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Holocaust-Erinnerung als Lebensaufgabe

Was als Schülerarbeit für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten begann, wurde zu einem nachhaltigen Geschichtsinteresse und Engagement, das seit fast 40 Jahren andauert. Irmgard Harmann-Schütz und Franz Blome-Drees erinnern noch immer regelmäßig in ihrer Heimatstadt Sundern (Sauerland) an das Schicksal der jüdischen Familie Klein, die von den Nationalsozialisten ausgegrenzt, verfolgt und deportiert wurde.

Ein Bericht von Christine Strotmann

Irmgard Harmann-Schütz und Franz Blome-Drees lässt das Schicksal der Familie Klein nicht mehr los. Dabei kannten sie die Familie nicht einmal. Die Familienangehörigen starben, lange bevor die beiden im Jahr 1962 in Sundern zur Welt kamen. Sundern ist eine kleine Stadt im Sauerland. Sie liegt idyllisch umgeben von Mittelgebirge, rund 60 km südöstlich von Dortmund. Hier sind Irmgard Harmann-Schütz und Franz Blome-Drees aufgewachsen und gingen auf das örtliche Gymnasium. Ihr Geschichtslehrer Jürgen ter Braak ermutigte sie, sich gemeinsam mit neun Mitschülern am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten zu beteiligen. Das Ausschreibungsthema im Jahr 1980/81: »Alltag im Nationalsozialismus. Vom Ende der Weimarer Republik bis zum Zweiten Weltkrieg«. Jürgen ter Braak beauftragte den Leistungskurs, nach jüdischen Familien in Sundern zu recherchieren, und die Schüler fanden sie: Die Familie Klein. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts lebte die Familie in Sundern.

Auf den Spuren der Familie Klein

Die Spurensuche der Schülergruppe begann, um das Schicksal der Familie zu beleuchten. Familie Klein war in der Stadt bekannt, sie führten eine kleine Metzgerei. Doch es war schwierig, etwas über ihr Leben und ihre Verfolgungsgeschichte herauszufinden: Sundern war 1975 als Stadt gegründet worden und das Stadtarchiv befand sich im Aufbau, als der Geschichtsleistungskurs nach den Dokumenten suchte. Dennoch förderte die Gruppe einiges zutage: Früh spürten die Familienangehörigen Repressionen der Nationalsozialisten. Das Wohn- und Geschäftshaus der Familie wurde immer wieder beobachtet und umstellt, um vom Einkauf bei der Familie abzuhalten. Deutlich schlechter wurde die Situation ab 1935 mit den sogenannten Nürnberger Rassegesetzen. Das nichtjüdische Hausmädchen gab unter Zwang ihre Stellung bei der Familie auf. Die Mutter, Rika Klein, litt sehr unter dem Druck, wurde krank, und starb 1937 mit 59 Jahren. Ihre Schwägerin, ebenfalls Rika Klein, verstarb kurz darauf.
Die Schüler fanden Dokumente zum Überfall auf die Familie Klein am Tag nach der Reichspogromnacht und die Schändung des jüdischen Friedhofs durch die SA. Die Familie war gezwungen, ihr Geschäft und ihr Haus aufzugeben und lebte mittellos in zwei Zimmern ihres ehemaligen Hauses, wo sie permanenten Durchsuchungen und Abhörmaßnahmen ausgesetzt war. Fritz Klein hielt es schließlich nicht mehr aus, floh nach Belgien und später Frankreich, wo sich 1940 seine Spur zunächst verlor. Sein Bruder Julius war im Dezember 1939 mit seiner Frau in die USA geflohen. Doch trotz aller Bemühungen waren die Dokumente oftmals lückenhaft und gaben der Schülergruppe nur wenig über die Familie selbst bekannt.

»Letztlich halfen Zeitungsaufrufe, darüber bekamen die Schüler immer mehr Zeitzeugen zusammen, die sie interviewten«, schildert Jürgen ter Braak das Vorgehen des Kurses. Die Beschäftigung mit den Zeitzeugen, war eine Herausforderung. Die Schüler führten heftige Debatten, inwiefern sie das Verhalten der Nachbarn, Freunde und Bekannten der Familie verurteilen durften. Wer zur jüdischen Familie stand, hatte mit Repressalien zu rechnen. Das erforderte Mut. Zugleich waren auch nicht alle Zeitzeugen auskunftsfreudig. »Wir haben schon gemerkt, dass viele Menschen mauerten. Man erzählt uns viel, aber verschwieg eben auch vieles«, erinnert sich Irmgard Harmann-Schütz an die damaligen Gespräche. Das Thema war mit Scham belastet, und viele hatten ein schlechtes Gewissen, weil sie der Familie nicht, oder zu wenig geholfen hatten. Auch wer sich an der Familie bereichert hatte, wollte nun nicht darüber sprechen: die Metzgerei der Familie wurde arisiert, und in den 1980er Jahren noch von den Nachfahren der gleichen Familie betrieben – deren Türen blieben den jungen Geschichtsforschern verschlossen.

Levi Klein, der dritte Sohn Hugo und dessen Frau Emma stellten 1941 einen Ausreiseantrag, doch es war zu spät. Wenig später wurden sie festgenommen und in einem Barackenlager zu Zwangsarbeit verpflichtet. »Das Amt Sundern ist judenfrei« hieß es dazu in einer Akte. Hugo Klein und seine Frau Emma wurden ins das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo sie umkamen. Levi Klein starb im Konzentrationslager Theresienstadt.

