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»Beim Umgang mit ›Mein Kampf‹ gelassener sein«

Mit dem Wegfall der Urheberrechte an Hitlers »Mein Kampf« und der Herausgabe der kommentierten Edition vom Institut für Zeitgeschichte in München empfehlen einige Bildungspolitiker auch die Nutzung der Neuauflage im Geschichtsunterricht.

Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Bildung der Körber-Stiftung, spricht über den Umgang mit Hitlers »Mein Kampf« und die Frage, ob das Buch im Schulunterricht eingesetzt werden soll.

Herr Tetzlaff, Ende letzten Jahres sind die Urheberrechte an Hitlers »Mein Kampf« verfallen. Die Hetzschrift darf seit Januar wieder nachgedruckt werden. Wird das den Rechtsextremen Auftrieb geben?

Trotz des jahrzehntelangen Verbots eines Nachdrucks war es natürlich möglich, an den Text zu kommen. Wer nach Hitlers Hetzschrift im Internet sucht, hat keine großen Schwierigkeiten, das Original bzw. die Übersetzungen zu finden und zu lesen. Auch in Antiquariaten gab und gibt es Möglichkeiten, die Schriften Hitlers zu beziehen. Insofern ist die Frage, ob es tatsächlich für diejenigen, die die Schriften lesen wollen eine neue Situation ist. Mit Blick auf die Rechtsextremen bezweifeln die meisten Fachleute überdies, dass »Mein Kampf« für die heutige ideologische Verortung dieser Leute eine wichtige Rolle spielt. Insofern muss man beim Umgang mit »Mein Kampf« etwas gelassener sein.

Erschienen ist jetzt eine kritische Edition des Buches, erarbeitet vom Münchner Institut für Zeitgeschichte. Bildungspolitiker fordern nun, die kommentierte Ausgabe im Schulunterricht einzusetzen. Ist das sinnvoll?

Die kritisch kommentierte Neuauflage ist zweifelsohne ein verdienstvolles Unterfangen, insbesondere für das wissenschaftlich interessierte Publikum. Das hat aber auch seinen Preis: Die Neuauflage umfasst zwei Bände, 2000 Seiten und 3700 Fußnoten. Selbst Fachleute fragen, wer die Textmenge und die Anmerkungen lesen soll. Bücher, die über »Mein Kampf« Auskunft geben, gibt es seit vielen Jahren. Sie leisten die gewünschte Aufklärung zumindest lesefreundlicher. Man muss auch sehen, dass Auszüge von »Mein Kampf« schon lange im Unterricht eingesetzt werden. Wie Schülerinnen und Schüler mit der neuen Mammutedition arbeiten sollen, ist allerdings völlig unklar, denn es handelt sich um eine wissenschaftliche Edition und nicht um einen didaktisch für die Schule konzipierten Band.

Würde aber die Beschäftigung mit der Hetzschrift in Form der kommentierten Neuausgabe nicht ein intensiveres Lernen über den Nationalsozialismus ermöglichen?

Es würde sicher eine intensivere Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt Hitlers und dem zeitgenössischen Rassenwahn ermöglichen. Allerdings wäre es nicht ganz unproblematisch, wenn sich die Frage nach der Verantwortung für die Judenvernichtung dadurch auf Hitler verengen würde. Die Funktionsweise der nationalsozialistischen Herrschaft und des Völkermords, die Frage nach dem Mitmachen der Deutschen erschließt sich nicht durch die Analyse von Hitlers Schriften, sondern durch die Erarbeitung des historischen Geschehens. Da haben viele Tausende alltagsgeschichtliche Projekte und Mikrostudien, wie sie auch durch den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten initiiert wurden sicher mehr bewirkt, als es die Unterrichtslektüre von »Mein Kampf« zu leisten vermag.

Was heißt das für Schulen? Was bräuchte es, um das Lernen über den Nationalsozialismus zu stärken?

Ganz klar: Schulbücher und Quellenstudium bleiben wichtiger Bestandteil des Unterrichts. Daneben ist aber aus meiner Sicht ganz zentral, den Lehrerinnen und Lehrern Flexibilität und Zeit zu geben, um den Schülern eigene Zugänge zur Geschichte des Nationalsozialismus zu eröffnen. Aufgrund mangelnder Zeit scheitern oftmals Projekte zum Nationalsozialismus. Ich bin der Meinung, dass eine selbstständige Beschäftigung mit historischen Fragen und Themen, in Form von Zeitzeugenprojekten, Besuchen von Gedenkstätten oder Nachforschungen am eigenen Ort die Schülerinnen und Schüler zu mehr eigenständigem Lernen befähigen. Bei der Auseinandersetzung mit Geschichte spielen immer auch persönliche Erfahrungen mit ein, junge Leute fragen sich, was das mit ihnen zu tun hat. Schülerinnen und Schüler sollten die Möglichkeit haben, sich mit individuellen Perspektiven zu beschäftigen und über Kontinuitäten und Diskontinuitäten nachzudenken. Dabei spielt die eigene Lebenswelt und die persönliche Familien- und Lokalgeschichte eine wichtige Rolle.
Gegenwärtig hat man jedoch den Eindruck, dass die Zeit für das Fach Geschichte eher beschnitten und eingeschränkt wird. Der Freiraum für eigenständiges Nachfragen und Forschen wird kleiner. Die Tendenzen, das Fach Geschichte zeitlich in mehreren Bundesländern zu beschränken betrachte ich mit großer Sorge. Da wirkt die Forderung, mehr Zeit auf die Lektüre von »Mein Kampf« zu verwenden, nicht konstruktiv.

Herr Tetzlaff, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Veranstaltungshinweis:

Dienstag, 9. Februar, 19.00 Uhr Körber-Forum – Kehrwieder 12 »Mein Kampf. Die Karriere eines deutschen Buches«. Gespräch mit Sven Felix Kellerhoff, DIE WELT, und Axel Schildt, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Moderation: Susanne Beyer, DER SPIEGEL

Weitere Informationen zu Veranstaltung und Livestream
 


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