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Collective Impact – Komplexe Probleme gemeinsam lösen

Hamburg, 22. Mai 2014

Gemeinsam mehr erreichen? Können Stiftungen durch engere Zusammenarbeit untereinander und mit anderen Sektoren zielgerichteter vorankommen? Können sie auf diese Weise stärker als bisher zur Lösung gesellschaftlicher Zukunftsfragen beitragen? Und wenn ja, wie kann der gemeinsame Weg aussehen? Unter dem Stichwort »Collective Impact« hatten der Arbeitskreis Bürgerstiftungen und das Forum Engagementförderung im Bundesverband Deutscher Stiftungen am 22. Mai auf dem Deutschen StiftungsTag 2014 im Congress Centrum Hamburg zu Vortrag und Austausch eingeladen.

»Stiftungsarbeit brauche mehr Kooperation, werde wirksamer durch gemeinsames Agieren - diese Steilvorlage zum heutigen Thema hat uns Bundespräsident Joachim Gauck in seiner gestrigen Eröffnungsrede zum StiftungsTag gegeben. Damit hat er gleichzeitig gewürdigt, was wir schon 2012 in einem Memorandum festgeschrieben haben«, stellte Karin Haist fest. »Es ist Zeit, etwas gemeinsam zu tun«, betonte die Leiterin des Forums Engagementförderung im Bundesverband und Leiterin des Bereichs Gesellschaft der Körber-Stiftung zum Auftakt der Veranstaltung. Auch Professor Dr. Wolfgang Anders, Leiter des Arbeitskreises Bürgerstiftungen, hob die Bedeutung zunehmender Partnerschaft und Vernetzung von Stiftungen zugunsten von Nachhaltigkeit und Verstetigung hervor. »Collective Impact nimmt die Hinweise des Bundespräsidenten, einer Kurzfristigkeit entgegenzutreten, auf«, so Anders, der die Veranstaltung moderierte.

In einem Impulsvortrag stellte Sonja Patscheke von FSG Social Impact Consultants (Genf/CH) vor, inwieweit das in den USA entwickelte und erfolgreich angewendete Collective-Impact-Modell eine Chance für die Arbeit deutscher Stiftungen darstellen könne. Ausgehend von gesellschaftlichen Problemfeldern wie beispielsweise Kinderarmut, demografischer Wandel oder Integration, mit denen sich viele Stiftungen beschäftigen, formulierte sie: »Diese vielfältigen Themen bieten komplexe Herausforderungen, die keine einzelne Organisation, Person oder staatliche Einrichtung alleine nachhaltig lösen kann. Trotzdem arbeiten Staat und Zivilgesellschaft bisher oft aneinander vorbei oder konkurrieren sogar.« Das Konzept von Collective Impact hingegen impliziere das gemeinsame Zusammenspiel von Ressourcen, Akteuren und Ideen. Hinzu komme, dass Stiftungen oft schneller und kreativer handeln könnten, als Beteiligte anderer Sektoren.

Zur Veranschaulichung formulierte sie die fünf Erfolgsfaktoren von Collective Impact:

  • Gemeinsame Zielsetzung
  • Gemeinsame Erfolgsindikatoren und Messsysteme
  • Sich gegenseitig verstärkende Systeme
  • Kontinuierliche Kommunikation
  • Gut ausgestattete Geschäftsstelle

Besonders hob Patscheke die unbedingte Notwendigkeit der kontinuierlichen Kommunikation zwischen den Beteiligten hervor - »monatliche bis wöchentliche Treffen«, so ihr Rat - sowie die Einrichtung einer unabhängigen, gut ausgestatteten und professionell arbeitenden Geschäftsstelle, die hinter den Kulissen agiere und die Initiative und die Mitwirkenden koordiniere, moderiere und unterstütze. »Es lohnt sich zu investieren, denn die Geschäftsstelle bildet das Rückgrat. Ohne sie ist die Arbeit langfristig nicht möglich«, betonte Patscheke. Ein Prozent des Gesamtbudgets würden an dieser Stelle eine enorme Wirkung zeigen.

In den USA gebe es bereits viele Erfahrungen über die Entstehung hochkarätiger Leistungsgruppen, die über viele Einzelerfolge nachhaltig das System wachgerüttelt hätten. Beispielsweise die Reformierung des Jugendstrafsystems in New York. Als gelungenes Beispiel für die Umsetzung des Collective Impact-Prinzips in Deutschland führte sie die Bildungsinitiative RuhrFutur an. »Die 2012 gestartete Zusammenführung von Akteuren in eine Verantwortungsgemeinschaft zeigt alle fünf Faktoren von Collective Impact. Die Beteiligten verfolgen mit Leidenschaft ein gemeinsames Ziel, dabei ist ihnen das Gesamtziel wichtiger als die Umsetzung einzelner Projekte. Dies trägt zu einer Verbesserung des gesamten Bildungssystems im Ruhrgebiet bei«, erläuterte Patscheke.

