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Journalismus in der Krise

Die Bedeutung des Votums für die Öffentlich-Rechtlichen in der Schweiz

Das Scheitern der Schweizer No-Billag-Initiative zeigt, dass die öffentlich-rechtlichen Medien einen großen Stellenwert haben. Welches Signal sendet dies und hilft dies dem Journalismus aus der Krise? Mit den Herausforderungen, denen sich der Journalismus gegenübersieht, befasste sich Christopher Buschow in seiner Dissertation und wurde dafür mit dem Deutschen Studienpreis 2017 ausgezeichnet. Im seinem Beitrag kommentiert er die Situation in der Schweiz und die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien für die Zukunft des Journalismus. 

Ein Kommentar von Christopher Buschow

Am 4. März haben sich die Bürgerinnen und Bürger der Schweiz für öffentlich-rechtliche Medien entschieden. Die No-Billag-Initiative, die auf eine Abschaffung des Rundfunkbeitrags zielte und faktisch das Ende des service public in der Eidgenossenschaft bedeutet hätte, ist gescheitert. Auch wenn dieses Abstimmungsergebnis den Öffentlich-Rechtlichen kurzfristig den Rücken stärkt, werden die überall in Europa ausgebrochenen Debatten über ihre zukünftige gesellschaftliche Rolle weitergehen. Die eigentliche Krise des Journalismus ist noch dazu tiefgreifender: Vor allem die Erosion seiner finanziellen Basis in privatwirtschaftlichen Verlagen, die von Stellenabbau und Kostenreduktion in Redaktionen begleitet wird, schreitet stetig voran. Offenbar erleben wir aktuell eine durch zahlreiche Krisenerscheinungen charakterisierte, konfliktreiche 'Neuordnung des Journalismus'.

Ein Blick in die Vergangenheit

Die Blaupause für einen zukunftsfähigen Journalismus in digitalen Medien ist bislang nicht in Sicht. Indes impliziert die Entstehung der privatwirtschaftlichen Presse in Deutschland um 1870, dass sich seine Neuordnung kaum am Reißbrett wird planen lassen. Schon damals war es eine neue Generation von Verlegern, die durch ihr Unternehmertum, ihren Wagemut und ihre Innovationsfreude die prägenden Voraussetzungen für die Ausdifferenzierung und Professionalisierung des Journalismus schufen. Keineswegs war von Anfang an entschieden, welche inhaltlichen Formate oder Finanzierungsformen der Zeitung marktgängig sein würden. Auch heute deutet vieles darauf hin, dass die Zukunft des Journalismus nur in kollektiver Praxis, experimentell und durch einen schrittweisen Prozess der Erprobung verwirklicht werden kann.

Große Erwartungen werden dabei mit der Gründung neuer Medienorganisationen verbunden, die unabhängig von bestehenden publizistischen Strukturen entstehen. Es ist absehbar, dass eine neue Generation an Publizisten auf den Plan tritt, die gegenwärtige Krisenentwicklungen nutzt, um – in ihren jeweiligen Nischen – eine neue Ordnung des Journalismus zu erproben. Allerdings habe ich in meinem Beitrag für den Deutschen Studienpreis 2017 der Körber-Stiftung ausgeführt, dass diese verlagsunabhängigen Neugründungen und Start-ups keine leichten Startbedingungen für ihr Geschäft vorfinden. Insbesondere mangelt es an einer soliden Initial- und Anschubfinanzierung, auf der ihre Experimente sozialverträglich abgebildet werden können. Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert, und publizistische Unternehmungen sollten nicht in der Privatinsolvenz enden.

Die Rolle der Öffentlich-Rechtlichen für die Zukunft des Journalismus

An dieser Stelle kann dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine bedeutende Funktion zukommen, wenn er sich künftig auch als 'Gründungsinkubator' und 'Netzwerkorganisator' versteht. Das würde bedeuten, eine Infrastruktur für journalistische Neugründungen zu entwickeln, einen Experimentierraum für 'Trial-and-Error' zu schaffen, in dem neue journalistische Formate, Organisationsprinzipien und Formen der Zusammenarbeit ausgetestet werden, schließlich die Vernetzung von bereits gestarteten Gründungen, die noch zu selten überhaupt voneinander wissen, zu organisieren.

Diese Überlegungen korrespondieren mit dem Vorschlag des ehemaligen Direktors der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, Hans Hege, der im Tagesspiegel argumentiert hatte, eine staatsferne »Innovationsagentur« solle fünf Prozent der Rundfunkbeiträge für die Erprobung »innovativer Formate insbesondere für Zielgruppen, die die Anstalten nicht oder nicht mehr erreichen« nutzen können. Auch die August Schwingenstein Stiftung hat in einer Eingabe an die Bundesländer eine »gezielte Kooperation« zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Neugründungen ins Spiel gebracht.

Ein solcher Plattformansatz hieße, die Neuordnung des Journalismus auch aktiv über die Grenzen der eigenen Organisation hinaus mitzugestalten. Er wäre gleichwohl mit der Erkenntnis verbunden, dass die erfolgsträchtigsten Innovationen vermutlich nicht innerhalb der eigenen Organisationsstrukturen entstehen, sondern vielmehr von externen Unternehmern und Quereinsteigern entwickelt werden. Das ist kein einfaches Eingeständnis – aber ein Ansatzpunkt, die eigene gesellschaftliche Legitimität, die in der Schweizer No-Billag-Debatte so plakativ hinterfragt wurde und die auch in Deutschland in Zweifel gezogen wird, wieder zu stärken. 

Deutscher Studienpreis

Über Christopher Buschow:

Christopher Buschow promovierte am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Dort lehrt und forscht er zu Unternehmertum in den Medien. Zuletzt erschien von ihm seine Dissertation »Die Neuordnung des Journalismus. Eine Studie zur Gründung neuer Medienorganisationen«, die von der Körber-Stiftung mit dem Deutschen Studienpreis 2017 ausgezeichnet wurde.

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