X

10 Jahre für den MINT-Nachwuchs

Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Unternehmensvertreter, liebe Hochschulpartner, liebe Geburtstagsgesellschaft,

wie schön, dass wir heute so viele junge Leute in der Elbphilharmonie haben. Denn eigentlich wären sie nach den gängigen Vorstellungen hier gar nicht zu erwarten!

Wenn man Jugendliche danach fragt, was sie mit technischen oder naturwissenschaftlichen Berufen verbinden, dann sind die Antworten leider ernüchternd: Sie finden mit großer Mehrheit, dass solche Berufe körperlich anstrengend sind (Mädchen 58,5%, Jungen 65,7%). Sie glauben, dass es bei der Arbeit laut zugeht (Mädchen 66,7%, Jungen 47%). Sie halten die entsprechenden Berufe für monoton und langweilig (Mädchen 61,7, Jungen 51,4%). Sie fürchten, nichts mit Menschen tun zu können (Mädchen 64,6%, Jungen 57,2%). Sie rechnen damit, sich dreckig machen zu müssen (Mädchen 52%, Jungen 48,6%). Ja, sie ängstigen sich sogar, dass sie in solchen Berufen leicht gesundheitlichen Schaden nehmen könnten (Mädchen 52,1%, Jungen 46,9%).

Laut, langweilig, wenig Kontakt zu Menschen, dreckig und dann auch noch gesundheitsschädlich: Kein Wunder dass sich 70 % aller Jugendlichen keinen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf  vorstellen können. Nur in Dänemark und Indonesien (was für eine Kombination!) wollen noch weniger junge Menschen eine naturwissenschaftliche Karriere einschlagen als in Deutschland.
(…)

MINT-Berufe haben offenbar ein Problem, nennen wir es das »Bauarbeiter-Image«. Und diese männliche Formulierung habe ich bewusst gewählt. Denn zum Image kommt auch noch das, was wir heute neudeutsch ein »Gender-Gap« nennen. Junge Frauen, so zeigen es alle Umfragen, streben immer noch unabhängig von ihren Talenten in die Sozial-, Medizin und Dienstleistungsberufe. Dabei müsste man sich doch einmal nur mit denen unterhalten, die am Ende durch gutes Zureden von Eltern oder Lehrern doch in einem MINT-Beruf landen. Denn die Zufriedenheit ist dort später viel höher als in anderen Berufssparten. Weit über 90% derjenigen, die sich beruflich Richtung MINT orientieren, empfinden das auch Jahre später noch als die richtige Entscheidung.

Wie kann es sein, dass Vorstellungen und Realität bei den MINT-Berufen so weit auseinander klaffen? Scheinbar ist noch nicht überall angekommen, was man mit MINT alles machen kann. Und scheinbar ist der Glaube sehr verbreitet, dass die Macher und Problemlöser dieser Republik in den täglichen Talkshows und Reality-Soaps auftreten. Ich kann euch und Ihnen sagen, dass das nicht so ist. Die Welt von morgen wird in Planungsbüros, Unternehmen und Forschungseinrichtungen vorbereitet und umgesetzt.
Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, solltet es euch nicht nehmen lassen, dabei zu sein. Es geht um Technik und Naturwissenschaft, es geht aber vor allem darum, wie und wovon wir morgen leben wollen.

Ein paar Beispiele:
Algorithmen: Ihr wisst/Sie wissen wahrscheinlich, was das ist. Es hat weder etwas mit Algen zu tun, noch mit Rhythmen. Aber bitte fragt einmal in eurer Umgebung danach, die Antworten bleiben meistens dürftig. Dabei greifen Algorithmen, die Codes der Programmierer, tief in unser Leben ein: Sie sorgen dafür, dass wir Produkte nahegebracht bekommen, sie führen dazu , dass sich – wie es so schön bei einer Datingbörse  heißt – alle zehn Minuten zwei Menschen online ineinander verlieben oder dass bei Google bestimmte Hits ganz oben landen.

Algorithmen sind Vorschriften für Computerprogramme nach dem Prinzip wenn, dann …Sie bewerten uns und unsere Handlungen den ganzen Tag – mit erstaunlichen Konsequenzen. Wenn Sie zum Beispiel bei einer Bank einen Kredit aufnehmen möchten, dann hilft es inzwischen wenig, beim Berater (wenn es den noch gibt) adrett aufzutreten und das Piercing zu Hause zu lassen. Der Algorithmus hat Sie nämlich schon längst durchleuchtet. Wohnen Sie in einer Gegend, in der es viele säumige Schuldner gibt? Schade, denn dann entscheidet der Algorithmus wahrscheinlich gegen die Vergabe des Kredits oder er hebt wegen des Risikos die Zinsen an.

