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»Das Interesse an historischen Orten wird nicht nachlassen«

Seit 1996 wird der 27. Januar in Deutschland als Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus begangen; 2005 von den Vereinten Nationen zum internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt. Heute bestimmen oft Fragen die Diskussion, ob die NS-Vergangenheit für Jugendliche noch Bedeutung hat.

Beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten beteiligen sich alle zwei Jahre rund 5.000 Schülerinnen und Schüler und forschen zu ihrer eigenen Lokal- oder Familiengeschichte – rund 40 Prozent der Beiträge thematisieren die Geschichte des Nationalsozialismus.

Iris Groschek, Leiterin der Gedenkstättenpädagogik in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und Mitglied der Landesjury Hamburg im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, sprach mit uns über die Bedeutung von Gedenktagen, Herausforderungen für die Gedenkstättenpädagogik und neue Möglichkeiten des forschenden Lernens.

Frau Groschek, welche Bedeutung hat der 27. Januar heute – 71 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz?

Welche Bedeutung Gedenktagen durch Besucherinnen und Besucher zugeschrieben wird, wird zum Beispiel hier in der Gedenkstättenpädagogik durch das erhöhte Aufkommen von Anfragen deutlich. Lehrkräfte nutzen solche »staatstragenden« Gedenktage, die durchaus auch Medienpräsenz haben, , um aus diesem Anlass einen außerschulischen historischen Lernort wie eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen. Vor diesem Hintergrund kann der Besuch vorbereitet werden, indem über die Bedeutung von Gedenktagen mit den Schülerinnen und Schüler diskutiert wird.

Welche Fragen bringen die jungen Leute an historischen Orten mit?

Zum einen bringen Schülerinnen und Schüler, genau wie andere Besuchergruppen unterschiedliches Vorwissen, unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Erwartungshaltungen an den Ort mit. Zusätzlich bringt die Gruppensituation weitere Faktoren, die die Begegnung mit dem Ort und damit seine Wirkung beeinflussen. Wie bin ich vorbereitet? Was erwarte ich? Wie positioniere ich mich gegenüber meinen Mitschülerinnen und Mitschülern? Wie gegenüber von mir womöglich erwartetem Verhalten? Manchmal muss das Interesse erst geweckt und Fragen erst angeregt werden– das kann vor Ort durch unterschiedliche Methoden geschehen. Der historische Ort selber erzählt seine Geschichte – mit Spuren aus der NS-Zeit wie der Nachkriegszeit. Projekttage ermöglichen einen größeren selbständigen Arbeitsanteil im Sinne des »entdeckenden Lernens«.

Sie sind auch in der Hamburger Jury des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten tätig. Knapp 40 Prozent der Arbeiten beschäftigen sich mit NS-Geschichte, überrascht Sie das?

Das Interesse gerade an Geschichte(n) aus den Jahren 1933-1945 und der unmittelbaren Nachkriegszeit scheint nicht abzuschwächen, im Gegenteil, auch dieses Jahr hatten wir als Jury eine große Anzahl von Beiträgen, die sich z.B. mit Brüchen in Biografien beschäftigten, die auf die NS-Zeit zurückgingen, aber auch Beiträge, die sich mit dem Umgang mit NS-Gedenkorten beschäftigten. Die Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Bedeutung für die Gegenwart ist auch Jugendlichen sehr bewusst. Fragen, die sich aus dem Geschehen während des Nationalsozialismus ergeben, sind natürlich (und vielleicht gerade) heute noch aktuell.  Eine andere Feststellung ist, dass sich mittlerweile auch eine größere Bandbreite an Geschichtserzählungen auftut, gerade wenn Schülerinnen und Schüler auf  Zeitzeugen aus der Familie zurückgreifen – da kommen dann Erzählungen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen zusammen, die die Wettbewerbsteilnehmenden weitergeben, analysieren und mit ergänztem Wissen, welches sie z.B durch Archivrecherchen erhalten, einordneten.

