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»Eine tolle Reise nach Russland«

Die Jugendfußballer des Hamburger Vereins Altona 93 fahren im Rahmen des 60-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft zu ihrem Partnerverein Lokomotive Sankt Petersburg. Wladimir Bondarenko, Integrationsbeauftragter des Vereins, spricht über Stolpersteine im deutsch-russischen Verhältnis und die Integrationskraft des Fußballs.

Bondarenko ist seit dem Jahr 2012 Integrationsbeauftragter des Hamburger Fußballclubs Altona 93. Er trainiert eine Jugendmannschaft und organisiert den Austausch mit anderen Vereinen im Ausland. 

Sie wurden in Temirtau in Kasachstan geboren. Was hat Sie nach Hamburg geführt?

Das war keine einfache Entscheidung. Mit der Perestroika unter Gorbatschow und dem Zerfall der Sowjetunion gab es allerdings politisch und vor allem wirtschaftlich große Probleme in Kasachstan. In dieser Zeit habe ich mich dann, wie viele Russlanddeutsche, entschlossen nach Deutschland zu gehen.

Was hat Ihnen die Entscheidung so schwer gemacht?

Ich war besorgt, vor allem weil ich kein Wort Deutsch gesprochen habe. In der Schule habe ich Englisch gelernt und ich war immerhin schon 30 Jahre alt, als wir uns dann auf Weg gemacht haben. Ich musste in Deutschland von Null anfangen und mir mein Leben neu aufbauen.

Wie haben Sie damals das »Ankommen« in Deutschland erlebt?

Ich habe mich in den ersten Wochen verständlicherweise fremd gefühlt. Ich hielt aber ab dem ersten Tag Ausschau nach einer Möglichkeit Fußball zu spielen. Eines Tages bin ich dann zufällig auf einem Fußballplatz gelandet und habe mich spontan mit einer Gruppe Straßenfußballer zusammengetan, die noch einen Mitspieler brauchten. Ich verstand zwar kein Wort, begriff aber, dass ich in das Spiel einsteigen sollte, das hat – trotz Sprachbarriere – wunderbar geklappt. Fußball ist und bleibt einfach ein unglaublich gut funktionierendes Integrationsinstrument.

Gilt diese positive Erfahrung auf dem Fußballplatz denn auch für das Alltagsleben?

Ich habe anfangs schon mit der Sprache gekämpft. Nach einem halben Jahr konnte ich mich ganz gut auf Deutsch verständigen, aber mir fehlten noch die ganzen technischen Fachbegriffe für den Ingenieurberuf. Und bei der Behörde, wo ich um die Arbeitserlaubnis bat, war man sich über meine Sprachkenntnisse nicht einig. Ein Mitarbeiter unterhielt sich mit mir und kam zu dem Schluss, dass meine Deutschkenntnissen nicht ausreichen. Zehn Minuten später sprach ich mit einer anderen Person, die sagte: »Sie sprechen doch gut Deutsch, sie können sofort anfangen zu arbeiten.« Es hat dann drei Jahre gedauert, bis ich auch in Deutschland meinen Beruf ausüben durfte.

Wie kamen Sie dann zu Altona 93?

Ich war schon in Kasachstan leidenschaftlicher Fußballer und war in der Regionalliga aktiv. Als ich 2004 nach Bahrenfeld zog, lag der Verein praktisch um die Ecke und ich habe angefangen für die Seniorenmannschaft zu spielen. Ein Freund von mir war bei Altona 93 Jugendleiter und wollte mich davon überzeugen, Trainer zu werden. Die Idee fand ich gut, weil ich dann auch meinen Sohn trainieren konnte. So war der Weg in den Verein sehr leicht, wobei man sagen muss, dass ich hier auch sofort willkommen geheißen wurde.

Sie sind seit 2012 Integrationsbeauftragter bei Altona 93. Was sind dort ihre Aufgaben?

Ich bin für Grundsatzfragen der Integration und der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zuständig. Gleichzeitig organisiere ich die Reisen mit den Jugendmannschaften ins Ausland. Altona 93 steht für einen Sportverein, der »bunt« ist. Über 40 Prozent unserer Spieler haben einen Migrationshintergrund und die letzten zwei Jahre waren wir ein sogenannter »Integrationsstützpunkt des Hamburger Sportbundes«, weil wir uns besonders in Projekten engagieren, die Einheimische und Migranten zusammenführen. Wenn es nötig ist, greife ich bei Konflikten im Verein ein, berate und versuche zwischen den Parteien zu vermitteln. Manche unserer Neumitglieder mit Migrationshintergrund trauen sich anfangs nicht, sich im Verein einzubringen, weil sie noch nicht so gut Deutsch sprechen.

Welche Probleme tauchen denn in einem Verein wie Altona 93 auf?

