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Archivarbeit im digitalen Zeitalter

Wie verändert sich mit der Digitalisierung die Rolle von Archiven? Im Rahmen ihres diesjährigen EUSTORY-Netzwerktreffens in Turin haben die Organisatoren der mehr als 20 nationalen Geschichtswettbewerbe in Europa die Bedeutung von Archiven für ihre Arbeit ausgewertet und Erfahrungen aus den unterschiedlichen Ländern diskutiert.

Alle Wettbewerbe im Netzwerk sind eigenständig und in ihren jeweiligen Konzepten den verschiedenen nationalen Rahmenbedingungen angepasst. Gemeinsam eint sie der Anspruch, durch Projektarbeit einen kritischen Umgang mit historischen Quellen und einen multiperspektivischen Umgang mit Geschichte zu fördern.

Im Rahmen der Jahrestagung werteten die Teilnehmer die Zahlen der Archivnutzung in den verschiedenen Geschichtswettbewerben aus, die sich durchaus unterscheiden. In allen Projekten wird mit Primärquellen gearbeitet, die die Schüler über das Internet, in Bibliotheken, in der Familie, im lokalen Raum, im Archiv recherchieren oder durch Gespräche mit Zeitzeugen selber erheben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Wettbewerbsteilnehmer im Rahmen ihrer Recherchen auch den Lesesaal eines Archivs betreten, variiert dabei in den einzelnen Ländern durchaus.

Katja Fausser, die das EUSTORY-Netzwerk leitet, stellte die Ergebnisse einer Umfrage unter den Wettbewerbsorganisatoren vor. Eine zentrale Rolle spielen Archive demnach beispielsweise in den Wettbewerben in Irland, Deutschland, Tschechien, Bulgarien und Estland. So arbeiten in Irland alle Teilnehmer mit Archivalien, da der Wettbewerb die Förderung der Zusammenarbeit von Schülern und Archiven in den Mittelpunkt stellt.

Auch in Bulgarien und Estland sind Archive wichtige Kooperationspartner, die Sonderpreise unter den eingereichten Arbeiten vergeben. In Deutschland wie auch in vielen anderen Wettbewerben engagieren sich Archivmitarbeiter stark in der Methodenschulung sowie der Juryarbeit. Ganz anders ist die Situation beispielsweise in Weißrussland, wo eher Material aus der Familie oder Quellensammlungen aus der Zivilgesellschaft wie beispielsweise das Belarusian Oral History Archive in Minsk, das der EUSTORY-Partner Historika betreibt, Ausgangspunkt für Schülerprojekte sind.

Insgesamt hat knapp die Hälfte der 20 Wettbewerbsorganisatoren in der Zusammenarbeit mit Archiven umfassendere Erfahrungen gesammelt. Länger sprachen sie über die verschiedenen Hürden beim Zugang von Schülern zu Archiven in Europa und diskutierten u.a. die These, inwieweit der Zugang von Jugendlichen zu staatlichen Archiven ein verlässlicher Indikator für eine offene Zivilgesellschaft sein kann.

Einen größeren Raum nahm während der Tagung die Frage ein, wie sich die Zusammenarbeit mit Archiven durch die zunehmende Digitalisierung verändert und welche Folgen das ganz konkret für geschichtsinteressierte Jugendliche hat.

Hier stellten Kollegen der Fondazione per la Scuola, die seit 2004 einen italienischen Geschichtswettbewerb durchführt und Gastgeber des diesjährigen Netzwerktreffens war, vor, wie sie auf diese Herausforderung in ihrem Projektdesign reagiert haben. Seit einem Relaunch im Jahr 2012 stellt die Fondazione nun die Förderung der digitalen Mündigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt, indem die Schüler ausschließlich online nach Quellen und Informationen für ihre Projektarbeit suchen und sich dabei intensiv mit dem Internet beschäftigen müssen: Wer ist der Betreiber des Portals? Wie ist der Überlieferungszusammenhang der hochgeladenen Quellen? Handelt es sich um Archivbestände, private Sammlungen oder gar um einzelne Dokumente, die aus dem Zusammenhang gerissen als Beleg für eine These mit schwachem Wahrheitsgehalt herhalten?

Da sich das Internet in rasendem Tempo zu einem Hypermedium entwickelt, das einerseits Zugang zu einer ungeahnten Fülle an dezentral bereitgestellten Informationen bietet und gleichzeitig die Rolle von Fachleuten verändert, diskutierten die Wettbewerbsorganisatoren, wie der Werkzeugkasten für historische Projektarbeit erweitert werden muss, damit er den Anforderungen des 21. Jahrhundert gerecht wird. Als ein Ergebnis der Tagung werden methodische Hilfestellungen für Schüler im Umgang mit Quellen im digitalen Zeitalter demnächst auf dem EUSTORY Portal dem gesamten Netzwerk zur Verfügung gestellt werden.

Nicht zuletzt tragen die Wettbewerbe des Netzwerks auch selber zum kulturellen Gedächtnis bei, da in der Mehrheit der Länder die eingereichten Beiträge archiviert und so in vielen Fällen für eine interessierte Öffentlichkeit zugänglich werden. Im Rahmen ihrer Tagung tauschten sich die Mitglieder darüber aus, wie diese Schülertexte zukünftig stärker selber als Quellen für eine Auswertung genutzt werden könnten. In welchem Ausmaß können die Schülerarbeiten als Quellen für bisher ungekannte und ungehörte Geschichten »von unten« genutzt werden, und wo gibt es Ansätze zu analysieren, wie sich beispielsweise Diskurse der Gegenwart in den Schülerarbeiten spiegeln? Die Impulse der Jahrestagung werden in den kommenden Monaten bei EUSTORY weiter verfolgt.

Einen Perspektivwechsel zu diesem Thema ergab sich für die Tagungsteilnehmer bei Besuchen des historischen Archivs der mit der italienischen Gastgeberstiftung verbundenen Fondazione 1563 sowie des Istoreto - Istituto piemontese per la Storia della Resistenza. Mit Vertretern beider Institutionen reflektierte die Gruppe Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Schulen.


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