In der anschließenden Podiumsdiskussionsrunde betonte Loring Sittler, Leiter des Generali Zukunftsfonds (Köln), einen notwendigen Sinneswandel als Voraussetzung für die Umsetzung von Collective Impact. »Wir müssen weg vom Konkurrenzdenken – das zwanghaft neurotische Imponiergehabe hindert uns, es verpufft zu viel private Energie«, stellte Sittler fest. Die Entwicklung müsse weg gehen von egoistischer Profilierung einzelner Projekte, hin zu gemeinschaftlichem Vorgehen, bei dem jeder seine Stärken voll entfalten könne.

Einen bereits eingesetzten Wandel in der Stiftungskultur konstatierte auf dem Podium Karin Haist. »Es hat sich mehr Vertrauen entwickelt, das zeigt sich an kleinen Dingen wie der Terminabstimmung bis hin zu programmatischen Absprachen«, wusste Haist aus ihrer beruflichen Praxis in der Engagementförderung. Darüber hinaus gehe die Tendenz weg von der Projektgruppe hin zur Prozessorientierung, inklusive der Schaffung von lokalen Bündnissen. »Wir haben mit mehreren engagementtragenden Stiftungen eine Strategiegruppe gegründet und konzepieren derzeit gemeinsam mit dem Familienministerin ein Förderinstrument«, zeigte sich Haist zuversichtlich. In Frage stellte sie mit dieser aktuellen Erfahrung, ob ein Prozent des Gesamtbudgets zur Einrichtung einer Geschäftsstelle ausreichen werde. »Zum Start ist das nicht realistisch«, so ihre Meinung. Als sehr positiv hat sie die schnelle Verständigung aller Beteiligten auf ein gemeinsames Ziel erlebt, das mittels verschränkter und sich verstärkender Expertisen erreicht werden soll. »Von unserem offenen und vertrauensvollen Austausch profitiert auch die Kommunikation an anderen Stellen – das nimmt einen mit«, so Haist. Sonja Patscheke bestätigte den sich selbst verstärkenden Effekt: »Kooperation macht vertrauter und schleift den Egoismus ab. Zunehmende Offenheit ist eine Folge von Collective Impact, die die weitere Zusammenarbeit befördert.«

Von der Entstehung einer Eigendynamik berichtete die dritte Teilnehmerin der Podiumsdiskussion, Bettina Windau, Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung Rheda-Wiedenbrück, die in Fällen von Kinderarmut einspringt. »Wenn das System erst mal steht, kommen nach und nach weitere Akteure hinzu. Fünf Jahren nach Start ist man gemeinsam und mit mehr Kraft unterwegs«, so ihre Erfahrung. In diesem Zusammenhang kritisierte Sittler das Auftreten von Bürgerstiftungen als »sozial-karitative Feuerwehr, die erst kommt wenn’s brennt«. »Die Leute verstricken sich in dringender Hilfe. Der systemische Ansatz kommt viel zu kurz«, so Sittler. Gesellschaftliche Themen wie beispielsweise Kinder- oder Altersarmut müssten von den Bürgerstiftungen viel offensiver in die Politik gebracht werden. Ein Argument, das aus dem Plenum Unterstützung fand: »Klein-klein lenkt uns von den eigentlichen Fragen ab, die wir als Bürgerstiftungen angehen müssen. Wir haben die Chance, frei und unabhängig zu denken, und können ein Vorreiter sein für Kommune und Gesellschaft«, hieß es.

Windau gab zu bedenken, dass man sich nicht zugunsten systemischer Fragen von brennenden Problemen abwenden könne. »Wir versuchen, es gleichzeitig anzugehen – indem wir 23 Partner zusammenbringen, können wir einerseits schnell direkte Hilfe leisten und andererseits das Thema Armut neu thematisieren«, erläuterte Windau, die auch als Direktorin des Programms Zukunft der Zivilgesellschaft der Bertelsmann Stiftung tätig ist. Durch die große Zahl der Partner, die sich gemeinsam für das Thema »Kinderarmut« engagierten und Verantwortung übernähmen, würde die Problematik auch verstärkt in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Loring Sittler regte ein selbstbewussteres Auftreten von Bürgerstiftungen an. »Es gilt nicht, um Spenden zu betteln, sondern seinen Nutzen zu betonen«, so der Leiter des Generali Zukunftsfonds. Übergreifend sei es grundlegend wichtig, sich ein Gesamtziel zu setzen und zu überlegen, wie man gemeinsam zur Lösung beitragen könne. »Dann stellt sich auch nicht mehr die Frage, wie die Einrichtung einer professionell besetzten Geschäftsstelle zu legitimieren ist«, so Sittler.

Die Vertreter auf dem Podium und die Beiträge aus dem Plenum machten deutlich, dass einige Bürgerstiftungen das Konzept des Collective Impacts bereits in Teilen praktizieren - ob als Kooperation, als »Runder Tisch« oder vielleicht unter einem ganz anderen Namen. Sicher ist, dass Collective Impact wertvolle Impulse für eine weitere Entwicklung geben kann, in der Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft Hand in Hand gesellschaftliche Zukunftsfragen angehen.

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