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History education is a field of opportunity

History and Politics. Der Audio Podcast der Körber-Stiftung

Thema dieser Folge:
History education is a field of opportunity
Innovative Geschichtszugänge und gesellschaftlicher Dialog


mit Joachim Telgenbüscher, Ressortleiter Geschichte beim Verlag Gruner & Jahr

Hallo und herzlich willkommen zu unserer neuen Folge von History and Politics, dem Podcast der Körber-Stiftung zu Geschichte und Politik. Ich bin Gabriele Woidelko und ich freue mich sehr, dass Sie in unsere letzte Podcast-Folge des Gedenk- und Corona-Jahres 2020 reinhören.

Für diese letzte Folge haben wir uns einmal einen anderen Gast eingeladen. Jemanden, der mit Geschichte außerhalb der Universität sein Geld verdient und dessen Aufgabe es ist, einem breiten Publikum zu vermitteln, wie die Vergangenheit unsere Gegenwart prägt.

Die Rede ist von Joachim Telgenbüscher, der sich selbst als Journalist mit historischem Instinkt beschreibt und sich hauptberuflich als Ressortleiter Geschichte beim Verlag Gruner & Jahr tagtäglich mit Geschichtsvermittlung beschäftigt. Privat versorgt er als „drguidoknapp“ auf Twitter eine Fangemeinde von knapp 120.000 Menschen mit sogenannter „verrückter Geschichte“. Dazu gehören historische Informationen wie die über die Gründung einer Vereinigung zur Vermeidung nutzloser Geschenke in New York City im Jahr 1912.

Meine Kollegin Fiona Fritz hat mit Joachim Telgenbüscher über die Chancen, Besonderheiten und Herausforderungen von Geschichtsvermittlung im digitalen Raum gesprochen. Dabei geht es um die Fragen, wie viel Kürze komplexe Zusammenhänge vertragen, wie wir damit umgehen, wenn historische Fakten verdreht und instrumentalisiert werden und auch um das ganz große Thema, ob wir aus der Vergangenheit überhaupt lernen können.


Herr Telgenbüscher, zum Einstieg möchte ich Sie gerne kurz vorstellen. Sie haben einen Master in Geschichte von der Cambridge University und haben dann Journalismus an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg studiert. Jetzt sind Sie beruflich in der Geschichtsvermittlung bei Gruner & Jahr aktiv, teilen aber auch privat auf Twitter „verrückte Geschichte“. Ich habe mich gefragt, wie möchten Sie gerne vorgestellt werden?

Joachim Telgenbüscher: Ich habe tatsächlich über diese Frage ein bisschen nachgedacht, wie ich mich hier vorstellen soll. Dann bin ich zu folgender eleganten Lösung gekommen: ich bin ein Journalist mit historischem Instinkt. Oder ein Historiker mit journalistischem Instinkt. Ich konnte mich nicht entscheiden. Aber das Fazit ist, ich bin natürlich eine Mischung.

Das bringt mich gleich zu meiner ersten Frage, weil Sie sich ja auf vielen Kanälen mit Geschichte befassen und Geschichte erzählen. Beruflich für die Printmagazine PM History und GEO Epoche und im privateren Rahmen teilen Sie ja auch auf Twitter als @drguidoknapp verrückte Geschichte und sogar auch auf Instagram.

Ja, das stimmt. Man kann schon sehen, dass mir die Geschichtsvermittlung sehr am Herzen liegt. Ja, ich bin auf vielen Plattformen unterwegs, das ist historisch gewachsen. Ich wollte damals am Ende meines Masterstudiums eigentlich von der Geschichte nichts mehr wissen, ich hatte es ein bisschen über, war ein bisschen überdrüssig und habe deswegen auch keine Promotion begonnen, sondern stattdessen in den Journalismus gegangen. Erst wollte ich natürlich wie alle große Reportagen schreiben, habe aber dann doch gemerkt, dass ich in der Geschichte am meisten Knowhow habe und das Interesse am tiefsten geht. Dann habe ich erst mal den klassischen Printjournalismus gemacht, war lange bei GEO Epoche Redakteur. Dann habe ich aber, als die Jahre ins Land gingen, gemerkt, dass es auch neue Formen gibt, die der klassische Journalismus nicht so im Blick hat oder zumindest damals nicht im Blick hatte und dann habe ich angefangen bei Twitter. Weil das so kurz war, dachte ich, das ist arbeitsökonomisch sehr klug – damals, glaube ich, noch 140 Zeichen – da kann ich so ein paar Sachen ausprobieren, Anekdoten abwerfen und Fakten, die in einem langen Text keinen Platz mehr gefunden haben. Und dann später, also ich Redaktionsleiter bei PM History wurde, gab es das Projekt, mal einen Podcast zu stemmen. Damit hatte ich vorher keine Erfahrungen und das hat mir auch Spaß gemacht. Also Hauptsache man vermittelt Geschichte und nutzt die Vielfalt der Plattform. Das erhöht die Freude an der Arbeit noch mehr.

