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»Wir hätten uns schon viel früher kümmern müssen«

Spätestens in der Coronakrise ist deutlich geworden, dass ältere Menschen ohne Digitalkompetenz schnell abgehängt sind, beispielsweise wenn es darum geht, ohne Internet im Kontakt zu bleiben. Die Fachkommission Digitalisierung der BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen), unter der Leitung von Regina Görner, beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf ältere Menschen und setzt sich dafür ein, dass Maßnahmen getroffen werden, um ihnen den Zugang zu digitaler Technologie zu ermöglichen. Im Gespräch erläutert sie, was jetzt getan werden muss.

Digitalkompetenz gehört heute zum Rüstzeug für das alltägliche Leben. Während Kinder, Jugendliche und berufstätige Erwachsene im Blick von Gesellschaft und Politik sind, ist dies bei älteren Menschen zu wenig der Fall. Brauchen wir eine IT-Bildungsstrategie für Ältere?

Immerhin hat das Interesse älterer Menschen für digitale Kommunikation in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Viele nutzen mittlerweile das Netz für den Kontakt zu ihren Angehörigen und Freundinnen und Freunden. Aber dort, wo prekäre Lebensverhältnisse oder geringe Bildungsvoraussetzungen vorliegen, haben die vielen Unterstützungsangebote, die auch durch Regierungen, Kommunen oder Verbände auf den Weg gebracht wurden, ihr Ziel oft nicht erreicht. Spätestens in der Coronakrise ist deutlich geworden: Wir hätten uns schon viel früher gezielt um die Digitalkompetenz aller älteren Menschen kümmern müssen.

Diejenigen von ihnen, die in der Vergangenheit bereits Zugang zu den neuen Medien erworben haben, konnten auch unter den Kontaktbeschränkungen mit ihrem sozialen Umfeld in Verbindung bleiben. Für die, die das nicht konnten, sind schwer erträgliche Härten entstanden, bei denen Lockerungen möglicherweise noch eine ganze Weile auf sich warten lassen werden. Das gilt in besonderem Maße für Menschen, die vollstationär untergebracht sind. Da unter den geltenden Kontaktbeschränkungen der Zugang zu ihnen oft weder für Familienmitglieder oder Freunde, noch für Ehrenamtliche möglich ist, sind die herkömmlichen Einstiegsweisen für viel zu viele ältere Menschen praktisch verschlossen.

Die BAGSO hat vor dieser Entwicklung seit Jahren gewarnt und nicht nur in diesem Zusammenhang vorgeschlagen, eine gezielte IT-Bildungsstrategie für Ältere zu entwickeln und umzusetzen. Das ist nicht zuletzt deshalb unverzichtbar, weil digitale Technik immer mehr den Alltag bestimmt. Selbst öffentliche Dienstleistungen werden zunehmend seltener analog angeboten. Wenn es schon nicht gelingt, auch analoge Angebote neben den digitalen flächendeckend vorzuhalten, muss wenigstens allen Menschen der Zugang zum digitalen Bereich erschlossen werden. Das darf nicht von der Bereitschaft des Einzelnen, seiner materiellen Lage oder seinen Bildungsvoraussetzungen abhängen.

Wie kann die Gruppe der Älteren erreicht werden, die sich von der Digitalisierung überfordert fühlt? Brauchen ältere Menschen besondere Angebote, um digitale Kompetenz zu erwerben und welche Maßnahmen sind hier sinnvoll?

Viel zu viele Angebote im Bereich der Digitalisierung sind zu wenig von den Bedingungen der Endnutzer her konzipiert. Das gilt für Hard- und Software gleichermaßen. Vor allem Einsteiger fühlen sich von der Intransparenz der Geräte überfordert. Die Vielzahl von möglichen Optionen begreifen sie nicht als Potential, sondern als Hürde. Ständig wechselnde Displaygestaltungen z. B. erschweren die gesicherte Handhabung nicht allein für ältere Menschen, aber wenn es im Alter zu motorischen oder sensorischen Einschränkungen kommt, erhöhen sich die Hürden noch einmal dramatisch.

