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Winter-Paralymics 2018 – Behindertensport im Rampenlicht

Insgesamt 19 Medaillen (7 mal Gold, 8 mal Silber, 4 mal Bronze – so gut wie noch nie zuvor) für Deutsche Athleten bei den Winter-Paralympics im südkoreanischen Pyeongchang – der Behindertenleistungssport steht im Rampenlicht. Doch das ist noch immer eine Ausnahme, so Sebastian Schlund, Preisträger des Deutschen Studienpreises 2017. Zu Beginn der Paralymics haben wir mit ihm über den ausstehenden Lückenschluss, Prothesen, schulische Inklusion und die Geschichte gesprochen.

Herr Schlund, aktuell finden die Winter-Paralympics 2018 im südkoreanischen Pyeongchang statt. Bekommen Sportlerinnen und Sportler mit körperlicher Behinderung die Aufmerksamkeit, die sie verdienen?

In der Breite bekommen behinderte Sportlerinnen und Sportler sicher noch nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient hätten. Das öffentliche Interesse richtet sich eher auf einzelne Aushängeschilder und Ereignisse, insbesondere die Sommer-Paralympics. Allerdings wächst das Interesse in den letzten Jahren stetig, und es steht auch immer mehr die sportliche Leistung im Vordergrund, nicht die Beeinträchtigung. In den 1980er Jahren liefen die TV-Beiträge zu den Sommer-Paralympics in Seoul noch im Gesundheitsmagazin. Mittlerweile ist die Behindertensportberichterstattung auch wirklich Sportberichterstattung – ohne bemitleidenden Unterton. Diese Entwicklung ist definitiv erfreulich.

Sie haben sich in Ihrer Doktorarbeit mit der Geschichte des Behindertensports in Deutschlands auseinandergesetzt. Dabei geht es nicht zuletzt auch um die gesellschaftliche Teilhabe benachteiligter Gruppen – hier: behinderter Menschen. Wo stehen wir da aktuell – in Deutschland, in Europa, weltweit?

Es gibt eine generelle Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. 175 Staaten – auch Deutschland – haben die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Die Konvention soll behinderten Menschen die gleichberechtigte Teilhabe in allen Gesellschaftsbereichen garantieren. Was dies im Alltag bedeutet, bleibt aber unklar. Die konkrete Umsetzung von Absichtserklärungen ist eben oftmals langwierig, schwer und mit finanziellen Aufwendungen verbunden. Selbst in global gesehen extrem reichen Ländern wie Deutschland sind greifbare Verbesserungen nicht von heute auf morgen umsetzbar, zum Beispiel der Abbau baulicher Barrieren oder die Verwendung leicht verständlicher Sprache. Oder denken Sie an das Dauerthema schulische Inklusion. Es reicht nicht aus, zu sagen: »Wir machen ab morgen Inklusion in der Schule.« Wir müssen langfristiger denken und die gesamten Strukturen des Schulsystems sukzessive reformieren, insbesondere was die Lehrerausbildung anbelangt. Allgemein gesprochen: Die Teilhabechancen behinderter Menschen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verbessert. Gleichzeitig besteht in vielen Bereichen noch großer Handlungsbedarf, vor allem was den Abbau von Vorurteilen und Berührungsängsten betrifft. Diese stehen oft der gleichberechtigten Teilhabe im Weg.

Was hat den Wandel vom »Versehrtensport« in den 1950er Jahren zum hochprofessionalisierten Leistungssport heutzutage vorangetrieben?

Das waren insbesondere die behinderten Sportlerinnen und Sportler an der Basis. Sie haben mehr und mehr Selbstbestimmung über ihren Sport eingefordert – mit wachsendem Erfolg. Zunächst galt der Versehrtensport als Therapiemaßnahme, der weitgehend ohne Leistungsvergleich auskommen sollte. Viele wollten aber schlichtweg Wettkampfsport betreiben und immer wieder testen, wie weit sie springen, wie schnell sie laufen können oder wer am besten Tischtennis spielen kann. Dieser grundsätzliche Wunsch nach Leistungssport verband sich ab den 1970er Jahren mit einer Abkehr von der bis dahin vorherrschenden reinen Defizitorientierung. Akteure aus Politik und Wissenschaft wirkten dabei von außen auf die Entwicklungen im Behindertensport ein. Behinderung wurde ab dieser Zeit nicht mehr nur als tragisches Schicksal gesehen, oder als Defekt, den man medizinisch therapieren muss. Ein Aspekt der Entwicklung zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe und Selbstbestimmung behinderter Menschen war in der Folge auch die freie Entscheidung, den Sport so betreiben zu können, wie es die jeweilige Person eben möchte.

Stehen Sie mit dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) in Kontakt?

Ja, wir hatten während der Entstehung meiner Dissertation mehrfach Kontakt. Im Mai finden hier in Kiel die Special Olympics statt, da werde ich mit einigen Kolleginnen und Kollegen aus der Disability History am wissenschaftlichen Begleitprogramm beteiligt sein. Sicher ergibt sich dort die Gelegenheit für einen erneuten Austausch mit dem Verband, der im Übrigen mit den Strukturen, die ich in meiner Studie beschrieben habe, wenig gemein hat. Im DBS hat sich in den letzten 30 Jahren sehr viel positiv verändert.

Was halten Sie von Prothesen, die zum Beispiel körperlich behinderte Läufer zur Leistungssteigerung verhelfen, aber auch kritisch diskutiert werden?

Ich bin sehr froh, dass ich nicht darüber entscheiden muss, ab welchem Punkt eine Prothese eine unerlaubte Leistungssteigerung bedeutet. Das ist eine sehr heikle Frage. Generell spiegelt das Phänomen der High-Tech-Prothesen eine Entwicklung wider, die auch in anderen Bereichen zu beobachten ist: Bei technischen Neuerungen wird zunächst vieles probiert und angewendet, was möglich ist. Über die moralischen Implikationen reflektiert die Gesellschaft oft erst danach. Die technische Optimierung von Menschen – nicht nur im Behindertenleistungssport – sollte mit der ethischen Fragestellung verbunden werden, was das eigentlich mit dem Mensch-Sein macht.
Ein Punkt kommt mir bei der Prothetikdebatte im Behindertensport zu kurz: Man sollte stärker betonen, dass ein außergewöhnlich trainierter Mensch die Prothese bedient. Markus Rehm springt nicht so weit, weil die Prothese die ganze Arbeit erledigt, sondern weil er in mühsamer Kleinstarbeit einen ausgefeilten Bewegungsablauf entwickelt hat, der ihn letztlich so weit springen lässt.

Über Sebastian Schlund:

Sebastian Schlund studierte Neuere und Neueste Geschichte sowie Wissenschaftliche Politik im Magisterstudium an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Von 2012 bis 2013 promovierte er zunächst an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, von 2013 bis 2016 an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zum Thema »›Behinderung‹ überwinden? Die Geschichte des organisierten Behindertensports in der Bundesrepublik Deutschland (1950-1990)«. Er ist derzeit wissenschaftlicher Koordinator im Verbundprojekt »Intersektionalität interdisziplinär« am Collegium Philosophicum der Philosophischen Fakultät an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

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