Das finde ich einen ganz spannenden Ansatz, diese Freude an der Arbeit und an der Geschichtsvermittlung. Lassen Sie uns kurz bei Twitter noch bleiben, wie wählen Sie denn da die Inhalte aus? Das ist ja eine ganz bunte Mischung, wild durch die Epochen, von der Antike bis vorgestern quasi.

Ja, man ist da versucht, einen inneren Sinn zu finden, aber den gibt es gar nicht so sehr, weil ich das morgens früh beim ersten Kaffee mache und abends dann noch mal. Und manchmal auch händeringend nach Dingen suche. Manchmal laufen die mir im Rahmen einer Heftproduktion über den Weg. Das merkt man dann auch ein bisschen, dass es sich thematisch ballt. Es sind einfach Dinge, über die ich gestolpert bin, die ich irgendwie bemerkenswert fand, wo ich kurz aufgehorcht habe. Es sind Fundstücke, Lesefrüchte, Dinge, die mir zugelaufen sind. Kurz und knapp müssen sie natürlich sein, das war immer schon das Prinzip.

Bei Twitter hat man, natürlich viel mehr eine unmittelbare Reaktion der Nutzer, des Publikums. Das mag ich an den sozialen Medien. Man merkt sofort, ob die Leute das gut finden, ob es einen Nerv trifft, oder ob es sie langweilt oder kalt lässt. Das hat man ja im klassischen Printjournalismus nicht. Natürlich da gibt es Leserbriefe, aber es ist auch nur ein Teil der Gesamtleserschaft, der sich überhaupt noch hinsetzt und einen Leserbrief schreibt.

Lassen Sie mich zur nächsten Plattform übergehen, die Sie bedienen, und zwar Podcasts. Zusammen mit Janine Funke und Fabian Klabunde machen Sie den Podcast „die vergessenen drei“ bei Audible und erzählen da Geschichte anhand von Biografien von meist eher unbekannten Personen.

Für Historiker und Historikerinnen meist dann doch auch bekannt, aber der Podcast richtet sich eben an ein breiteres Publikum.

Ich fand Ihren Zugang total spannend: Sie haben die Biografien gruppiert, zum Beispiel Verräter, Lebensretter, Pionierinnen. Was hat Sie an diesem Zugang besonders fasziniert?

Das sind mehrere Aspekte: Zunächst natürlich dieses personalisierte Erzählen, Biografien zu erzählen, Lebensgeschichten zu erzählen, nahe dran an einer historischen Figur zu sein. Dann aber auch natürlich dieses Diskursive, das Gespräch, eine Dynamik, das gefällt mir sehr gut. Und es hat mich auch gereizt, eine Kategorie als Titel zu nehmen. Das hat uns die Möglichkeit eröffnet, ein sehr unterschiedliches Trio vorzustellen, das aber wiederum doch etwas verbindet. Wenn wir die „Lebensretter“ als Beispiel nehmen, das war eine Folge von uns, da waren wir bei einem Impfstoffentwickler – das war noch vor der Pandemie – aber auch jemand, der im Schlachtgetümmel Alexander dem Großen das Leben gerettet hat und Irena Sendler, die im zweiten Weltkrieg jüdischen Kindern in Polen das Leben gerettet hat. Und das ist einfach extrem abwechslungsreich und hinzu kommt noch das Moment, dass diese Personen vergessen sind. Das ist natürlich ein großes Wort, aber nicht nur die großen Marken der Geschichte zu nehmen, sondern in die zweite Reihe, dritte Riehe zu schauen. Das fand ich extrem schön. Das hat mir wirklich Freude gemacht. Und ich glaube, meinen Mitstreiterinnen auch.

Wir haben uns auch ein bisschen warm gequatscht. Also wer jetzt da mal reinhören will, vielleicht mal in der Mitte anfangen. Es war für uns alle neu. Janine Funke ist Doktorandin, Fabian Klabunde arbeitet mittlerweile, glaube ich, als Referent in der Hamburger Bürgerschaft und ich bin Printjournalist. Wir drei mussten erst mal die Scheu vor dem Mikrofon ein bisschen überwinden.

