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»Ideen machen nicht an Gefängnismauern und Staatsgrenzen Halt«

Kamal Chomani ist ein irakischer Journalist, Blogger und politischer Aktivist. Aufgrund seiner kritischen Haltung zum Unabhängigkeitsreferendum im kurdischen Teil Iraks wurde er in seinem Heimatland mehrfach mit dem Tode bedroht. Als Stipendiat der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte lebt er seit knapp zwei Monaten in Hamburg. Mit Agata Klaus, Körber-Stiftung, sprach er über seine Situation im Exil in Hamburg. Am 25. Juni war Kamal Chomani in der Veranstaltung »Stimmen der Freiheit: Kurden unter Beschuss« gemeinsam mit der Nahost-Expertin Birgit Svensson und Wolfgang Krach, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, im Körber Forum zu Gast.  

Ist es Ihnen schwergefallen, ins Exil zu gehen?

Ich habe lange gezögert, bis ich mich entschieden habe, den Irak zu verlassen. Ich habe mir immer wieder gesagt, ich muss dableiben, das Land und meine Mitmenschen, insbesondere die jüngere Generation, brauchen mich. Diesen Einfluss aus dem Exil aufrechtzuerhalten, habe ich mir sehr schwierig vorgestellt. 

Nun bin ich seit zwei Monaten in Hamburg und stelle fest, dass ich meinen Einfluss auf die Geschehnisse im Irak beibehalten konnte, indem ich politische Kommentare schreibe und viele andere aktive Menschen treffe und mit ihnen diskutiere. In gewisser Weise ist meine Situation im Exil sogar besser, denn ich stehe nicht mehr unter Druck: Ich kann sagen und schreiben, was ich möchte und bin keinen Zwängen ausgesetzt. Außerdem habe ich dank des Stipendiums viel mehr Zeit zum Recherchieren und Schreiben. Ich habe mehrere Artikel verfasst und ein Kapitel für ein Buch fertiggestellt, das voraussichtlich im November veröffentlicht wird. Insbesondere die kurdischen Intellektuellen, Journalisten, Schriftsteller und Akademiker leben in permanenter Angst vor Unterdrückung und Bedrohung, wenn sie öffentlich ihre Meinung sagen. Seit ich im Exil lebe, habe ich eine Menge geschafft, weil ich mich davon nicht mehr eingeschränkt fühle. 

Exil bedeutet »in der Fremde weilend«. Fühlen Sie sich fremd in Deutschland?

Am Anfang habe ich mich schon fremd gefühlt. Ich verstehe die Sprache nicht und kannte nur wenige Deutsche. Ich kann schon nachvollziehen, warum es einigen schwerfällt, sich zu integrieren oder ein Teil der Gesellschaft zu werden. Aber gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass es für mich persönlich leichter ist. Hamburg ist sehr international – ich bin nicht alleine hier. Ich habe schon viele Menschen kennengelernt, aus Afrika, aus dem Mittleren und Nahen Osten, aus Lateinamerika. Wir haben zwei- oder dreimal zusammen Fußball gespielt, auch gemeinsam mit ein paar Deutschen. Außerdem treffe ich, egal in welches Restaurant ich in Hamburg gehe, immer Kurden, Türken, Araber und Perser.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Für mich ist Heimat vor allem das Gefühl, wenn mein Körper, mein Bewusstsein, mein Herz und meine Seele alle gemeinsam funktionieren und ich glücklich bin. In Deutschland, jenseits meiner Heimat, scheint es, als ob ich einen Teil von mir verloren hätte. Aber ich bin sicher, dass ich mich wieder vollständig fühlen werde, wenn ich wieder zu Hause bin. Wenn das Land, das Wetter, die Sprache, die Menschen und die Kultur, das Gras und die Berge wieder ein Teil von mir sein werden.

Was sind Ihre Wünsche für die Zeit in Hamburg?

Neben der Zeit fürs Schreiben meiner Texte, nehme ich an vielen Konferenzen und Diskussionen teil. Ich habe mir vorgenommen, mit europäischen Politikern über Kurdistan zu reden. Die internationale Gemeinschaft hat ein falsches Bild von Kurdistan, die Medien propagieren, dass es im Norden Iraks instabiler ist als andernorts, aber das stimmt nicht. Es gibt viele Hilfsorganisationen in Kurdistan, die auch von der EU finanziert werden. Dabei es ist wichtig, dass diese Hilfe nicht das autoritäre Regime fördert, sondern Unterstützung im Demokratisierungsprozess bereitstellt. 

