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»Verlernen wir miteinander zu sprechen, wäre das ein enormer Verlust.«

Mit der Verabschiedung des sogenannten »Holocaust-Gesetzes« im Februar 2018 stieß die konservative polnische Regierung innerhalb und außerhalb des Landes auf Kritik. Der Vorwurf lautete, mit dem Gesetz könne eine polnischen Beteiligung an der Verfolgung und Vernichtung von Juden während des Zweiten Weltkriegs tabuisiert werden. Dabei geriet oft aus dem Blick, wie intensiv über die polnisch-jüdische Geschichte an der Weichsel seit langem geforscht und gestritten wird. Dariusz Stola, Direktor des POLIN Museums der Geschichte der polnischen Juden, bewertet im Interview mit der Körber-Stiftung die jüngsten Entwicklungen.

Herr Professor Stola, einmal mehr ist in Polen Geschichte zu einem Politikum geworden. Beeinflusst das Ihre Arbeit?

Bis vor kurzem noch sah die aktuelle Regierung keinen Anlass, sich zur Arbeit des Museums zu positionieren. Präsident Duda zeigte sich sehr unterstützend, besuchte das Museum und sprach uns mehrere Male sein Lob aus. Auch das mediale Echo blieb positiv, genau wie seit der Eröffnung unserer Dauerausstellung im Oktober 2014. Erst in den letzten drei Monaten hat ein deutlicher Wandel stattgefunden. Zwei Entwicklungen trugen dazu bei: zum einen die im Januar erfolgte Novellierung des Gesetzes für das Institut für Nationales Gedenken (IPN), das in den internationalen Medien seitdem als »Holocaust-Gesetz« bezeichnet wird. Und zum anderen die diesjährige Gedenkfeier anlässlich des 50. Jahrestages des März 1968 - der antisemitischen Kampagne, mit der die kommunistische Partei auf die Studentenrevolte von 1968 reagierte sowie die darauffolgende jüdische Emigrationswelle aus Polen.

Auf unsere Ausstellung, die Vorträge und öffentlichen Diskussionen zu diesen Ereignissen wurden wir vonseiten vereinzelter Medien und Politiker mit unbegründeter Kritik konfrontiert, die sich zu einer Welle von Onlineattacken ausweitete. Noch bis zu diesem Jahr kam Kritik am Museum ausschließlich von rechtsextremen Randgruppen in Internetportalen. Das hat sich mit der Verabschiedung des IPN-Gesetzes und dessen politischen Folgewirkungen geändert, mittlerweile ist das Thema auch in den Massenmedien und in politischen Debatten sehr präsent. Wir werden inzwischen von wichtigen öffentlichen Personen kritisch beobachtet, darunter auch der Premierminister: Am Tag vor der Ausstellungseröffnung betonte er, dass – auch wenn er das POLIN Museum im Allgemeinen für seine Arbeit schätze – er den Titel dieser Ausstellung nicht akzeptieren könne. Wohlgemerkt: Wie auch sonst niemand, hatte er die Ausstellung zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehen können...

Der Titel ist »Obcy w domu« - »Fremde im eigenen Haus«…

Der Ausstellungstitel bezieht sich sowohl auf die Hintergründe, als auch die Auswirkungen der »anti-zionistischen« Kampagne von 1968. Für die kommunistische Regierung galt das Ziel, Juden bewusst auszugrenzen und sie für Polen als Fremde darzustellen. Daraus resultierte wiederum die Entfremdung vieler polnischer Juden, sie sahen sich zunehmend als Fremde in ihrem Heimatland, was letztlich die Emigration von über der Hälfte der jüdischen Bevölkerung zur Folge hatte.

Somit verweist der Titel auf das äußerst heikle Thema der jüdischen Zugehörigkeit zur polnischen Nation und auf die Natur des kommunistischen polnischen Staats. Der Premierminister wollte in seinen Aussagen betonen, dass die polnischen Juden nicht Fremde in ihrem Heimatland, sondern vielmehr jüdische Brüder gewesen seien, und dass dieses »zu Hause« von der kommunistischen Diktatur ohne demokratische Legitimierung dominiert worden sei. Ich bin froh darüber, dass unsere Ausstellung sogar noch vor ihrer Eröffnung eine öffentliche Diskussion über diese sehr wichtigen Themen anstoßen konnte. Denn genau das war unser Anliegen: die Menschen zum Reflektieren und Diskutieren über Geschichte anzuregen.