Dass »Weniger« oft »Mehr« wäre, ist den Softwareentwicklern und Herstellern offenbar nicht wirklich bewusst. Beim Einstieg in die neue Technik fehlt es oft noch an altersgerechten Lernmethoden, die vor allem denjenigen, die im Laufe ihres Lebens mit negativen Lernerfahrungen konfrontiert wurden, neue Zugänge schaffen könnten. Ich habe allerdings den Eindruck, dass alle diese Probleme keineswegs nur altersabhängig sind – auch jüngere Nutzer fühlen sich oft überfordert, trauen sich aber seltener, daraus Ansprüche an die Hersteller abzuleiten. Ältere Menschen lernen – wie jüngere auch! – oft am besten von Altersgenossinnen und -genossen. Mit dem Digital-Kompass und der Servicestelle »Digitalisierung und Bildung für ältere Menschen«, mit dem die BAGSO im Auftrag der Bundesregierung vor allem ältere Multiplikatoren für Digitalkompetenz qualifiziert und vernetzt, setzen wir verstärkt auf solche Ansätze. Es zeigt sich aber, dass auch generationenübergreifende Angebote gut angenommen werden.

Wie können diese Angebote geschaffen werden und wer muss daran beteiligt werden? Könnte so etwas wie Schulfernsehen für ältere Menschen zum Thema Digitalisierung helfen?

Schon heute haben einzelne Kommunen oder auch Verbände und Vereine es zu Recht als ihre Aufgabe begriffen, älteren Bürgerinnen und Bürgern den Zugang zur Digitalisierung zu ermöglichen. Was fehlt, ist die nötige Flächendeckung. Ältere Menschen sind allerdings über die Strukturen des Bildungswesens oft nur noch schlecht erreichbar. Aber die meisten – das wissen wir – haben immer noch einen ziemlich hohen TV-Konsum. Da könnte man sie unmittelbar »abholen«, aber das wird so gut wie gar nicht genutzt. Es fehlt in den Programmen notorisch an Angeboten, die gezielt auf Ältere ausgerichtet sind. Wir wünschen uns TV-Formate, die gut aufbereitet, die Grundlagen der Digitalkompetenz so vermitteln, wie das vor Jahren mit dem beliebten »7. Sinn« für die Verkehrskompetenz erfolgreich praktiziert wurde: kurze, anschauliche Clips, die in regelmäßigen Abständen seriöse Information aufbereiten und eine hohe Zuschauerzahl ansprechen und auch zu Gesprächen anregen.

Ich nehme wahr, dass viele Ältere solche Fernsehformate begrüßen würden, aber die Sache kommt nicht recht voran: Selbst öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten suchen ihr Publikum vor allem bei jüngeren Menschen. Argumentiert wird dabei oft mit den Ansprüchen der Werbewirtschaft, die ihre Kunden bei den Jüngeren suchen. Angesichts der Kaufkraft, die heute bei den Älteren vorhanden ist, kann man diese Haltung kaum nachvollziehen. Allerdings wissen wir auch, dass die Lebensbedingungen älterer Menschen sehr unterschiedlich sind, und bei viel zu vielen einfach schon die materiellen Rahmenbedingungen der Beteiligung an der digitalen Welt entgegenstehen. Menschen, die in Pflegeheimen leben, haben oft nur noch wenig freie Mittel zur Verfügung, so dass selbst eine Sim-Karte unerschwinglich erscheint. Deshalb brauchen wir zum Beispiel dringend durchgängig in allen öffentlichen Einrichtungen, die vor allem von älteren Menschen genutzt werden, freies WLAN. Pflegeheime sind da oft noch sehr »zurückhaltend«. Ich halte das nicht mehr für akzeptabel.

Sicherheit von Geräten, Anwendungen und Daten ist ein Thema, dass alle, insbesondere aber ältere Menschen beschäftigt. Wie könnten dabei Anbieter, Gerätehersteller und Software-Entwickler stärker in die Pflicht genommen werden?

