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Schüler untersuchen das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in der Geschichte

Das diesjährige Ausschreibungsthema beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten »Gott und die Welt. Religion macht Geschichte« bot den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vielfältige Zugänge. Über 5.000 Kinder und Jugendliche gingen über ein halbes Jahr lang auf historische Spurensuche. Eines der zentralen Themen der Jugendlichen war die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Staat und Kirche.

In insgesamt 160 Beiträgen beschäftigten sich Schüler mit der Rolle der Kirche im Nationalsozialismus, mit religiösen Oppositionsbewegungen in der DDR und Handlungsspielräumen von Pastoren. »Die Ergebnisse des Wettbewerbs zeigen, dass viele Jugendliche sich insbesondere für die Lebenswege und Biografien von Gläubigen interessierten. Sie beschäftigten sich intensiv mit Fragen, wie Religion und der Glaube das Leben der Menschen beeinflusste und wie religiöses Leben zum Teil vom Staat eingeschränkt wurde. Auf sehr eindrückliche Weise arbeiteten die Schüler Formen von religiösen Widerstand und Mittäterschaft auf der anderen Seite heraus«, so Carmen Ludwig, Programmleiterin des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten.

Viele Jugendliche betonen in ihren Beiträgen, dass die Betrachtung des Wechselverhältnisses von Politik, Glauben und Religion keinesfalls in ihrer Historisierung vergeht – vielmehr könne aus der Vergangenheit gelernt und der aktuelle Stellenwert von Religion in der Gesellschaft herausgestellt werden. Lara Mia aus Hamburg schreibt in ihrer Arbeit zur Veränderung des Friedenskonzeptes der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland ab Ende des Zweiten Weltkriegs, welche Rolle Religion für Frieden und Sicherheit spielt: »Die Kirchen sind heute noch wichtig, Frieden zu erhalten und in weiten Teilen der Erde immer wieder Prozesse in Richtung Frieden zu begleiten«.

Religiöse Überzeugungen als Handlungsantrieb

In insgesamt 338 Beiträgen führt die Spurensuche der Schülerinnen und Schüler in die Zeit des Nationalsozialismus. Unter anderem erforschten sie, wie die Mitglieder und Vertreter der Kirche zum NS-Regime standen. Eine Schülergruppe aus Rüthen  thematisiert den religiös motivierten Widerstand einiger Mitarbeiter der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Warstein gegen das dortige NS-Euthanasieprogramm. Die Elftklässler resümieren: »Auf der einen Seite standen das Pflichtbewusstsein, die eventuell vorhandene Loyalität gegenüber den Vorgesetzten und vielleicht sogar die innere Überzeugung von der nationalsozialistischen Ideologie, auf der anderen das eigene Gewissen und besonders die religiös geprägten Moralvorstellungen.«

Ein Großteil der Teilnehmer macht auf ebendiesen Gewissenskonflikt vieler Menschen im Nationalsozialismus aufmerksam – standen religiöse Wertevorstellungen wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit doch in Kontrast zur antisemitischen und rassistischen NS-Ideologie. Wichtig sei es in diesem Zusammenhang,  insbesondere die Motive der Menschen, die sich für das Regime aussprachen, aufzuarbeiten. »Dieses Verständnis ist wichtig, um heutzutage und zukünftig ähnliche Entwicklungen rechtzeitig erkennen zu können und zu verhindern, dass sich gleiche oder ähnliche Geschehnisse wiederholen«, schließt Anneke aus Buxtehude, die zum Leben und Wirken der »Deutschen Christen« im Nationalsozialismus am Beispiel ihres Urgroßvaters forschte.

Die Rolle der Kirche in der DDR war ebenfalls ein Thema, das die Schüler bei ihrer Spurensuche beschäftigte. In insgesamt 109 Beiträgen gehen sie Fragen nach, wie der Glaube und Religion in der DDR gelebt werden konnte. Angelina aus Prenzlau ergründete die Lebensumstände der Zeugen Jehovas zur Zeit der DDR in ihrer Heimatstadt. Auf Grundlage ihrer Recherche  wurde ihr vor allem das Ausmaß der staatlichen Unterdrückung der Glaubensgemeinschaft bewusst: »Die Zeugen Jehovas sind für mich eine Religion, bei der die Anhänger seit Jahrzehnten unter starken Repressionen litten und gelernt haben damit umzugehen. Ihre Geschichte und ihre Erinnerungen werden oft unterschätzt oder sogar vergessen.«

Viele Jugendliche unterstreichen in diesem Zusammenhang den Wert der Glaubensfreiheit heute. Neun Schülerinnen und Schüler aus Erfurt zeichneten etwa nach, inwiefern das Leben gläubiger Christen in der DDR durch den Staat beeinflusst wurde. Sie schließen aus ihren Recherchen: »Die Freiheit des Glaubens und der eigenen Überzeugungen sind ein kaum zu überschätzendes Privileg unserer heutigen Zeit«.

Wertefragen beschäftigen Jugendliche

Ausgehend von ihrem historischen Gegenstand stellen viele Schülerinnen und Schüler auch einen Bezug zur Gegenwart her und betonen die Präsenz religiöser Wertevorstellungen und Ordnungskonzepte in der Gesellschaft heute: Religion besäße demnach das Potenzial, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, da er Orientierung und Halt in jedem Lebensbereich biete. Viele Jugendliche appellieren, aktuelle politische Ereignisse sowie Entscheidungen stets unter Rückbezug auf eigene religiöse Werte zu reflektieren.

Anna-Louisa aus Stuttgart betont: »Im Hinblick auf den Staat bildet er eine Art ‚politische Weisheit‘, durch die man Handlungen oder Entscheidungen moralisch und werteorientiert hinterfragen kann.« Die Elftklässlerin hat sich in ihrem Beitrag mit dem Widerstand eines ehemaligen Lehrers ihrer Schule gegen den Nationalsozialismus beschäftigt. Franziska aus Eningen erforschte den Einfluss des Glaubens auf die Haltung und das Handeln  evangelischer Christen in ihrer Region während des Nationalsozialismus. Sie resümiert: »Gerade angesichts der Brisanz aktueller politischer Entwicklungen und rechtspopulistischer Tendenzen ist es wichtig, seinem Gewissen und seinen religiösen Werten zu folgen und deutlich Stellung zu beziehen«.

Über den Geschichtswettbewerb

Seit 1973 richten die Hamburger Körber-Stiftung und das Bundespräsidialamt den Geschichtswettbewerb aus, der auf eine gemeinsame Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und des Stifters Kurt A. Körber zurückgeht. Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte zu wecken, Selbstständigkeit zu fördern und Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Ausgeschrieben wird der mit bislang über 141.000 Teilnehmern und rund 31.500 Projekten größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland in einem zweijährigen Turnus und zu wechselnden Themen.

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