Wer kennt den Algorithmus und  wer überprüft ihn? Wussten Sie, dass Sie für kreditwürdiger gehalten werden, wenn Sie Filzgleiter kaufen – diese Dinger, die man unter Stuhlbeine klebt oder schraubt? Ist ja im Grunde auch klar – wer Filzgleiter zur Schonung seines Parkettbodens erwirbt, muss ein eher ordentlicher und wohlhabender Mensch sein. Deshalb empfehle ich Ihnen, bevor Sie den nächsten Kredit beantragen, den Einkauf von Türstoppern, Filzgleitern und Schonüberzügen.

Liebe Schülerinnen und Schüler hier im Saal: Algorithmen sind weder gut noch böse, sie sind einfach nur wichtig. Kümmert euch um die Funktionsweise und die Macht der Daten! Erforscht, hinterfragt und kontrolliert, wie damit umgegangen wird! Die Grenzen zwischen Technik, Ethik und Demokratie waren noch nie so fließend wie heute. Seid dabei, wenn wir die digitale Gesellschaft entwickeln! Wir brauchen euch und Sie als Problemlöser!

Ihr fandet Finanzgeschäfte schon immer langweilig und wollt lieber die Welt retten? Okay, aber auch das wird ohne Technik und Natur-wissenschaften nicht gelingen.

Wart Ihr in diesem Sommer am Meer? An der Nordseeküste in Dänemark kann man bemerkenswert viele Kanister, Kisten, Stricke und andere Gegenstände am Strand finden. Das ist aber nichts im Vergleich zum Grand Pacific Garbage Patch, dem großen pazifischen Müllstrudel  zwischen Hawaii und Kalifornien, in dem geschätzt 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll zirkulieren.

Das wollte ein junger Niederländer nicht einfach so weiter hinnehmen. Boyan Slat, 22 Jahre alt, hat eine Art »Meeresstaubsauger« entwickelt, mit dem die vielen Plastikteile abgefischt werden können, die zu einer immer größeren Gefahr für Fische und Meerestiere (und am Ende auch für uns Menschen) werden. Der erste »Meeresstaubsauger«, den Slat entwickelt hat, wurde bereits erfolgreich in der Nordsee getestet.
Damit nicht genug: Slat hat außerdem die Organisation »The Ocean Cleanup« gegründet und über 30 Millionen Dollar an Spendengeldern eingesammelt. Er hat Wissenschaftler und Techniker eingestellt, so dass die Meeresstaubsauger jetzt in Serie hergestellt werden können.

Klar, wir wissen nicht, ob Slat am Ende wirklich die Vermüllung der Meere beseitigen kann. Aber es ist wie immer: Die Welt wird nicht von denen verändert, die gemütlich auf dem Sofa sitzen bleiben und die anderen machen lassen. Am Anfang steht eine Idee, und wenn die Idee zündet, dann kann sie tatsächlich den Unterschied ausmachen. Steve Jobs und Marc Zuckerberg lassen grüßen.

Wenn Euch und Ihnen das eine Nummer zu groß ist: Auch jemand wie der Ingenieur und Erfinder Kurt Körber hat die Welt verändert. Unter den Patenten, die er angemeldet hat, waren viele, über die man heute nur noch lächeln kann. Aber andere haben sich eben durchgesetzt und ein Problem gelöst. Wie z.B. das Time-lock-System, durch das Banküberfälle schwieriger geworden sind. Die Idee ist so simpel wie genial: Der Safe gibt das Geld nicht sofort frei, sondern mit einer Zeitverzögerung, auf die der Bankangestellte keinen Einfluss hat. Für Bankräuber steigt das Risiko, denn was sie am wenigsten können, ist auf das Geld zu warten. So ist der klassische Banküberfall fast »ausgestorben«.

Schon einmal über irgendetwas geärgert, von dem ihr glaubt, dass man es besser machen könnte? Dann nichts wie ran, auf solche Problemlöser wartet unsere Gesellschaft! Körber ist übrigens nicht nur Milliardär geworden, er hat auch noch eine Stiftung gegründet, die sich heute unter anderem für die Förderung von Naturwissenschaft und Technik einsetzt. Man kann also erfolgreich sein und auch noch Gutes tun!
(…)

Letzte Woche haben wir den Astrophysiker Karsten Danzmann im Hamburger Rathaus mit einem der wichtigsten europäischen Wissenschaftspreise ausgezeichnet. Als der in Rotenburg/Wümme geboren wurde und in Cuxhaven zu Schule gegangen ist, war ihm auch nicht klar, dass er eines Tages die Welt verändern würde. Hat er aber. Nachdem wir Lichtwellen schon lange für Entdeckungen im Weltall nutzen (Stichwort: Teleskope), können wir nun auch Gravitationswellen messen. Gewissermaßen haben wir jetzt die Tonspur zum Bild. Das verändert nicht nur unser Wissen über das Universum, sondern hat auch ganz konkrete Konsequenzen für eine bessere Technik, zum Beispiel beim Einsatz von Satelliten.

