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Deutsch-russischer Austausch zum Umgang mit Geschichte

»Verrückte mit einem großen Herzen für Geschichte von unten« – so sahen sich die Teilnehmer eines deutsch-russischen Geschichtslehrertreffens in Berlin selbst. Während das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland auf politischer Ebene eher angespannt ist, trafen sich einige der erfahrensten Tutoren von Schülerwettbewerben beider Länder.

Die Tutorinnen und Tutoren nutzten die Begegnung für einen intensiven Austausch über ihre Erfahrungen mit lokaler Erinnerungskultur und der historischen Projektarbeit: Wie lassen sich junge Menschen für außerschulische Aktivitäten im Feld Geschichte motivieren? Welche Fähigkeiten brauchen Schülerinnen und Schüler, um die Vergangenheit zu erforschen, und wie können sie gelehrt werden? Auf welche Unterstützung können Lehrer und Schüler zählen, was sind die größten Hindernisse?

Das Treffen war Teil einer eineinhalbwöchigen Bildungsreise von russischen Geschichtslehrern nach Deutschland und Polen. Organisiert wurde sie von der russischen Menschenrechtsorganisation MEMORIAL International im Rahmen des EU- Programms »Public Democracy. EU und Russland«. Seit 1999 richtet MEMORIAL in Russland einen Geschichtswettbewerb für Schüler aus. Die Körber-Stiftung, die seit 45 Jahren den deutschen Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten durchführt, organisierte im Rahmen der Reise die Begegnung der russischen Lehrer mit aktiven deutschen Tutoren.

Beide Wettbewerbe sind Gründungsmitglieder von EUSTORY, dem europäischen Geschichtswettbewerbsnetzwerk, das die Körber-Stiftung 2001 initiiert hat. Sie gehören zu den ältesten und mit mehr als 30.000 bzw. im Fall von Russland sogar 50.000 bisher eingereichten Beiträgen zu den größten Wettbewerben des Netzwerks. In beiden Ländern spielen Lehrkräfte die entscheidende Rolle bei der Entstehung von Schülerforschungsprojekten zur Orts- und Familiengeschichte. Ihr Engagement ist die Voraussetzung dafür, dass verborgene Geschichten enthüllt werden, der intergenerationelle Dialog über die Vergangenheit gestärkt wird und jungen Menschen aus der Zivilgesellschaft heraus zu einer lebendigen Erinnerungskultur beitragen können.

Zum Auftakt des Treffens stellten die Teilnehmenden die Besonderheiten ihrer jeweiligen nationalen Wettbewerbe vor. In ihrer Präsentation wiesen die deutschen Tutoren auf verschiedene Herausforderungen hin: Zugänge zu Archiven und Recherchemöglichkeiten für Quellenmaterial sind häufig schwierig. Manchmal stoßen die Schüler bei lokalen Recherchen auch auf noch schwelende örtliche Konflikte, von denen sie ohne Betreuung schnell überfordert sind. Auch die Suche nach relevanten Zeitzeugen erfordert kreative Ideen, dasselbe gilt, wenn Journalisten, Experten oder Institutionen vor Ort als Unterstützer für die Projekte gewonnen werden sollen. Da die Arbeit überwiegend in der Freizeit der Beteiligten stattfindet, benötigen die häufig mehrmonatigen Projekte motivierende Begleitung und gutes Zeitmanagement für einen erfolgreichen Abschluss.

Die russischen Tutorinnen und Tutoren betonten, dass die Mehrheit der Teilnehmer ihres Wettbewerbs im ländlichen Raum lebten. Dort fehle manchmal jegliche Infrastruktur für historische Projektarbeit, so dass die Begleitung durch Pädagoginnen und Pädagogen besonders wichtig wird. Aber Verbindungen herzustellen zwischen der eigenen Familiengeschichte und der großen europäischen Geschichte sei attraktiv, und so habe sich das Projekt seit seiner Gründung zu einem wahrhaft »allrussischen« Wettbewerb entwickelt mit starker Beteiligung beispielsweise aus Woronesch, Wolgograd, Pensa, Twer, Swerdlowsk, Nowosibirsk, Rostow und Kostroma sowie aus Krasnojarsk oder der Region um Krasnodar.

Ein offener Austausch über die Rahmenbedingungen ihres Engagements brachte ans Licht, dass für einige ihr Engagement für den Wettbewerb nicht nur mit positiven Erfahrungen verbunden ist:  Einige russische Tutoren berichteten von dem zunehmenden Druck aus Schulverwaltungen, lokalen Regierungs- oder Bildungsbehörden der letzten Jahre, sich nicht an diesem Wettbewerb zu beteiligen.

Ende 2016 hatte das russische Justizministerium MEMORIAL zum sogenannten »ausländischen Agenten« erklärt, eine Maßnahme zur Stigmatisierung von Nichtregierungsorganisationen, die für ihre Aktivitäten in Russland auch Fördergelder aus dem Ausland erhalten. Vor zwei Jahren hatten nationalistische Aktivisten zudem die Gäste der russischen Preisverleihung in Moskau beleidigt und attackiert, woraufhin MEMORIAL die Sicherheitsmaßnahmen rund um die Abschlussveranstaltung des Wettbewerbs verschärft hat. Hintergrund der Anfeindungen ist, dass durch den Fokus auf Familiengeschichte auch dunkle Seiten der sowjetischen Geschichte wie Verbrechen zur Zeit des Stalinismus oder das Gulag-System in den Fokus geraten und damit in Gegensatz zu offiziellen Geschichtsnarrativen stehen können, in der eher die historischen Heldentaten betont werden.

Es ist also keine einfache Aufgabe, Jugendliche bei der historischen Spurensuche zu begleiten, aber alle Teilnehmenden waren sich einig, dass die Wettbewerbe nicht nur für die Schüler und ihre Familien, sondern auch für die Erinnerungskultur beider Länder von großer Bedeutung sind. Eine russische Lehrerin, die sich seit 20 Jahren in einem Jugendbildungszentrum engagiert, ist inzwischen auf Genealogie spezialisiert und hilft bei der aufwendigen Quellenrecherche zur Erstellung von Familienstammbäumen. Sie erzählte bewegende Episoden wie die von Schülern, denen es im Rahmen ihrer Recherchen gelang, Familienmitglieder wieder miteinander in Kontakt zu bringen, die sich im Zuge der Zwangsmigration im Zweiten Weltkrieg aus den Augen verloren hatten.

Die russischen Teilnehmenden beschrieben, wie nach der Krimkrise von 2014 der kulturelle Austausch zwischen Russland und seinen Nachbarn im Westen stark zusammengebrochen ist. Vor diesem Hintergrund haben die Teilnehmer die Berliner Begegnung sehr genossen und unterstrichen, wie wichtig ihnen ein grenzüberschreitender Austausch auf der zivilgesellschaftlichen Ebene ist –  gerade in Zeiten außenpolitischer Spannungen.

Hier gibt es mehr Informationen zu MEMORIAL International, zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten und zu EUSTORY


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