Trinkst Du genug?“ Sie war der Meinung, dass der Mensch zwar auf Essen verzichten könne, nicht aber auf Wasser. Ich erklärte ihr, dass wir tagsüber auf Essen und Trinken verzichten, aber abends zu uns nehmen, was wir wollen. Außer Alkohol und Schweinefleisch natürlich – das ist für Muslime immer verboten.
Meine Antworten überzeugten die Lehrerin nicht wirklich. Sie erzählte, dass sie einmal in einem Land am Arabischen Golf war und sie es dort wegen der Hitze keine Stunde ohne Wasser ausgehalten hätte. Der menschliche Körper brauche nun mal Wasser.
Die Lehrerin erzählte mir dann, dass sie und ihre Freunde auch fasten, sie selbst täte das 40 Tage im Jahr. In dieser Zeit nimmt sie keine Milch und keine tierischen Produkte zu sich. Aber sie trinkt dann quasi ununterbrochen Wasser, sie könne ihrem Körper die Flüssigkeit ja nicht vorenthalten. Einer ihrer Freunde würde während der Fastenzeit sogar auf das Musikhören verzichten. Auch er täte das aus religiösen Gründen. Unser Fasten überzeugte sie nicht. Sie bat sie mich zuhause zu bleiben und zwar so lange, wie ich kein Wasser trinke.

Seit Mitte März ist das gemeinschaftliche Beten vorbei

In den vergangenen Tagen gab es viele Gespräche, wie die muslimischen Gemeinden den Ramadan unter diesen besonderen Bedingungen begehen können. Die Kontaktsperre prägt ja nun schon seit seit Wochen auch dort den Alltag. Die fünf Gebete und das große Freitagsgebet haben seit Mitte März nicht mehr gemeinsam stattgefunden.
In diesem Jahr begann der Ramadan vergangenen Freitag. Unter normalen Bedingungen wäre das ein ganz besonderer Auftakt gewesen. Aber jetzt fällt in der Moschee das große Nachtgebet aus, das Tarawih, und es gibt dort auch keinen Koran-Unterricht, weil alle Versammlungen abgesagt sind.
Kürzlich habe ich mit dem Imam einer großen Moschee über dieses Thema gesprochen. Er sehnte sich sehr danach, zur Normalität zurück zu kehren und die Gläubigen zum Gebet in die Moschee einzuladen. Aber natürlich wird er sich an die von der Bundesregierung und vom Senat beschlossenen Regeln halten. Von der Idee, deshalb auf das Fasten zu verzichten, hält er nichts. Er sagte: »Wir Muslime haben schon unter viel schwierigeren Bedingungen gefastet.« Nur Reisende und Kranke seien davon befreit, sagte er. Das gilt zu Corona-Zeiten wie sonst auch.
Der Imam erzählte, dass er mit seiner Gemeinde Wege gefunden hat, den Ramadan auch unter veränderten Bedingungen zu leben. Sie übertragen das große Nachtgebet jetzt über das Internet, und die Gläubigen beten dort, wo sie sind, und sei es in häuslicher Quarantäne. Ein jeder für sich. Und doch gemeinsam.

Fastenbrechen per Takeaway

Zum Fasten gehört ja auch das Fastenbrechen, das gemeinsame Essen nach Anbruch der Nacht. Auch dafür hat der Imam, mit dem ich sprach, etwas einfallen lassen. Sie machen »Iftar to go« oder »Take away Fastenbrechen.«
Ab sieben Uhr abends treffen sich ein paar Leute und kochen und bereiten alles vor. Und rechtzeitig bevor dann der Ruf zum Gebet erschallt, bringen Freiwillige warme Speisen, Obst und ein Getränk nach Hause zu jenen, die normalerweise zum Fastenbrechen in die Moschee kommen.
Als ich noch in Syrien lebte, haben wir das Fastenbrechen immer in der Familie und mit Freunden gestaltet. Das waren festliche Momente. Für jene, deren Familie in Deutschland oder in der gleichen Stadt lebt, ist es bitter, dass sie sich jetzt nicht im Kreis der Großfamilie treffen dürfen. Bei mir ist das anders. Ich war schon in den vergangenen fünf Jahren oft alleine. Ich habe diese Mahlzeiten mit der Familie vermisst. Wer das nicht kennt, kann sich vermutlich nur schwer vorstellen, wie sich das anfühlt.

Videokonferenzen im Internet machen's möglich

Aber dieses Jahr ergibt sich auch da eine neue Möglichkeit, weil wir zu Hause sind und Zeit haben. Jetzt ist es möglich, mit der Familie zusammen das Fasten zu brechen – nicht einer nebeneinander, sondern miteinander.
Über das Internet. Ich habe mich mit meiner Familie zu einer Videokonferenz verabredet, und wir brechen zusammen das Fasten. Auch das ist ein positiver Effekt von Corona. Wir können momentan mehr Zeit als sonst miteinander verbringen.
Ein Sprichwort – eigentlich eine über tausend Jahre alte Zeile des berühmten Dichters Al Mutanabbi – lautet: »Die Winde kommen nie so, wie die Schiffe es wünschen.« Diesmal wehen sie erst recht anders. Aber wir haben unseren Kurs so gut es geht angepasst.

Abbas Al Deiri, ursprünglich aus Syrien, ist Teil des vierköpfigen Redaktionsteams von Amal, Hamburg!, einem Projekt der Evangelischen Journalistenschule und der Körber-Stiftung, unterstützt vom Hamburger Abendblatt und der Evangelischen Kirche in Deutschland.

 

Kontakt

Theresa Schneider
Programmleiterin
Exil

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 166
E-Mail theresa.schneider@koerber-stiftung.de

Tanja Koop (in Elternzeit)
Programm-Managerin
Exil

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 156
E-Mail koop@koerber-stiftung.de

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