Auch das Sicherheitsproblem betrifft natürlich nicht nur ältere Nutzerinnen und Nutzer, aber je weniger man mit der Digitalisierung in Berührung gekommen ist, desto deutlicher werden die Risiken wahrgenommen, die mit der Technik verbunden sein können. Das Geschäftsmodell in der IT-Wirtschaft, wonach man Geräte anbietet, die erst noch durch Zukäufe sicher gemacht werden müssen, baut hohe Hürden auf. In keiner anderen Branche sind Menschen gewohnt, dass sie beim Kauf eines Gerätes erst noch selbst für die Sicherheit seiner Nutzung sorgen müssen. Es ist in der IT-Branche offenbar noch nicht wirklich begriffen, dass Geräte von den Endnutzenden hergedacht und entwickelt sein müssen.

Bei den Industrie-Kundinnen und -Kunden hat man es da gewöhnlich mit IT-Expertinnen und -Experten zu tun. Privatpersonen dagegen dürfen erwarten, dass die Hersteller ihre Bedürfnisse ernst nehmen und ihren Ansprüchen an Sicherheit, Überschaubarkeit, einfacher Anwendung etc. gerecht werden. Davon wird auch abhängen, ob die Smarthome-Angebote, die älteren Menschen das Leben beträchtlich erleichtern könnten, von Privatkunden angenommen werden. Dass der Nutzer, die Nutzerin selbst entscheiden kann, welche der persönlichen Daten sie in welcher Lebenssituation wie weit freigeben wollen, sollte zum Beispiel zum Standard gehören. Der Datenhunger der Anbieter wird jedenfalls das Vertrauen in die Sicherheit der Technik nicht verstärken. Da muss die Industrie in Vorleistung gehen.

Suchanfragen im Internet, aber auch Entscheidungen zur Kreditwürdigkeit oder Ermittlung der Schadenwahrscheinlichkeit werden durch Algorithmen/Software automatisiert. Ist hier zu befürchten, dass sich diese automatisierten Entscheidungen diskriminierend auf Ältere auswirken? Wie könnte dem entgegengewirkt werden?

Das Problem bei den Algorithmen ist natürlich vor allem, dass ihre Bestimmungsfaktoren nicht offenliegen und nicht auf ihre Wirkung hin überprüft werden können. Deshalb muss man befürchten, dass die Ersteller oder Auftraggeber nicht nur bewusst ihre eigenen Interessen in die Konstruktion einfließen lassen, sondern auch ihre Vorurteile und gesellschaftlichen Konzepte ungeprüft zum Tragen kommen.

Wir treffen in der Gesellschaft immer wieder auf überholte Altersbilder, die mit der Wirklichkeit heute gar nichts mehr zu tun haben. Da ist die Befürchtung, dass solche Vorurteile diskriminierend in die Gestaltung von Algorithmen einfließen können, leider nur zu naheliegend. Auch hier sollten Hersteller und Entwickler verstehen, dass sie das Vertrauen in ihre Produkte durch die Offenlegung ihrer Algorithmen beträchtlich steigern könnten. Solche bewusst nutzerfreundlichen Geschäftsmodelle können enorme Wettbewerbsvorteile mit sich bringen.    

Regina Görner, stellvertretende Vorsitzende der BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen und von 1999 bis 2004 Ministerin für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales im Saarland, leitet gemeinsam mit Heidrun Mollenkopf die Fachkommission »Digitalisierung« der BAGSO.

Kontakt

Standort:
Bergedorf
Gräpelweg 8
21029 Hamburg (Bergedorf)

Caterina Römmer
Leiterin Bildung und Kultur

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 33
E-Mail roemmer@koerber-stiftung.de


Wer Unterstützung zu Smartphone und Tablet sucht, wendet sich gerne an den Digital-Kompass im Haus im Park. Sie erreichen den Digital-Kompass im Haus im Park dienstags von 14.00 bis 16.00 Uhr unter Telefon 040· 72 57 02-70.

Digitale Sprechstunden und Tipps und Unterlagen zum Thema Internet und soziale Netzwerke finden Sie unter www.digital-kompass.de.

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