»Die Geschichte hörte ja 1945 nicht auf«

Die Schülergruppe wurde für ihre Forschungsarbeit mit einem fünften Preis ausgezeichnet. Doch mit dem Ende des Wettbewerbs war für Irmgard Harmann-Schütz und Franz Blome-Drees das Thema noch nicht abgeschlossen. »Wir waren so betroffen vom Schicksal der Familie, dass wir weiter dranblieben, und es gab noch viel zu recherchieren,« erklärt Franz Blome-Drees.

Die persönliche Begegnung mit Julius Klein, dem einzigen Überlebenden der Familie, war von großer Bedeutung. Die Schülergruppe hatte ihn im Zuge der Recherchen in den USA ausfindig gemacht und kontaktiert. 1982 kam er persönlich nach Sundern – und lud die Schüler ein. Irmgard Harmann-Schütz folgte der Einladung und besuchte Julius Klein 1983 für mehrere Wochen, in denen sie mit ihm an einem Buchmanuskript arbeitete, das sie und Franz Blome-Drees begonnen hatten. Diese Zeit war eindrucksvoll für Irmgard Harmann-Schütz: »Die Geschichte endete ja 1945 nicht. Nicht nur die schrecklichen Morde der Nationalsozialisten, auch das Leid, das man den Angehörigen antat, den Überlebenden, die nun, ohne ihre Familien in der Fremde leben mussten. Zu sehen, wie Julius Klein noch als alter Mann litt, wenn wir über seine Brüder, seine Eltern, seine ganze Familie sprachen. Das hat mich tief bewegt.« Aus diesem Besuch und zahlreichen Recherchen entstand letztlich das Buch: »Die Geschichte der Juden in Sundern – Eine geschuldete Erinnerung an die Familie Klein«, zeitlich passend, um zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht an die Familie zu erinnern. Das Buch erreichte eine breite Öffentlichkeit und traf auf großes Interesse. Im November 1988 wurde es im Rathaus der Stadt präsentiert. Julius Klein erlebte die Veröffentlichung nicht mehr, er verstarb im Jahr 1987 in Amerika. Dennoch ist sich Franz Blome-Drees sicher, dass Julius Klein das Buch gefallen hätte: »Ihm hat unser Engagement sehr viel bedeutet. Er war im Herzen immer Sunderaner und ist in den USA nie heimisch geworden.«

Julius Klein starb, ohne endgültige Gewissheit über das Schicksal seines kleinen Bruders Fritz Klein zu haben. Erst nach der Buchveröffentlichung erhielten die Sunderner Unterlagen aus dem Bundesarchiv, die das Schicksal des jüngsten Sohnes der Familie bestätigten: Er war über Belgien nach Frankreich geflohen und hatte versucht, in die USA zu emigrieren, vergeblich. Er wurde in Frankreich verhaftet und in mehrere Konzentrationslager verschleppt. Wenige Tage vor Kriegsende starb Fritz Klein in einem Lager im Saarland. »Das hat uns sehr erschüttert, so viel Ungerechtigkeit! Fritz Klein war 30 Jahre alt, war ein aufstrebender junger Mann mit Zielen im Leben gewesen, wollte Arzt werden. Dann hat er es so weit geschafft, so viele Lager überlebt und starb nur zwei Wochen bevor der Krieg vorbei war,« so Irmgard Harmann-Schütz, die oft an ihn denkt, seit sie selbst Söhne in seinem Alter hat.

Noch immer befassen sich Irmgard Harmann-Schütz und Franz Blome-Drees regelmäßig mit dem Schicksal der Familie, die ihnen heute regelrecht vertraut ist. Sie setzten sich für eine Gedenkplakette ein, die sich heute am ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus der Familie befindet, unterstützten Schüler bei der Verlegung von Stolpersteinen für die Familie, und gaben den Anstoß zur Benennung eines zentralen Platzes in der Stadt – den »Levi-Klein-Platz«. Regelmäßig laden sie zudem zu Veranstaltungen ein. Bei der letzten Lesung Ende 2018 sind rund 120 Zuhörer gekommen. »Es waren auch neue Gesichter dabei, junge Menschen und das bedeutet, dass das Thema noch aktuell und wichtig ist«, freut sich Irmgard Harmann-Schütz darüber, dass die Geschichte der Familie Klein in Sundern nicht vergessen wird. Zugleich ist sie überzeugt, dass Engagement gegen Hass und Rassismus weiterhin notwendig ist. Deswegen haben Irmgard Harmann-Schütz und Franz Blome-Drees im vorigen Jahr das lokale Bündnis »Vielfalt und Toleranz in der Stadt Sundern« mitinitiiert.

Angefangen hatte alles mit der Teilnahme beim Geschichtswettbewerb – geworden ist daraus eine Lebensaufgabe.

Über den Geschichtswettbewerb

Seit 1973 richtet die Körber-Stiftung den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten aus. Mit bislang über 141.000 Teilnehmern und rund 31.500 Projekten ist er der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland. Die 26. Ausschreibung des Geschichtswettbewerbs findet zum Rahmenthema »So geht’s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch« statt. Einsendeschluss ist der 28. Februar 2019.

Weitere Informationen zum Geschichtswettbewerb

Wenn Sie selbst über Ihre Teilnahme beim Wettbewerb und daraus folgendes Engagement berichten möchten oder von einem Projekt wissen, das nachhaltig vor Ort wirksam ist,
können Sie sich gern bei Christine Strotmann melden: strotmann@koerber-stiftung.de.

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