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»Auch eine riesengroße Chance«

Das jüngste Buch des Volkswirtschaftlers Thomas Straubhaar – erschienen in der Edition Körber und vorgeschlagen für den Wirtschaftsbuchpreis 2019 – ist ein Plädoyer für einen zuversichtlichen Blick in die wirtschaftliche Zukunft. Angesichts der Coronakrise sprach der Journalist Dirk Wegner mit ihm über Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft.

Ihr aktuelles Buch trägt den Titel »Die Stunde der Optimisten«. Nun bedroht eine Pandemie die Menschheit. Ist diese Stunde des Optimismus jetzt vorbei?

Ganz im Gegenteil. Ich denke, gerade derartige Krisen sind erstens mit einer optimistischen Grundeinstellung sehr viel besser überwindbar als mit einer Weltuntergangsstimmung. Und zweitens, das habe ich im Buch auch ausführlich dargelegt, sind Krisen historisch immer Chancen für eine Neueinordnung verschiedenster vorher gelebter Gesetzmäßigkeiten gewesen. Das wird nicht die letzte Krise sein, bei der sich bewahrheitet, dass das Überwinden der Krise neue Kreativität, Innovation, neue Ideen und Perspektiven hervorbringen wird, die alles in allem die Menschheit stärken und eben nicht schwächen.

Kann man Entscheidungen, die in früheren Wirtschaftskrisen getroffen wurden, heute nutzen oder muss man neu denken?

Es ist immer ein Fehler, die erwarteten Folgen heutiger Krisen mit früheren Krisen zu vergleichen. Letztlich ist es ja genau das Wesen der Krise, dass sie alte Gesetzmäßigkeiten aushebelt und nach neuen Antworten verlangt. Was ich aber sagen kann: Bisher hat es die Menschheit immer fantastisch geschafft, gestärkt aus Krisen hervorzugehen, und ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass es dieses Mal nicht auch so sein wird.

Wie schätzen sie die Maßnahmen der Politik zur Stabilisierung der Wirtschaft ein?

Es ist eine typische Krisenbewältigung, wie Regierung und Politik auf derartige existenzielle Ereignisse reagieren. Sie versuchen zunächst einmal, die kurzfristigen Gefährdungen mit allen Mitteln zu bekämpfen. Erst nach einer gewissen Schockstarre beginnen sie, sich zu überlegen, inwieweit kurzfristige Reaktionen eben auch langfristige Folgeeffekte verursachen. Dann wird Regierung und Politik bewusst werden, dass das, was kurzfristig wichtig und richtig ist, nicht unbedingt auch langfristig die beste Verhaltensweise ist.

Wie lange muss die Politik die Wirtschaft noch finanziell unterstützen?

Was jetzt beschlossen wurde, wird weder abschließend die Krise überwinden helfen, noch wird es langfristig eine alternativlose Politik sein, so zu verfahren. Es ist eine kurzfristig richtige Nothilfe, aber das Löschwasser für diesen Brand wird natürlich auch neue Probleme verursachen. Die sollten wir lieber früher als später anfassen, denn die Staatshilfen von heute verursachen die Probleme von morgen.

Welche Gefahren sehen Sie dadurch für die Volkswirtschaft?

In einer Marktwirtschaft kann es nicht der Normalfall sein, wenn der Staat, die öffentliche Hand und die Steuerzahlenden unternehmerische Risiken übernehmen und Kredite, die zinslos oder nicht rückzahlbar sind, an Betriebe, an Notleidende und an Kurzarbeitende ausschütten. Das sind für eine Marktwirtschaft komplett wesensfremde Eingriffe. Und wenn die Zentralbanken beginnen, sich an Firmen zu beteiligen, indem sie auch Unternehmensanleihen kaufen, kann auch das nicht der Normalfall einer Marktwirtschaft sein. Mit anderen Worten: In diesen Notzeiten werden Prinzipien der Marktwirtschaft komplett ausgehebelt, und das kann nicht etwas sein, das wir auch nur einen Tag länger als wirklich notwendig tun sollten.

Trauen sie sich zu, ein Jahr in die Zukunft zu blicken? Wie wird Deutschland dann aussehen?

