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Wissenschaft unter Druck

»Wissenschaftsfeindlichkeit taucht überall da auf, wo Ignoranz und Macht eine unheilvolle Allianz eingehen.« Lothar Dittmer, Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung, nutzte die Verleihung des Körber-Preises 2017, um mit einem engagierten Plädoyer für die Freiheit der Wissenschaft einzutreten.

»Wenn wir heute den neuen Körber-Preisträger Karsten Danzmann hier im wunderbaren Großen Festsaal des Hamburger Rathauses würdigen, dann mischen sich dabei Faszination für das nahezu Unverständliche und Bewunderung für einen Menschen, der in die Reihe der großen Entdecker und Erfinder gehört. Wir spüren, dass wir an etwas Besonderem teilhaben und eine außerordentliche intellektuelle Kraft erleben. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Sternstunde der Wissenschaft.

Wenn wir allerdings das Rathaus verlassen und den Blick etwas weiten, dann wandelt sich das Bild. Dann ist wenig Raum für Feierstunden. Denn die Wissenschaft ist weltweit unter Druck geraten.

Hier in Hamburg haben wir vor wenigen Wochen ein Treffen von Universitätspräsidenten aus aller Welt erlebt, das Hamburg Transnational University Leaders Council. Dabei wurde sehr deutlich, dass die akademische Freiheit vielerorts an Bedeutung verliert oder sogar gezielt beschnitten wird. Anders als noch vor wenigen Jahren beschränkt sich diese bedrückende Entwicklung nicht mehr nur auf Staaten mit autoritären Regimen irgendwo am Ende der Welt. Beispiele finden wir mittlerweile auch in der unmittelbaren europäischen Nachbarschaft.

In der Türkei werden unliebsame Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler massenhaft entlassen, das Hochschulsystem wird nach Staatsräson umgebaut. In Ungarn droht der Central European University die Schließung, weil sie Staatschef Orban nicht ins Konzept passt.

Der Präsident dieser Hochschule, Michael Ignatieff, beschrieb anlässlich seiner Rede in Hamburg die Situation mit deutlichen Worten: 'Erst attackieren sie die Presse, dann die Gerichte, dann die Universitäten.'

Wenn hier der Einwand noch greifen mag, dass Ungarn und die Türkei nicht die Taktgeber der modernen Wissenschaft sind, wird es beim Blick auf unsere engsten Verbündeten noch beklemmender.

Großbritannien hat sich im vergangenen Jahr nicht nur für den Brexit entschieden. In dieser großen Forschungsnation wird nun auch offen darüber nachgedacht, nur noch Forschungsvorhaben staatlich zu unterstützen, die einen unmittelbaren finanziellen und ökonomischen Nutzen haben. Das wäre ein Abrücken von einem Grundkonsens der Europäer über die Unerlässlichkeit von Grundlagenforschung. Und es würde Durchbrüche wie die von Karsten Danzmann erschweren oder gar unmöglich machen.

In das sich verdüsternde Bild passen auch die Entwicklungen in den USA. Jenseits des Atlantiks spricht man ganz ungeniert von alternativen Fakten, wo eigentlich aus der Luft gegriffene Behauptungen ohne empirische Belege gemeint sind. Wichtig ist nur noch, was ins eigene Weltbild passt.

Da gibt es einmal einen in der Wissenschaft selten anzutreffenden und geradezu unwahrscheinlichen Konsens wie in der Klimaforschung, der sogar – was für eine Leistung – von fast allen Regierungen der Welt auf Klimagipfeln als Grundlage dafür anerkannt wird, zu handeln.

Und dann dies: Der Präsident der Vereinigten Staaten schert aus diesem Abkommen aus und streicht die Mittel für die entsprechende Forschung zusammen.

Es passt ins Bild, dass der Angriff nicht nur einem Ergebnis der Wissenschaft gilt. So soll auch die Evolutionstheorie aus dem Schulunterricht verbannt werden. Wissenschaftsfeindlichkeit ist eben nicht nur ein Problem rückständiger Ideologien, sie taucht überall da auf, wo Ignoranz und Macht eine unheilvolle Allianz eingehen.

Wie gut, dass wir in Deutschland sind und hier im Hamburger Rathaus Einigkeit herrscht – könnte man denken. Und in der Tat wäre es übertrieben, in Deutschland von einer Legitimationskrise der Wissenschaften zu sprechen. Aber Vorsicht! Auch bei uns werden Erkenntnisse gerne in Zweifel gezogen, wenn sie unbequem sind.

In einer repräsentativen Erhebung im letzten Jahr stimmten 38 Prozent der Befragten der Aussage zu, die Menschen vertrauten zu sehr der Wissenschaft und zu wenig ihren Gefühlen nur 32 Prozent lehnen diese Aussage explizit ab.

Und wie wir seit einigen Monaten wissen, kann auch mitten in Deutschland die Forschung instrumentalisiert werden. Wenn etwa Auto-Ingenieure für raffinierte technische Betrugsmanöver eingesetzt werden, dann schadet dies nicht nur dem Wirtschaftsstandort Deutschland. Es schadet natürlich mindestens genauso dem Ruf unseres Landes das Dorado für qualitätsbewusste Tüftler und Problemlöser zu sein. Immerhin kommen die allermeisten ausländischen Studierenden deshalb nach Deutschland, weil uns dieser Ruf bis heute in der Welt vorauseilt.