Wie bewerten Sie das Engagement der Jugendlichen, die sich außerhalb der Schule mit der eigenen Geschichte vor Ort beschäftigen?

Ich freue mich immer sehr, wenn die neuen Wettbewerbsbeiträge an uns, die Jury kommen, weil ich immer wieder von Neuem fasziniert bin, mit wieviel Interesse, Freude und Hartnäckigkeit junge Geschichtsforscher an ihre Aufgabe herangehen – und immer wieder neue Themen finden. Das merke ich auch schon im Vorfeld, wenn uns in der Gedenkstätte Nachfragen zu speziellen Themen erreichen, zu denen Material gesucht wird.

Die Gedenkstättenpädagogik ist für die Gedenkstättenarbeit von zentraler Bedeutung. Vor welchen Herausforderungen steht die Gedenkstättenpädagogik? Wie kann historisches Lernen zukünftig aussehen?

Das Interesse an historischen Orten wird nicht nachlassen. Die Herausforderung ist, einen Weg zu finden zwischen hohen theoretischen Ansprüchen an Gedenkstätten und dem Führungsalltag. Vielleicht werden sich Fragen an die Geschichte ändern, vielleicht wird Geschichte mehr auf die Gegenwart bezogen. Es ist eine Vielzahl von sehr persönlichen Perspektiven und Fragen, die Besucherinnen und Besucher im Kontext einer Gesellschaft vielfältiger Zugehörigkeiten an den Ort mitbringen, Vergleiche, die sie ziehen, je nach eigenen Erfahrungen und Wissen. Das zu beachten und Bezüge nicht vorzugeben, sondern diese Individualität der Besucherinnen und Besucher ernst zu nehmen, führt dazu, dass es weiterhin die zentrale Aufgabe an historischen Lernorten ist, Wissen über den konkreten Ort und seine Geschichte(n) zu vermitteln..

Welchen Stellenwert messen Sie den sozialen Netzwerken innerhalb der Gedenkstättenarbeit bei?

Ich bin der Meinung, dass Facebook oder Twitter, selbst Instagram sehr gut auch von Gedenkstätten eingesetzt werden können, um in der digitalen Welt präsent zu sein – um Kontakt zu Besucherinnen und Besuchern zu entwickeln und zu halten, um Informationen weiterzugeben, um ihren Auftrag, historisch-politisch zu bilden, auch auf dieser Ebene zu erfüllen. Alle drei Dienste sind unterschiedlich zum einen in der Art wie sie genutzt werden (können), als auch von den unterschiedlichen Nutzergruppen her. Da müssen sich Gedenkstätten im Vorfeld bewusst machen, was sie erreichen möchten und welches Medium dafür am Geeignetsten ist. Einfach nur einen Facebook-Account zu haben, ohne eine Strategie dahinter ist meines Erachtens wenig zielführend. Beispiel Instagram: Es ist interessant, zu sehen, welches Bild Besucherinnen und Besucher von ihrem Besuch weitergeben wollen. Welches (zunächst spontane oder subjektive) Bild des Ortes konstruieren sie selber? Welcher Beitrag zum Thema Erinnerung wird dadurch deutlich? Wie beeinflussen solche (und andere sozialen Medien) die (künftige) Erinnerungskultur?

Werden also gepostete Fotos und Selfies die zukünftige Erinnerungskultur maßgebend prägen?

Eine maßgebliche Prägung durch soziale Netzwerke sehe ich im Moment noch nicht gegeben. Aktuell sind Soziale Medien nur eine von vielen Kommunikationsformen. Auch würde ich ein »Selfie« nicht unbedingt als Beitrag zur Erinnerungskultur bezeichnen. Bildliche Darstellungen können jedoch durchaus spannende Diskussionen auslösen über den Umgang mit Gedenkorten und darüber, welches Bild von Gedenkstätten durch Besucherinnen und Besucher im digitalen Raum kommuniziert (und konstruiert) wird.

Frau Groschek, wir danken Ihnen für das Gespräch.


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