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»Der Begriff 'Engagementpolitik' ist etabliert«

Der Deutsche EngagementTag war das »Szenetreffen« der engagementfördernden und -tragenden Einrichtungen in Deutschland. Nicht ganz zufällig wurde er auf den internationalen Tag des Ehrenamts gelegt und stand in seiner nunmehr dritten Auflage unter dem Titel »Warum engagierst du dich? Werte – Zusammenhalt – Demokratie«.

Auch die »Engagierte Stadt«, das gemeinsame Förderprogramm des Bundesfamilienministeriums, der Bethe-Stiftung, der Bertelsmann-Stiftung, der Breuninger-Stiftung, der Joachim Herz Stiftung, der Körber-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung, war bei diesem Großereignis prominent vertreten: So gab Eva Nemela, Programmleiterin der Engagierten Stadt, einen gut besuchten Workshop zu den »10 Merkmalen einer 'Engagierten Stadt'«. Beim »Markt der Möglichkeiten« hatten die Gäste darüber hinaus am Stand der »Engagierten Stad« die Möglichkeit, bei einer Säulenabstimmung auszudrücken, was ihnen beim Thema Engagement besonders wichtig ist.

Beim Stand schaute auch Birger Hartnuß für ein kurzes Interview über (Zu )Stand und Zukunft der Engagementförderung vorbei. Er ist seit 2007 Leiter der Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung in der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz und ein »alter Hase« in der Engagementförderung, war er doch zunächst Referent in der Enquete-Kommission »Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements« des Deutschen Bundestages (2000-2002) und anschließend (2002-2007) stellvertretender Geschäftsführer des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE).

Herr Hartnuß, Sie sind seit vielen Jahren in der »Engagementszene« unterwegs. Wenn Sie zurückblicken: wie unterscheidet sich die damalige Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements von der heutigen?

Das Bürgerengagement ist vom Rand in das Zentrum politischer Entwicklungen gerückt. Diese Entwicklung ist begleitet von einer Reihe von Veränderungen. Die gestiegene öffentliche Aufmerksamkeit, vielfältige Förderprogramme in Bund, Ländern und Kommunen,  Ansprechpartner und Unterstützungsstrukturen in den Verwaltungen sowie Netzwerke und Bündnisse lassen erkennen, dass sich hier ein neues Politikfeld entwickelt. Für den Begriff »Engagementpolitik« wäre man vor 20 Jahren noch vielerorts verlacht worden – heute ist er allgemein etabliert.

Was sind aktuelle Herausforderungen?

Hier lässt sich eine ganze Menge nennen, von der Integration von Flüchtlingen und Migranten über Demokratieförderung bis hin zur Monetarisierung des Ehrenamts. Lassen Sie mich nur auf zwei weitere zentrale Punkte eingehen, die ich strukturell für besonders bedeutsam halte. Zunächst einmal wissen wir, erstens, aus der Praxis von Vereinen wie aus Studien, dass trotz gestiegener Engagementzahlen manch ein Verein, insbesondere in ländlichen Räumen, unter sinkenden Mitgliederzahlen leidet. Aber auch große Verbände wie etwa die Freiwillige Feuerwehr beklagen rückläufige Mitgliederzahlen. Noch gravierender ist allerdings das Problem, die Führungs- und Vorstandspositionen zu besetzen. Gerade diese Ehrenämter mit hoher Verbindlichkeit und großem Zeitaufwand sind immer schwerer zu finden. Unsere Vereine brauchen dringend Unterstützung, um hierbei neue Strategien zu entwickeln, rechtzeitig Nachwuchs zu suchen und die Verantwortungsrollen auf mehrere Schultern zu verteilen.
Zweitens eröffnet die Digitalisierung viele, noch ungeahnte Chancen und Perspektiven, auch für die Zivilgesellschaft. Sie stellt Vereine und Organisationen aber auch vor Herausforderungen. Wir müssen sie dabei unterstützen, passgenaue Lösungen zu finden, damit die Engagierten von den digitalen Möglichkeiten profitieren, die Arbeit erleichtert und die Zivilgesellschaft gestärkt wird.

Was ist aus Ihrer Sicht heute »state of the art« in der Engagementförderung? Und wohin wird die Reise gehen?

Hier würde ich  – stark verkürzt – zwei zentrale Punkte nennen. Zum einen haben wir gelernt, dass es nicht ausreicht, individuelle Anreize für freiwilliges Engagement zu setzen. Entscheidend ist die Entwicklung stabiler und verlässlicher Infrastrukturen – sowohl in den Organisationen der Zivilgesellschaft als auch in Bund, Ländern und Kommunen. Der zweite Punkt betrifft die Frage, wie Staat, Zivilgesellschaft und auch Wirtschaft bei der Gestaltung von Engagementpolitik zusammenwirken. Eine Top-Down-Steuerung mit immer neuen Programmen der Politik allein kann den Ansprüchen der Zivilgesellschaft nicht gerecht werden. Ich denke, dass kooperative Projekte, an denen viele Partner beteiligt sind – die »Engagierte Stadt« kann hier als eine Blaupause gesehen werden –, die Zukunft sein werden. Und natürlich bekommen wir nächstes Jahr einen großen neuen Player in der Landschaft, der sicherlich große Gravitationskräfte erzeugen wird.

Sie spielen hier auf die in der Gründung befindliche Deutsche Engagementstiftung an. Wird diese einen, oder gar den, entscheidenden Unterschied machen?

Die Engagementstiftung ist eine gute und richtige Idee. Sie kann, wenn sie gut funktioniert, tatsächlich ein kleiner Durchbruch sein – sie soll ja ein Instrument sein, um dauerhafte Infrastrukturentwicklung zu ermöglichen. Genau das scheiterte bislang an gesetzlichen Rahmenbedingungen wie manchmal auch am politischen Willen. Die Stiftung ist daher ein wirklich gutes Signal.  Besonders wichtig ist es nun, dass sich in der noch in Klärung befindlichen Konstruktion der Stiftungsgremien auch die Bandbreite des bürgerschaftlichen Engagements und nicht nur die klassische Verbändelandschaft wiederfindet.

zur »Engagierten Stadt«

 


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