Es wäre vermessen und anmaßend, da jetzt konkret zu werden. Aber wir haben nicht nur die Kraft, die Krise zu bewältigen. In ihr liegt auch die Chance, viele alte Gewohnheiten, alte Gesetzmäßigkeiten und alte Verhaltensweisen neu zu bewerten und auszurichten. Ich kann das gern an Beispielen erklären: Vielleicht beginnen wir über Home-Schooling, Online-Universitäten und Homeoffice neu nachzudenken. Ebenso über die Sinnhaftigkeit von Geschäftsreisen und die hohe Freizeitmobilität. Auch bei Wertschöpfungsketten, die in sehr viele Glieder weltweit verstreut sind und bei den Vorteilen lokaler Produktion wird es zu Neubewertungen kommen. Vielleicht schätzen wir Nachbarschaftshilfe und soziale Kontakte mehr, und da sind wir dann bei den Themen der Körber-Stiftung. Vielleicht hilft uns das alles, die Menschen, auch in Deutschland, sogar noch glücklicher zu machen.

Die Krise könnte also auch zu mehr Mitmenschlichkeit führen?

Das ist eine Chance, Mitmenschlichkeit sowie Bürger- und Bürgerinnen-Beteiligung neu zu denken. Neue Fragen sind zu stellen, so beispielsweise wie wir zwischen den Generationen miteinander umgehen – auch ein großes Körber-Thema. Wie ist die jüngere auf die ältere Generation angewiesen, aber auch umgekehrt? Das sieht man ja jetzt wunderbar. Wie gehen wir mit der scheinbaren Alternativlosigkeit gewisser Konzepte um? Das alles kann und muss  Ökonomie und Gesellschaft motivieren, ein neues Miteinander zu finden.

Derzeit gibt die Regierung viel Geld aus, von dem einiges aber nie zurückfließen wird. Sie haben immer ein bedingungsloses Grundeinkommen befürwortet. Was lehrt uns da die gegenwärtige Situation?

Nach der Krise werden sehr viele Menschen in Deutschland konkreter, positiver, bewusster mit dem Thema bedingungsloses Grundeinkommen umgehen. Sie werden diesem Gedanken gegenüber offener sein. Letztlich zeigt sich jetzt ja, wie auch Unternehmen und Menschen, die alle »Bedingungen« perfekt erfüllt haben, ihre Geschäftsgrundlage oder ihren Job verlieren.
In disruptiven Zeiten – und diese Krise ist dafür ein Paradebeispiel –  weil alte Gesetzmäßigkeiten von einem Tag auf den anderen nicht mehr gelten, sind »Bedingungen« nicht mehr Wert als das Papier auf dem sie stehen.  Die Disruption nimmt keine Rücksicht auf Bedingungen. Die Coronakrise bedroht von einem Tag auf den anderen völlig gesunde Menschen, völlig gesunde Unternehmen und völlig gesunde Jobs. In einer solchen Zeit ist Bedingungslosigkeit sinnhaft. Die Kosmetikerin, die ihren Salon schließen muss, die Kneipe, die bereits geschlossen ist und das Reisebüro, das jetzt pleite geht, sind nicht an bestimmten Bedingungen gescheitert, die sie nicht eingehalten haben, sondern an einer Disruption, die alle treffen kann. Jetzt werden viele Menschen erkennen, dass die Bedingungslosigkeit die Stärke dieses Grundeinkommen-Modells ist.

Sie hatten schon erwähnt, dass Stiftungen, etwa bei der Begegnung von Generationen, unterstützen können. Welche Rolle kommt Stiftungen überhaupt in so einer Krise zu?

Stiftungen erfüllen genau das, was von einem Scharnier zwischen Wirtschaft und Gesellschaft gefordert ist. Sie sind Institutionen, die es schaffen, auch in disruptiven Zeiten Stabilität und Normalität zu erzeugen. Die eben vorausdenken können, die offen sind, die unabhängig bleiben, um genau in Zeiten, in denen plötzlich alles unsicher und unstet wird, Orientierung zu bieten.

Zum Buch »Die Stunde der Optimisten«

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