Warum führte das zu so scharfer Kritik?

Im Verlauf der Debatte warfen uns verschiedene Medien vor, dass wir auf einen Vergleich der jetzigen Regierung mit derjenigen von 1968 abzielten – was absurd ist. Vielmehr sind wir an einer zeitgemäßen Auseinandersetzung mit vergangenen Ereignissen und Entwicklungen mit Blick auf ihre heutige Bedeutung interessiert. Ein verdecktes politisches Programm gibt es da nicht. Bis jetzt kann ich nicht sagen, wozu diese als Kritik getarnten Falschinformationen dienen. Ich bin jedoch nach wie vor offen für eine Diskussion.

Inwieweit ist die aktuelle Debatte über den März 1968 mit jener über das IPN-Gesetz verknüpft?

Beide Debatten sind miteinander verflochten – und ich wage zu sagen, dass sich die Positionen in ihnen oft ähneln. Auch wenn die Debatte über das IPN-Gesetz früher eingesetzt und die Kontroverse um März 1968 verschärft hat, so gehören doch beide in eine lange Reihe von polnischen Debatten über polnische Reaktionen auf den Holocaust, die ich miterlebt habe. Diese Debatten entstanden bereits in den 1980er Jahren, also noch im kommunistischen Regime, und erreichten 2001-2003 in der Debatte über Jedwabne ihren Höhepunkt. Die Ereignisse von 1968 wurden dabei auch diskutiert, insbesondere während der Jahrestage 1988, 1998 und 2008, allerdings drehen sich die Diskussionen in diesem Jahr viel expliziter um antisemitische Aspekte von 1968 als zuvor. Antisemitismus ist als Thema zentral geworden, wohl als Folge der Debatte über das IPN-Gesetz.

Dann ist die öffentliche Debatte in Polen über eine gemeinsame jüdisch-polnische Geschichte facettenreicher als die internationale Kritik gegenüber dem IPN-Gesetz nahelegt?

Diese Debatte, beziehungsweise die eben genannte Reihe von Debatten, war ein großer Erfolg für das demokratische Polen. Sie waren offen und aufrichtig, emotional und dabei nicht immer frei von Demagogie; insgesamt haben wir aber durch diese Debatten eine Sprache für die schwierigsten Kapitel unserer Geschichte gefunden, ungeschriebene allgemeine Grundsätze der öffentlichen Debatte geschaffen und einen großen Fortschritt bei der Suche nach der Wahrheit über die Vergangenheit erzielt. Leider nehme ich seit einiger Zeit wahr, wie diese Grundsätze verletzt werden und die Bereitschaft und Fähigkeit, miteinander zu sprechen, schwinden. Insbesondere die Texte in sozialen Netzwerken und auf Internetseiten sind oftmals aggressiv und voller gegenseitiger Schuldzuweisungen. Verlernen wir aber miteinander zu sprechen, wäre das ein enormer Verlust.

Wie hat die Verschärfung des Tons die letzten Debatten beeinflusst?

Die Debatte über das IPN-Gesetz hat leider aufgrund ihrer eigenartigen Dynamik zu einem großen Schritt in die falsche Richtung geführt. In der Welle kritischer Reaktionen auf die Gesetzesvorlage, insbesondere aus Israel und den USA, befanden sich einige unverhältnismäßige, unbegründete und nicht vertretbare Aussagen, die alle Polen als Antisemiten darstellten und ihnen beispielsweise eine Mitschuld am Bau oder am Funktionieren der Vernichtungslager gaben. Einfach gesagt: sie bestätigten antipolnische Vorurteile. Einige polnische Medien und Politiker zogen diese dankbar als Beweis für jüdische Feindseligkeit und die Verleumdung Polens heran, sie nutzten das Gefühl unrechtmäßiger Anschuldigungen, um unseren guten Namen gegen »jüdischen Antipolonismus« zu verteidigen. Das verstärkte wiederum antijüdische Vorurteile und es entstand ein Teufelskreis aus gegenseitigen Vorurteilen und Beschuldigungen, der durch soziale Medien verstärkt wurde, in denen sich emotionale Botschaften, Fake News und Unstimmigkeiten schnell verbreiten.