Ihr seht, Sie sehen: Man kann und darf durchaus nach den Sternen greifen. Nirgendwo ist die Freiheit größer als in den naturwissen-schaftlichen und technischen Berufen. Denn es geht immer darum, Grenzen zu verschieben und neue Lösungen zu finden. Im Großen wie im Kleinen.

Liebe Gäste, was hat das mit unserer heutigen Geburtstagsfeier zu tun? Sehr viel, denn genau darum geht es in der Initiative NAT seit zehn Jahren: Für Naturwissenschaft und Technik begeistern, die vielfältigen beruflichen Möglichkeiten aufzeigen, Einblicke in die Welt der Unternehmen und der Forschungseinrichtungen gewähren. That`s what it is all about!

Ich erspare Euch und Ihnen jetzt, in den nächsten 45 Minuten die Erfolgsbilanz von NAT im Detail zu erläutern. Fehlen aber darf der Dank an alle diejenigen nicht, die diese kleine Initiative in den vergangenen Jahren zu einer sichtbaren und wirkungsvollen Institution haben wachsen lassen. Und das sind zum Glück viele!

Danken möchte ich den Hamburger Hochschulen, die in der MINT-Ausbildung unterwegs sind: die Universität Hamburg, die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, die Technische Universität Hamburg, die HafenCity Universität und die Helmut Schmidt Universität sowie das DESY: Sie tragen zur Finanzierung bei und unterstützen die NAT bei ihren Veranstaltungen und Aktivitäten.

Wichtig sind für die NAT die rund 30 Hamburger Unternehmen, die Praxis- und Anwendungsbezug sowie Berufsorientierung in die NAT-Projekte bringen. Rückenwind gibt es für die NAT auch von der Stadt Hamburg, insbesondere von der Wirtschaftsbehörde mit Senator Frank Horch sowie von der Wissenschaftsbehörde mit Senatorin Katharina Fegebank, die mit ihrer Unterstützung die Relevanz der MINT-Bildung unterstreichen.

Unverzichtbar für die Projekte der NAT sind die hunderte Lehrerinnen und Lehrer an über 40 Schulen, die mit ihrem Engagement für ihre Schülerinnen und Schüler vorbildliche Arbeit leisten und dabei oftmals nicht so sehr auf die »WAZ« – die Wochenarbeitszeit – achten.

Vorangebracht haben die NAT Kooperationen mit der Joachim Herz Stiftung und der Claussen-Simon-Stiftung, die sich gerade für die Mädchenprogramme engagiert haben (Stichwort: mint:pink).

Eine großartige Würdigung hat die NAT durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft erhalten, der die NAT bereits im Jahr 2010 als kluge Strategie ausgezeichnet hat, um mehr Studierende für die MINT-Fächer zu gewinnen.

Bisher habe ich es vermeiden können, einzelne Namen zu nennen, die für NAT in den vergangen zehn Jahren wichtig waren. Für drei Personen muss ich jetzt eine Ausnahme machen.

Sabine Fernau, Helmut Meyer und Wolfgang Mackens sind die »Erfinder« und die drei Gründungsgesellschafter von NAT. Ihre sehr unterschiedlichen Motive für die Gründung machen auch noch einmal das ganze Spektrum der Arbeit von NAT deutlich: Professor Wolfgang Mackens wünscht sich begeisterte und begeisterungsfähige Studierende für Naturwissenschaft und Technik an den Hamburger Hochschulen. Und er weiß, dass man mit der Talentförderung gar nicht früh genug anfangen kann.

Den Unternehmer Helmut Meyer drücken wie die Chefs vieler Unternehmen akute Nachwuchssorgen. Und er ist ein Ingenieur, der es einfach nicht lassen kann, auch nach technischen Antworten auf soziale Probleme zu suchen.

Sabine Fernau fand als Mutter, dass ihr Sohn in der Schule nicht genug Anregungen für Naturwissenschaft und Technik erhält. Deshalb ist sie ins Risiko gegangen und hat die Geschäftsführung von NAT übernommen, aus heutiger Sicht eine sehr gute Entscheidung.

Liebe Frau Fernau, lieber Professor Mackens und lieber Herr Meyer, stehen Sie doch bitte einmal kurz auf, um den gebührenden Applaus zu erhalten.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und eine nicht allzu komplizierte Pubertät!

Zur Initiative Naturwissenschaft & Technik

Kontakt

Christiane Stork
Programmleiterin
NAT – Initiative Naturwissenschaft & Technik; MINTforum Bremen; MINTforum Hamburg; Schülerforschungszentrum Hamburg

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 146
E-Mail stork@koerber-stiftung.de

Geschäftsstelle

Bei Interesse an einer Kooperation oder finanzieller Unterstützung der Initiative wenden Sie sich bitte an die

Geschäftsstelle

to top