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»Philosophie einer humanen Bildung«

Am 18. Mai trafen sich die engagementfördernden Stiftungen in Deutschland zum Arbeitskreis Engagementförderung des Bundesverbands Deutscher Stiftungen auf dem Deutschen StiftungsTag in Osnabrück. Im Zentrum des Treffens stand der Vortrag „Philosophie einer humanen Bildung“ von Julian Nida-Rümelin, in welchem er über bürgerschaftliches Engagement als wichtigen Bestandteil einer humanen Bildung sprach. Karin Haist, Leiterin des Arbeitskreises und Bereichsleiterin bei der Körber-Stiftung, sprach mit dem renommierten Philosophen.

Wir wünschen uns mündige, engagierte Bürger. Trägt unser Bildungssystem dazu bei?

Leider nur zum Teil. Unser Bildungssystem hat eine doppelte Schlagseite: zum einen trägt es in erster Linie zur kognitiven Entwicklung bei und vernachlässigt die sozialen und ethischen Kompetenzen, die handwerklich-technischen-gestalterischen und künstlerischen, aber auch die im weitesten Sinne bürgerschaftlichen. Die politische Moderne und die Demokratie beruhen auf der Idee der gleichen und freien Bürgerinnen und Bürger, die die Gestaltung ihrer Lebensbedingungen selbst verantworten – individuell ihre Lebensform, kollektiv die politischen Bedingungen. Dies aber setzt voraus, schon früh Gestaltungsmöglichkeiten zu erfahren – das gilt für das eigene Leben, das gilt für das gemeinsame bürgerschaftliche Engagement.

Unter »bürgerschaftlichem Engagement« wird meist eine Engführung in Gestalt von Bürgerinitiativen und NGOs verstanden. Wir müssen den Blick weiten auf die Rolle der Menschen als Citoyen im Rousseauschen Sinne: Citoyen bleiben frei auch in einer Ordnung des Rechts und der Institutionen, weil sie es selbst sind, die die Regeln bestimmen, nach denen sie gemeinsam leben wollen. Dieser fordert eine Verständigung darüber, was dem Gemeinwohl entspricht und was der gemeinsame Wille ist. Da gilt es mit Interessengegensätzen umzugehen, Kompromisse zu finden, sich zu verständigen. Diese bürgerschaftlichen Kompetenzen müssen erworben und in der Praxis entwickelt werden.

Der aktuelle Zustand des Bildungssystems nicht nur in Deutschland versagt hier in doppelter Hinsicht: er lässt wenig Spielraum für die eigenverantwortliche Lebensgestaltung von Jugendlichen, da zu viel Zeit verplant ist und die Themen und Methoden von Stunde zu Stunde wechseln, aber vor allem, weil die Mitwirkung von Schülerinnen und Schülern für die Gestaltung des schulischen Lebens, die Aktivitäten extra muros (außerhalb der Schulgebäude), die Erfahrungen beruflicher und gesellschaftlicher und politischer Praxis, viel zu kurz kommen.

Was lernen Menschen durch Engagement?

Sie lernen vor allem auch sich selbst erst kennen. Erst in der Spiegelung der Kritik durch andere kann ich ein kritisches Selbstbild entwickeln, mich dort korrigieren, wo Konflikte zunehmen, lernen, mich so auszudrücken, dass ich verstanden werde, aber auch das Eigene gegen Widerstände zu behaupten. Bürgerschaftliches Engagement beruht auf Kooperation. Kooperation ist nur möglich, wenn sich die Beteiligten von ihren Eigeninteressen soweit distanzieren können, dass sie zu gemeinsamer Praxis fähig werden.

Die Überwindung des egozentrischen Standpunkts ist vielleicht die wichtigste Bedingung und zugleich das Ergebnis bürgerschaftlichen Engagements. Diese besondere Rolle von Kooperation, im sozialen Nahbereich, in der Familie, unter der Freunden, in der zivilgesellschaftlichen Praxis zwischen weitgehend Fremden, aber auch in der abstrakten Wahrnehmung der Rolle des Citoyens in der politischen Ordnung, setzt voraus, dass sich die Beteiligten über alle Unterschiede, auch der Herkunft, verständigen können, dass sie in der Lage sind, gemeinsame Ziele bei allen unterschiedlichen Interessen und Überzeugungen zu bestimmen und – pragmatisch – Lösungsschritte zu entwickeln und dann in gemeinsamer Praxis zu realisieren.