Unter dem Aspekt der Vermittlung: Hatten Sie ein bestimmtes Ziel, eine bestimmte Zielgruppe vor Augen oder ging es da eher darum, diese Geschichte zu vermitteln? Und ganz allgemein, welche Geschichten wollten Sie denn da überhaupt vermitteln?

Die Genese war so: Von PM gibt es auch schon einen Physik-Podcast. „Sag mal du als Physiker“ heißt der, und der ist, glaube ich, mittlerweile in der vierten, oder fünften Staffel. Also wirklich schon ein richtiger Erfolg. Und das war damals so ein bisschen ein Zufallstreffer und da hat man schnell gemerkt, wie groß das Interesse an Wissensvermittlung auch in diesem Segment ist. Und zwar Wissensvermittlung, die man auch nebenbei konsumieren kann, wenn man die Spülmaschine einräumt. Wir haben eine Folge über die Erfinderin der Spülmaschine gemacht, einer Amerikanerin, und da bekamen wir eine Zuschrift, dass jemand das gehört hat, während er oder sie, die Spülmaschine eingeräumt hat. Also wir wollten ein Format entwickeln, das dann auch beim Pendeln und so funktioniert.

Also tatsächlich Alltagsgeschichte für den Alltag erzählen.

Ja, das ist ein großer Vorteil von Podcasts. Mal abgesehen davon, dass es personalisiert ist, dass man menschliche Stimmen hat und auch diese Dynamik, die ich eben beschrieben habe, ist sicherlich ein ganz großer Vorteil. Hinzu kommt, dass er

zu anderen Zeiten konsumiert werden kann. Das Hinsetzen mit einem Magazin, also diese Ruhe, das hören wir immer wieder, haben viele Leute gar nicht mehr. Sie stehen dann vor dem sie anklagenden Stapel, der noch nicht gelesenen Hefte, wo man nicht hinterherkommt. Und den Podcast den kann man eben sehr gut in einen sehr vollen Alltag integrieren.

Wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld zwischen Komplexität und Verständlichkeit um? Das finde ich an der Stelle ganz spannend,

Ja, also boulevardesk wollen wir nicht sein. Es ist eine Herausforderung, die wirklich ein Kernelement meines beruflichen Alltags ist. Etwas so anschaulich und spannend aufzubereiten und dabei nicht holzschnittartig zu werden oder im schlimmsten Fall sogar auch eine falsche Perspektive zu verbreiten. Das ist letztlich immer ein Kompromiss. Ich glaube, dass Experten zu den Themen, die wir da behandelt haben, natürlich sagen werden, dass sie das alles schon wussten. Damit wäre ich aber zufrieden. Aber wenn sie sagen würden, dass das alles Quatsch ist, dann hätte ein Problem damit. Aber es richtet sich eben an ein Publikum, das davon noch nicht so viel weiß. Und es geht immer darum, über die spannende Erzählung große Themen mitzutransportieren.

Was meinen Sie mit große Themen?

Man könnte zum Beispiel, wenn man sehr personalisierte Geschichten erzählt, sich in einer spannenden Biografie verlieren, sodass es dann nur noch Theaterdonner, Spannung, Cliffhanger und großes Drama ist. Aber wir versuchen immer, ein größeres Thema anzusprechen. Zum Beispiel haben wir eine Geschichte gemacht über eine der ersten schwarzen amerikanischen Komikerinnen. Und da ging es natürlich auch einfach um das Leben in den amerikanischen Südstaaten zu Zeiten von Jim Crow so was lassen wir nicht unter den Tisch fallen, sondern im Gegenteil, wir haben eine personalisierte Geschichte und auch gleichzeitig historische Themen, die wir transportieren.

Das finde ich einen sehr spannenden Zugang: Wir stellen die Biografien in den Mittelpunkt, aber an dieser Biografie hängt die Geschichte mit dran und mit drin.

Ja.

Sie haben gerade auch schon den Punkt angesprochen, dass sie es richtig erzählen wollen, das heißt, die Geschichte nicht falsifizieren, oder Fakten verzerren. Ich habe das gerade noch mal geprüft. Auf Ihrem Twitter Kanal liefern Sie immer die Quellenangabe mit und zum Teil auch noch, wer Ihnen den Hinweis gegeben hat. In Ihrem Podcast übernimmt Fabian Klabunde die Rolle des Factcheckers. Und bei GEO Epoche ist sogar im Impressum vermerkt, dass Fakten, Daten und Karten vom Verifikationsteam geprüft wurden.

