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Ein Mädchen unter Jungs: Shabnam Ruhin

von Omid Rezaee, Redaktionsleiter Amal, Hamburg!

Shabnam war acht, als sie beim Anblick eines Fußballspiels sagte: »Das kann ich auch. Lasst mich mitmachen.« Als rebellisches Mädchen konfrontierte sie eine Gruppe von Jungen mit ihrem Willen: »Ich habe das Recht, Fußball zu spielen – auch wenn ich eine Frau bin.« Gleich beim ersten Spiel war sie total begeistert. »Wenn jemand sagte 'Du bist eine Frau, was hast Du mit Fußball?', dann hat mich das nur noch mehr angespornt«, erzählt sie. Sie wollte beweisen, dass sie es konnte. Und sie konnte es. Sie nennt es eine Trotzreaktion. »In unserer Kultur machen Frauen selten Sport«, sagt sie. »Und wenn, dann keinen Männersport wie Fußball. Ich wollte der Welt, aber auch der afghanischen Community zeigen, dass es möglich ist, als eine Frau, eine afghanische Frau Fußball zu spielen.«

Shabnam Ruhin wurde 1991 in Hamburg geboren. Ihre Familie war vor dem Krieg und der Unsicherheit in Afghanistan geflohen und 1989 nach Deutschland gekommen. Sie wuchs hier auf wie andere afghanische Mädchen auch. Aber es gibt wenige afghanische Mädchen, die sich im Alter von acht in den Fußball verlieben. »Als ich anfing, in der Schule und auf der Straße zu spielen, wollte ich den Jungen beweisen, dass ich spielen kann. Und das kann ich gut.« Das Interesse am Fußball war so stark, dass sie mit 15 den Vater sagte, dass sie in einer Mannschaft spielen wollte. So kam es, dass sie zusammen mit ihrer Schwester Maryam Mitglied bei der ESV Einigkeit, dem Traditionsverein in Wilhelmsburg, wurde.

Was willst Du vom Fußball?

Auch wenn ihr Vater ihr das Fußballspielen erlaubte, waren doch längst nicht alle in der Familie mit dem Schritt einverstanden. Manche fragten: »Was willst Du beim Fußball? Du bist eine Frau. Kannst Du Dir nicht ein anderes Hobby suchen?« Als sie 2007 mit dem Fußball anfing, spielten migrantische Mädchen selten Fußball; heute sind es immer noch nicht viele. »Aber nicht alle Reaktionen waren negativ«, sagt Shabnam. »Manche schätzten die Familie. Und ein paar afghanische Mädchen kamen und sagten, sie seien stolz auf mich.«

Fußball stärkt das Selbstbewusstsein

Shabnam verdankt ihren Ehrgeiz dem Sport. »Am meisten motiviert mich, vorankommen zu wollen«, sagt sie. »Im Fußball willst Du gewinnen. Du willst es einfach schaffen. Dieser Wille ist in mir gewachsen und hat mir in anderen Bereichen des Lebens genützt, auch im Bezug auf mein Studium. Ich will mehr und mehr – und das habe ich im Sport gelernt.« Shabnam fügt hinzu, dass Sport ihr Selbstbewusstsein als Frau gefördert hat und den Teamgeist in ihr gestärkt hat.

Der Traum einer halben Afghanin

Als Shabnam 20 war, wurden sie und ihre Schwester vom afghanischen Fußballverband entdeckt und eingeladen, mit dem Team in Sri Lanka bei der Fußball-Südasienmeisterschaft der Frauen mitzuspielen. »Bis dahin wussten wir nicht mal, dass es in Afghanistan eine Frauenfußball-Nationalmannschaft gibt. Es war wie ein Traum, der jetzt wahr wird.« Afghanistan hat sehr unter Krieg und Anschlägen gelitten, aber das Nationalteam der Frauen war für Shabnam ein Zeichen der Hoffnung. Ihre Eltern waren anfangs besorgt. Deswegen fuhr der Vater mit nach Sri Lanka. Sie traf das Team auch in Afghanistan, das war ihre erste Reise in das Land ihrer Eltern. Mit der Sprache hatten sie keine Probleme. »Meiner Familie war es wichtig, dass wir zweisprachig aufwachsen. Deshalb konnten wir uns mit den anderen im Team gut verständigen. Für sie war das interessant, dass wir Dari sprechen können. Sie glaubten, dass alle Migranten sofort ihre Sprache und ihre Traditionen vergessen.«