Wissenschaft und Bildung sind die einzigen Rohstoffe, über die wir in Deutschland unbegrenzt verfügen. Die Basis unserer ökonomischen Erfolge und unserer Innovationen sind ganz wesentlich unsere im weltweiten Maßstab guten Universitäten und Forschungseinrichtungen. Setzen wir uns dafür ein, dass das so bleibt. Man kann und darf über die Ergebnisse von Wissenschaft streiten, aber man darf sie weder ignorieren noch verhindern.

In Richtung Politik und Medien: Geben wir der Wissenschaft die Bedeutung zurück, die ihr zusteht! Sie ist nicht schmückendes 'Beiwerk', sondern der Schlüssel für die Gestaltung unserer Zukunft. Die Kanzlerin und der Herausforderer haben sich ein TV-Duell zur Bundestagswahl geliefert. Viele von Ihnen werden sich die Sendung angesehen haben. Erinnern Sie sich, wie viele Fragen – grenzen wir den Bereich großzügig ab – zu Bildung und Wissenschaft gestellt wurden und wie viele Redeminuten auf dieses zentrale Zukunftsthema verwendet wurden. Es waren null Fragen und entsprechend auch null Minuten Redezeit. Wenn wir in der Weltspitze der Innovation bleiben wollen, ist das zu wenig.

In Richtung Hochschulen und Forschungseinrichtungen: Mehr Kommunikation ist auch von den Wissenschaftlern gefordert. Es mag früher gereicht haben, im Kreis von Kollegen und Spezialisten zu einer Forschungsfrage Rede und Antwort zu stehen. Heute geht das nicht mehr. Wissenschaft (gerade wenn es um Naturwissenschaft und Technik geht) ist teuer, manchmal sogar extrem teuer. Wir, die Steuerzahler, haben einen Anspruch darauf, zu erfahren, warum dieses Geld wohin fließt. Dialog und Transparenz sind die Grundlagen von Vertrauen. Reden wir also mehr über das, was in der Wissenschaft geschieht. Und: Warum es geschieht.

Damit schließt sich der Kreis und wir sind wieder zurück im schönen Hamburger Rathaus, bei der Preisverleihung an Professor Danzmann, denn diese ist ja selbst ein Beitrag in Sachen Vermittlung komplexer wissenschaftlicher Sachverhalte. Ich bin sicher, sie alle werden das Rathaus mit Gewinn verlassen.

Kein Geringerer als Albert Einstein hat 1915 die Existenz von Gravitationswellen theoretisch behauptet, gleichzeitig aber gesagt, dass man diese empirisch wohl nie werde nachweisen können. Es braucht schon eine Menge Mut, sich gegen Einstein und den Mainstream der eigenen Wissenschaft zu stellen. Der Preisträger fasste es in einem Gespräch einmal so zusammen: Die Arbeit des Gravitationswellenphysikers ist eigentlich nichts anderes als der jahrzehntelange und schier aussichtslose Kampf gegen das Rauschen in der Hoffnung, diesem eines Tages doch ein Signal abzutrotzen.

Das ist der Teil der Persönlichkeit von Professor Danzmann, der mit Ausdauer und mit Zuversicht zu tun hat. Der andere Teil ist die wissenschaftliche und in diesem Fall auch technische Meisterschaft.

Hätte der Preisträger nicht die entscheidenden Impulse zur Verfeinerung der Methodik und der Messinstrumente gegeben, wäre das Universum auf dem Gravitationskanal auch heute noch stumm. Dass dem nicht so ist verdanken wir seiner Arbeit. Er hat uns ein neues Fenster zum Kosmos geöffnet.

Hamburg ist bekanntermaßen das 'Tor zur Welt'. Was Handel und Wandel angeht, ist die Stadt diesem Ruf seit vielen Jahrzehnten, wenn  nicht schon seit Jahrhunderten gerecht geworden.

Wir freuen uns sehr darüber, dass dieses Tor sich nun auch mehr und mehr für die Wissenschaft öffnet. Wir selbst sind mit dem Körber-Preis Nutznießer dieser Entwicklung. Die Bürgerschaft hat zu Beginn des Jahres ein Ersuchen beschlossen, das die Bedeutung des Preises für die Stadt würdigt und dazu auffordert, ihn für das Renommee des Wissenschaftsstandortes Hamburg noch stärker zu nutzen.

Ein erster konkreter Effekt dieser Bemühungen ist übrigens heute schon zu sehen: Erstmals wird dank der Unterstützung der Wissenschaftsbehörde die Preisverleihung live aus dem Rathaus gestreamt und ist somit im Prinzip weltweit im Internet zu verfolgen: ein neues, digitales Tor zur Welt.«

(gekürzte Version der Rede)

Video zur Verleihung des Körber-Preises für die Europäische Wissenschaft 2017

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