Kulturelle Unterschiede gibt es, aber sie sind kein Problem. Eigentlich geht es meist um Kleinigkeiten wie Pünktlichkeit. Wenn man das so sagen möchte, ist das eine deutsche Tugend, aber manche Spieler verstehen nicht, wie man darum so ein riesen Aufhebens machen kann, wenn sie fünf Minuten zu spät kommen. Wobei die jüngeren Spieler in diesem Fall auch schon wieder anders ticken, die sind weniger rigoros. Insgesamt vereint uns die Begeisterung für den Fußball, natürlich muss sich jeder ein bisschen anpassen, aber insgesamt profitiert der ganze Verein von der Unterschiedlichkeit seiner Spieler.

Sie sind auch verantwortlich für den Austausch mit Russland. Was ist für dieses Jahr des Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Sankt Petersburg geplant?

Wir werden im August mit Jugendteams zu unserem Partnerverein Lokomotive Sankt Petersburg fahren. Dort sind wird gemeinsam für alle sportlichen Aktivitäten rund um ein großes Jugendevent in der Stadt verantwortlich. Mit Lokomotive haben wir schon einige Male Austausche organisiert und sie waren zuletzt 2015 im Rahmen des Projektes »Energize your city« der Stadt Hamburg und der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch bei uns. Wir haben damals ein großes Turnier veranstaltet mit ganz vielen Mannschaften und Länderständen, mit denen Vereinsmitglieder ihre Herkunftsländer musikalisch und kulinarisch präsentiert haben.

Der Austausch mit russischen Mannschaften hat in ihrem Verein schon Tradition, wie kam das?

Angefangen hat alles mit Fahrten nach Kaliningrad. Das war 2007 die Idee der Senatskanzlei, weil sie eine Kooperation zwischen Sportvereinen in Hamburg und seinen Partnerstädten aufbauen wollten. 2010 kam die erste russische Jugendmannschaft zu uns, danach sind wir mit unserer U17- Mannschaft nach Kaliningrad gereist und ich muss sagen, die Jungs waren begeistert. Bei der zweiten Reise hatte ich eine U12-Mannschaft dabei und die russische Seite konnte keine Jugendherberge organisieren, deshalb mussten jeweils ein oder zwei Jungs in eine Gastfamilie der russischen Spieler. Da hatte ich ziemliche Bedenken, allein aufgrund der Verständigung. Kaum waren wir angekommen, hab ich allerdings zwei Tage nichts mehr von den Jungs gehört, die wurden sehr umsorgt und hatten anscheinend eine Menge Spaß. Die Kommunikation lief dann eben in manchen Fällen über den Google Übersetzer. Wegen solcher Erfahrungen machen wir den Austausch, das bekämpft einfach Vorurteile. Die Jugendlichen bekommen ein ganz anderes Gespür für das Land und schließen richtige Freundschaften.

Wie kam die Verbindung nach Sankt Petersburg zustande?

Wir wollten noch einmal eine größere Stadt in Russland besuchen und Sankt Petersburg bot sich natürlich als Partnerstadt Hamburgs an. Ich war schon als Schulkind dort, damals hieß sie noch Leningrad, und ich muss sagen, die beiden Städte sind sich irgendwie ähnlich. Überall gibt es Wasser, die Städte sind sehr schön, aber im Winter kann es auch ganz schön grau werden. Historisch gesehen finde ich es schon bewundernswert, dass es diese Partnerschaft schon so lange gibt.

Gibt es Schwierigkeiten im Austausch mit der russischen Seite?

In Deutschland plant man ja gerne ein Jahr im Voraus und bucht schon alles. Ich rufe dann in Russland an und sage: Wir kommen in acht Monaten und benötigen Unterlagen von euch. Der Trainer am anderen Ende der Leitung freut sich und sagt trotzdem: Wladimir, du bist viel zu früh dran. Ruf in sechs Monaten nochmal an! Damit kann ich natürlich nicht planen, aber das sind eher kleinere Stolpersteine. Die politische Situation hingegen wirkt sich schon aus. Nach der Krim-Krise wurden die vereinfachten Einreisebestimmungen für Jugendaustausche von deutscher Seite aufgekündigt. Nach einiger Zeit haben die Russen dann auch nachgezogen. Jetzt ist alles viel komplizierter und ich frage mich schon, wem das etwas gebracht hat.

Wie würden Sie ihren persönlichen Antrieb beschreiben?

Meine Motivation speist sich aus meiner eigenen Lebensgeschichte. Ich sehe eine ganz große Möglichkeit, den Kindern ein eigenes Bild über das jeweilige Land zu vermitteln, unabhängig von Vorurteilen oder dem Bild in den Medien. Und das gilt nicht nur für Russland, sondern für alle Länder, die wir bereisen. Die Kinder sollen frühestmöglich ihren eigenen Kopf einschalten und nachdenken. Manchmal treffe ich zufällig noch ältere Spieler von mir in der Bahn und höre oft: »Mensch, das war damals eine tolle Reise nach Russland.« Das freut mich sehr.


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