Die Zeit in Hamburg will ich zudem nutzen, um mich weiterzubilden. Im Irak habe ich Literaturwissenschaften studiert und würde nun gerne ein Politikstudium anschließen. Für den Fall, dass sich die Situation in Kurdistan nicht ändert und ich nicht zurückkehren kann, wäre es hilfreich, vorbereitet zu sein. Mit einem weiteren Studium erhoffe ich mir, effektiver arbeiten zu können und dadurch mehr Einfluss auf das Geschehen im Irak zu nehmen.

Welche Erfahrungen erhoffen Sie sich für ihre Zeit in Deutschland?

Was die Gesellschaft in Deutschland angeht, gibt es im Irak dieses Vorurteil:  Bei uns denken viele, dass die Menschen in Westeuropa kühl und distanziert sind. Ich hoffe, dass diese Erfahrung nicht machen zu müssen und mich nicht isoliert zu fühlen, trotz des wachsenden Zulaufs der rechten Parteien in Europa. Ich möchte Menschen treffen, die ähnliche Ideen und Ideale haben wie ich. Von daher würde ich mir wünschen, in Deutschland viele offene und freundliche Menschen zu treffen, um dieses Vorurteil widerlegen zu können. So wie ich seit jeher in meiner Arbeit versuche, Stereotype gegenüber gesellschaftlichen Gruppen aufzudecken.

Ich möchte mich mit meinem Wissen und meinem Talent auch in Deutschland gesellschaftlich beteiligen. Denn ich bin dankbar, dass ich zurzeit hier leben kann und ich möchte im Gegenzug selbst Etwas beisteuern. Wenn man das nicht kann, fühlt man sich irgendwann nutzlos.

Haben Sie von Deutschland aus einen kritischeren Blick auf die Situation in Kurdistan?

Ja, ich denke, dass ich in Deutschland kritischer werde. Ich kann andere Erfahrungen machen, erlange neues Wissen und kann beobachten, wie die Politik hierzulande funktioniert, wie soziale Bewegungen agieren und wie die Gesellschaft ihre Gestaltungsspielräume nutzt. Ich habe von Hamburg aus die Möglichkeit, an Konferenzen teilzunehmen, kann mit überstaatlichen Organisationen sprechen und die internationale Presse lesen. Im Exil bestehen ganz andere Möglichkeiten der Einflussnahme, die teilweise viel effektiver sind als wenn ich in Kurdistan wäre. 

Ich sehe die Entwicklung, die Deutschland in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat. Besonders die ältere Generation hat so viel für dieses Land getan. Ich habe große Pläne für meine Heimat und diese Träume begleiten mich, bis ich zurückkehre. Wenn meine Generation die gleiche Entwicklung durchmachen kann, wie die ältere Generation in Deutschland, dann werden wir irgendwann genauso weit sein. Wir werden kein brutales, autoritäres Regime mehr haben. Wir werden in einer Demokratie leben. Dieser Traum muss weiterleben, bis es soweit ist.

Wie können Sie aus dem Exil heraus Einfluss nehmen auf das Geschehen im Irak?

Ich bin nicht nur Journalist und politischer Analyst. Meine Gedanken resultieren nicht allein aus Daten, sondern ich habe eigene Ideen. Und nicht nur ich habe Ideen. Aufgrund der politischen Umstände leben viele Iraker im Exil. Unsere Ideen und Visionen werden helfen, Einfluss zu nehmen. Die besten Ideen sind in Gefängnissen entstanden von Menschen, die während der Wahlkampagnen inhaftiert wurden. Aber diese Ideen machen nicht an Gefängnismauern und Staatsgrenzen Halt.

Und gerade hier und heute, in diesem Zeitalter der Technologie und Digitalisierung, können wir so viele Menschen erreichen. Egal ob wir in den USA  leben, in Hamburg oder in meiner Heimatstadt Erbil. Es spielt keine Rolle mehr, wo du bist, wenn du deine Ideen veröffentlichen möchtest. Über soziale Medien, Websites und diverse Plattformen werden wir immer Menschen erreichen. Das ist auch deshalb gut, weil wir uns so gegenseitig unterstützen können. Wenn ein Freund von mir im Irak etwas veröffentlicht, kann ich ihm den Rücken stärken und umgekehrt ebenso. Ein kurdischer Freund von mir lebt in Australien und schreibt ausschließlich auf Kurdisch, ein anderer in Schweden, ein dritter, sehr bekannter kurdischer Intellektueller hat lange Zeit in Köln gelebt. Ein weiterer in den Niederlanden. Sie alle schreiben und können Einfluss nehmen, ihre Ideen verbreiten und sich gegenseitig stärken.

Video der Veranstaltung »Kurden unter Beschuss« am 25.06.2018 im KörberForum

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