Welche Folgen hätten politische und gesetzliche Vorhaben, die einschränken wollen, wie die Geschichte der Juden in Polen gelernt und gelehrt und wie über diese gesprochen wird?

Zunächst einmal habe ich die Hoffnung, dass das Verfassungsgericht die Novellierung des IPN-Gesetzes als rechtlich fehlerhaft einstuft und es dem Parlament zur Revision zurücksendet. Falls nicht, könnte das neue Gesetz eine abschreckende Wirkung haben. Es ist nicht eindeutig formuliert und lässt der Staatsanwaltschaft zu viel Spielraum in ihren Entscheidungen, Aussagen dahingehend einzustufen. Damit würden viele Journalisten, Lehrer etc. sich zweimal überlegen, ob sie etwas publizieren oder äußern, das als Rechtsbruch gelten könnte. Der Abschreckungseffekt könnte auch Hochschulen betreffen, auch wenn die universitäre Forschung von der neuen Regelung explizit ausgenommen ist, denn die vage Formulierung des Gesetzes lässt zu viel Raum für Zweifel.

Trotz der unglücklichen Situation sehe ich zwei positive Entwicklungen. Erstens, das gestiegene öffentliche Interesse – viele Menschen haben das Bedürfnis, sich über die Themen der Kontroverse zu informieren. Und zweitens hat der plötzliche Anstieg von antisemitischer Hassrede im Internet vielen Menschen gezeigt, dass wir tatsächlich ein Problem haben. Darauf möchten sie angemessen reagieren. Wir haben das in unserem Museum erlebt. Zum Beispiel war die Anzahl der Freiwilligen für die Kampagne der gelben Narzissen zum Gedenken an den Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943 doppelt so hoch wie im letzten Jahr. Außerdem konnten wir mit unserer Sonderausstellung zu den Ereignissen von 1968 mehr als das Dreifache an Besuchern ansprechen als mit unseren vorigen Ausstellungen.

Welchen Beitrag kann das POLIN Museum zur Aufrechterhaltung und Fundierung der historischen Debatte in Polen leisten?

Wir werden unsere Arbeit so fortsetzen wie bisher. Unsere Dauerausstellung ist tatsächlich ein wichtiges und vielschichtiges Bildungsinstrument. Mehr als 1,3 Millionen Menschen haben sie besucht, und die Besucherzahlen steigen. Die Ausstellung zeigt die 1000-jährige Geschichte der polnischen Juden und regt Besucher zur Reflektion darüber an. Ein Besuch unseres Museums ist nicht das Ende eines Lernprozesses, sondern dessen Beginn oder ein Meilenstein. Mit unterschiedlichen, teilweise sogar widersprüchlichen Perspektiven laden wir unsere Besucherinnen und Besucher ein sich ihr eigenes Bild zu machen. Wir hoffen unseren Gästen zeigen zu können, wie reich die Geschichte der polnischen Juden ist, wie reich sie gewesen ist, und dass ihre Entdeckungsreise sich auch außerhalb der Museumswände fortsetzen wird.

Dariusz Stola ist Historiker und Professor am Institut für Politikwissenschaft der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Gegenwärtig hält er die Position des Direktors des POLIN Museums für die Geschichte der polnischen Juden in Warschau. Er lehrt Neue Geschichte und forscht zu Migrationen im 20. Jahrhundert, dem Holocaust, polnisch-jüdischen Beziehungen, sowie zur Geschichte des kommunistischen Regimes in Nachkriegspolen. Er ist zweifacher Preisträger des Polityka-Preises und wurde mit dem Preis der Polnischen Edward Raczyński Stiftung in London ausgezeichnet.

Das Interview wurde im Umfeld des Hintergrundgesprächs zum Thema
»Neuer Antisemitismus in Europa?« am 23. April in Berlin geführt.
 

Kontakt

Gabriele Woidelko
Leitung Bereich Geschichte und Politik
Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 160
E-Mail woidelko@koerber-stiftung.de
Twitter @Woidelko

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Kirsten Elvers
Programm-Managerin
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Bernd Vogenbeck
Programm-Manager
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