Übergriffe und Drohungen an die Nationalmannschaft

Nicht alle Afghanen waren glücklich mit der Tatsache, dass Shabnam und Maryam eingeladen waren, für die Nationalmannschaft zu spielen. Manche sagten, die beiden seien keine echten Afghaninnen. Andere waren dagegen, dass Frauen überhaupt Fußball spielen. Shabnam und ihre Familie mussten Beleidigungen und Drohungen über sich ergehen lassen. Sie habe angefangen, mit dem Gedanken zu spielen, ob es richtig war, was sie machte.

»Als es mit diesen Dingen losging, hatten meine Eltern echte Zweifel, ob wir weitermachen sollten. Sie sagten, es sei nicht gut für ihre Töchter, in der Öffentlichkeit solchen Beleidigungen ausgesetzt zu sein. Ich fragte mich, was ich meiner Familie da antat. War die Entscheidung richtig? Ich hatte Angst, meine Familie in Schwierigkeiten zu bringen.« Aber diese Zweifel konnten Shabnam nicht stoppen. Sie fragte sich, warum sie Fußball spielt? Warum musste sie das alles aushalten? Ihre Antwort war klar: »Weil ich die Lage ändern will. Wenn die Menschen an Afghanistan denken, dann geht es um Krieg und darum, dass dort die Frauenrechte missachtet werden. Vielleicht können meine Schwester und ich mit dem Frauenfußballteam ein bisschen dazu beitragen, dass Bild von Afghanistan zu verbessern. Ja, es gibt Frauenfußball in Afghanistan, und es gibt Frauen, die trainieren.« Die Beleidigungen und Übergriffe hörten nicht auf, aber sie wollte sich ihnen nicht beugen.

Ein Herz in Hamburg, ein Herz in Kabul

Shabnam, wie die meisten Einwanderer in der zweiten oder dritten Generation, hörte oft: »Du sprichst aber gut Deutsch. Du hast gar keinen Akzent.« Aus ihrer Sicht ist es aber normal, gut Deutsch zu sprechen, wenn man in Deutschland aufgewachsen und hier in die Schule gegangen ist. Solche Sätze zeigen ihr immer wieder, dass es auch in dieser Gesellschaft Menschen gibt, die es schockiert, dass Leute mit dunklen Haaren gut deutsch sprechen. »Ich habe zwei Herzen. Ich liebe mein Land, seine Kultur und Traditionen (wenn auch definitiv nicht alle); aber ich liebe auch mein Leben hier. Ich bin Afghan-Deutsche.«

Von der Rebellin zur Unterstützerin der Mädchen

Shabnam arbeitet jetzt im Projekt »Girl Power« und trainiert ein kleines Team, das aus Mädchen aus Einwandererfamilien besteht. Shabnam macht das ehrenamtlich, ihr Ziel ist, die Frauen weltweit zu stärken, besonders die Migrantinnen. »Für Frauen, die aus einer Gesellschaft kommt, wo sie benachteiligt werden, ist Sport ein Weg, sich zu beweisen. Wir wollen der Welt zeigen, dass Frauen in den verschiedenen Ländern diskriminiert werden und dass sie etwas dagegen tun können. Wenn Menschen sehen, dass Frauen Fußball spielen können, verstehen sie, dass Frauen alles tun können.«

Ein ferner Traum

Shabnam macht in diesen Tagen ihren Abschluss in Medizintechnik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Sie spielt jetzt für den ESV Einigkeit in Wilhelmsburg. »Ich wollte immer professionell Fußball spielen und gleichzeitig studieren«, erzählt sie. »Man hört häufig, es gehe nicht. Doch bei mir hat es geklappt, ich weiß nicht wie! Erfolg im Fußball und im Beruf zugleich – das ist mein Traum.« Aber noch stärker ist der Traum, eines Tages Trainerin der afghanischen Fußball-Nationalmannschaft zu werden.

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