Im September wird einer neuer Bundestag gewählt. Wenn Sie nach der Wahl Bildungsminister werden würden, was wäre Ihre erste Maßnahme, um der von Ihnen geforderten »humane Bildung« näherzukommen?

Der berühmte Pisa-Schock war wichtig, um die verbreitete Überzeugung, dass in Deutschland mit dem Bildungssystem alles zum Besten bestellt sei, zu erschüttern. Es hat eine neue Phase der Bildungsreformen ausgelöst, allerdings ohne dass diese von klaren kulturellen Leitideen getragen war.

Employability, also die Aufgabe des Bildungssystems, dafür zu sorgen, dass Menschen später einer Erwerbstätigkeit erfolgreich nachgehen können, ist wichtig, ersetzt aber nicht das anthropologisch fundierte Leitbild: um was geht es uns eigentlich, was verstehen wir heute unter Freiheit und Autonomie des Einzelnen und den sozialen und politischen Bindungen und Gemeinschaftspflichten der Bürgerschaft? Welche Wissensbestände sind erforderlich, um hinreichend Orientierung zu vermitteln und eine inklusive Verständigungspraxis zu ermöglichen? Welche traditionellen Wissensbestände an den Schulen sind durch technologische Entwicklungen, insbesondere die Informationstechnologien, obsolet geworden? Wie können wir die Balance zwischen physischer, sozialer, musischer, künstlerischer, epistemischer und kognitiver, handwerklich-technischer, gestalterischer Bildung herstellen? Wie viel Spielräume braucht der junge Mensch zur Gestaltung seines eigenen Lebens – zeitlich und in Gestalt von Wahlfreiheit? Welche Rolle spielt Inklusion im weitesten Sinne, d.h. die Einbeziehung aller in eine gemeinsame Bildungspraxis? Welche Priorität hat Bildung in Politik, Staat und Gesellschaft?

Heute sind die prozentualen Ausgaben des Staates für Bildung deutlich niedriger als zum Beispiel in den 1970er Jahren. Zugleich haben wir die Bildungsreformen, um nicht zu sagen eine hektische Bildungsreformitis, lange Zeit ganz überwiegend unter das Diktat ökonomischer Imperative gestellt, ohne eigentlich zu erfassen, was für den ökonomischen Erfolg wesentlich ist. Deutschland wurde von der OECD und von zahlreichen Bildungsexperten auch im Inland dafür getadelt, dass die Akademisierung weit niedriger ist als in anderen Staaten, ohne zu sehen, dass darin auch eine Stärke des deutschen Bildungssystems stand, dass nämlich junge Menschen mit anderen Interessen und Begabungen, als denjenigen, die in der gymnasialen Bildung und an den Hochschulen im Mittelpunkt stehen, interessante Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten haben und in vielen Fällen auch ökonomisch sehr erfolgreich sein können.

Es gab und gibt zum Teil immer noch einen Nivellierungsdruck, die vermeintlich notwendige Anpassung an sogenannte internationale Standards, die sich in den maßstabgebenden Ländern allerdings fast durch die Bank nicht bewährt haben (USA und Großbritannien sind dafür Beispiele). Alle Bildungsreformen der Vergangenheit waren von philosophischen und kulturellen Leitideen geprägt, die der Gegenwart durch quantitative Testbarkeit und irreführenden Fokussierungen. Daher plädiere ich als public intellectual seit vielen Jahren für ein gründliches Umdenken in den Bildungsdiskursen und der Bildungspraxis. Unterdessen hat dieses Plädoyer auch in Kooperation mit vielen anderen Akteuren und Kritikern eine gewisse Wirkung entfaltet. Ich vermute, dass diese größer ist, als diejenige, die ich in einem Amt als Bundesminister für Bildung und Forschung, angesichts der föderalen Verfasstheit und der Kulturhoheit der Länder, haben würde.

zum Buch Philosophie einer humanen Bildung

Kontakt

Karin Haist
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Dr. Jochen Sunken
Programm-Manager
Engagierte Stadt

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 167
E-Mail sunken@koerber-stiftung.de

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