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Lebendige Bürgergesellschaft

Raus aus der Schublade

Die »Landesinitiative Leben mit Demenz in Hamburg«, an der die Körber-Stiftung seit 2012 beteiligt ist, arbeitet daran, den von Demenz Betroffenen ein besseres Leben mit der Krankheit zu ermöglichen. Kulturinstitutionen und -akteure haben sich in dieser Initiative auf den Weg gemacht, um ihre Angebote weiter auszubauen und zu vernetzen.

Wie können Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen weiter an den kulturellen Angeboten der Stadt teilhaben? Auch das Museum für Hamburgische Geschichte bietet seit einigen Jahren Führungen für Menschen mit Demenz an. Mareike Ballerstedt, die die Vermittlungsarbeit des Museums leitet, sprach mit der Körber-Stiftung über ihre Erfahrungen.

Körber-Stiftung: Was ist besonders an Führungen für Menschen mit Demenz im Vergleich zu anderen Führungen?

Mareike Ballerstedt, Museum für Hamburgische Geschichte: Führungen für Menschen mit Demenz zielen nicht auf die Vermittlung von Wissen ab. Es geht vielmehr darum, einen Anknüpfungspunkt an die Lebenswelt der Teilnehmer zu finden, um darüber mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wir möchten, dass die Besucher einen schönen Nachmittag haben, dass sie sich hier wohlfühlen. Das gilt für andere Führungen natürlich auch. Bei diesen Angeboten ist das Ergebnis der Führung jedoch offener – wir bleiben an Themen, aus der sich aus der Gruppe heraus Interesse zeigt und ein Gespräch führen lässt. Dabei spielt es keine Rolle, Daten oder Fakten zu vermitteln.

Wie kann man sich eine solche Führung vorstellen?

Unsere Ausstellung zum 20. Jahrhundert, besonders die Bereiche zu den 1950er und 1960er Jahren, bietet sich gut an. Dort gibt es zum Beispiel ein nachgebautes Wohnzimmer der 50er Jahre, eine Jukebox und viele Produkte aus der Zeit. So knüpfen wir an die Jugend der Teilnehmer an, viele entdecken dort Bekanntes wieder. Ein Beispiel: Wir haben eine Führung in der Abteilung über die Mode des 20. Jahrhunderts gestartet. Neben einer Ausstellungsvitrine saßen erstmal alle Teilnehmer im Kreis und die Vermittlerin hatte ein Hands-on-Kleidungsstück der 60er Jahre mit. Der Reißverschluss klemmte und sie bat die Teilnehmer um Hilfe. Drei Leute aus der Gruppe waren sogar vom Fach und konnten gleich Tipps zum Reparieren von Kleidung geben. Sie begannen zu erzählen, was sie in den 60er Jahren getragen hatten und v.a. zu welchen Gelegenheiten – zur Arbeit, wenn sie in Hamburg ausgingen usw. Und so läuft es eigentlich meistens: Über die Dinge, die wir miteinander betrachten, kommen wir ins Gespräch.

Welche Rolle spielt der Ort, das Museum?

Als Kultureinrichtung haben wir die große Chance, unbefangen auf die Menschen zuzugehen. Wir sind keine Experten für das Krankheitsbild Demenz und wollen es auch nicht sein. Wir entlassen die Besucher aus der Schublade Demenz und gehen ganz normal mit ihnen um. Manchmal wissen wir nicht mal, wer aus der Gruppe von Demenz betroffen ist und wer zum Betreuungspersonal gehört.
Natürlich haben wir uns vorher mit Experten aus dem Bereich Pflege und Betreuung zusammengesetzt, um zu erfahren, welche relevanten Faktoren es für ein solches Format gibt, die wir beachten müssen. Welche räumlichen Voraussetzungen braucht es? Welche Situationen sollte man vermeiden? Was tun wir, wenn…? So haben wir das Konzept für die Führung in enger Abstimmung mit Fachkräften entwickelt. In der Praxis gab es aber noch nie Probleme.

Haben Sie Wünsche für die Weiterentwicklung der Angebote?

Ich glaube, wir brauchen noch mehr Transparenz und Vernetzung. Wir müssen besser auffindbar sein für die Zielgruppe. Bis jetzt werden die Anfragen für Führungen für Menschen mit Demenz nur vereinzelt an uns heran getragen. Wenn mehr Angehörige, Betreuer und Pflegende von unserem Angebot wissen – und auch von den vielen anderen Angeboten in Hamburgs Museen – wäre das toll. Außerdem möchten wir nicht aufhören zu lernen. Wir möchten die Rahmenbedingungen für die Teilhabe an unseren Angeboten so gestalten, dass wir möglichst viele Menschen erreichen.

weitere Informationen unter »Natürlich Kunst!«

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