Das ist ein großes Thema. Das ist ein Anspruch, den ich an mich selber stelle bei den Tweets. Ich kann das natürlich nicht erschöpfend recherchieren, aber zumindest versuche ich immer, eine relativ belastbare Quelle zu finden. Auch wenn ich Wikipedia verlinke, schaue ich mir an, auf welchen Quellen dieser Artikel basiert. Das mache ich aber auch, damit Leute dann auch ein bisschen mehr darüber lesen können. Das ist einfach mein Anspruch. Und weil Sie GEO Epoche ansprechen, da wird das wirklich am meisten gelebt. Es gibt Dokumentare und Dokumentarinnen, das sind den Textredakteuren ebenbürtige Mitarbeiter. Der Textredakteur schreibt oder redigiert und der Faktenchecker überprüft. Diese Texte werden mit Fußnoten versehen, das glauben viele nicht, dass es im Geschichtsjournalismus so etwas gibt. Die verschwinden nur wieder, bevor der Text gedruckt wird. Aber in der Ablage gibt es annotierte Texte. Das finde ich fantastisch, das habe ich auch damals als Autor immer sehr geschätzt.

Das bringt mich jetzt zu einer ganz großen fast philosophischen Frage, nämlich zum Stichwort „Demokratisierung der Geschichte“ und der Frage, wer heute eigentlich Geschichte erzählt wie wir damit umgehen können, dass Menschen Geschichte unterschiedlich deuten, oder im extremen Fall Geschichtsklitterei betreiben und Geschichte für ihre Zwecke auslegen oder missbrauchen.

Es ist sicherlich vielstimmiger geworden in der Öffentlichkeit. Es ist längst nicht mehr so, dass es nur aus den Universitäten kommt. Die 90er Jahre waren ja auch im gewissen Sinne die Dekade des populären Geschichtsbooms. Da hat Guido Knopp mit der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte große Erfolge gefeiert. Das ist aber auch das Jahrzehnt, wo die Geschichtsmagazine gegründet wurden, für die ich jetzt arbeite. Und jetzt ist durch die sozialen Medien noch populärer geworden. Jeder kann geschichtliche Meinungen, Haltungen, Funde in die Welt rausblasen und natürlich ist da auch viel Mist dabei. Im besten Fall sind es noch überholte Lehrmeinungen, aber oft auch willentliche Falschmeldungen. Das sehe ich schon mit Sorge. Die Frage ist, wie man darauf reagiert. Eigentlich heißt das, dass man noch mehr faktenbasiert dagegenhalten muss.

Die Frage würde ich direkt nochmal aufnehmen. Wie sollen wir reagieren, wenn Menschen, wenn ganze Nationen um die Geschichte kämpfen. Ein Beispiel, das mir neulich begegnet ist, dass Bulgarien und Nord Mazedonien sich darum streiten, wem der Freiheitskämpfer Goze Deltschew gehört.

Diese Erfahrung haben wir auch schon gemacht. Das ist auch wirklich ein gutes Beispiel: Wir haben mal bei PM History ein Heft über das Zeitalter des Hellenismus gemacht, also alles was nach Alexander dem Großen kam. Und das hatten wir übertitelt als „das Weltreich der alten Griechen“. Und dieses Cover haben wir bei Facebook beworben und zielgerichtet auf eine Zielgruppe, die sich für die Geschichte dieser Region interessiert. Und plötzlich ist das explodiert. Da gab es eine mehrsprachige, wütende – soweit ich das nachvollziehen konnte – Diskussion in den Kommentaren. Es gab wirklich schnell über tausende Kommentare. Und es ging einfach um die Frage, wem Alexander der Große gehört? Griechen sagen, er ist natürlich ein Grieche, auch wenn er Makedone war und die ja nicht klassisch griechisch waren. Dann gab es Nordmazedonier, und Albaner, die sich da mit einer Wut und einer Energie in dieser Kommentarspalte, engagiert haben. Da waren wir wirklich baff. Dieser Beitrag hat natürlich eine irre Reichweite gehabt, aber es hat uns schon auch ein bisschen frustriert. Das war natürlich völlig losgelöst von irgendwie so was wie Forschung. Und ja, das ist ein Problem.

Wenn es um nationale Identitäten geht, sind diese Redaktionen immer besonders heftig, das ist zumindest mein Eindruck. Aber auch innerdeutsch geht es immer wieder durch die Social-Media-Kanäle, dass die Nazis eigentlich links waren Erika Steinbach, die ja auch fast sechsstellig ist bei der Followerzahl bei Twitter, pustet so etwas raus und alle Menschen, die sich irgendwie ein bisschen auskennen, die schütteln mit dem Kopf. Und ja, ich fürchte, es ist frustrierend, weil man merkt, dass man so wenig ausrichten kann, aber man muss sich trotzdem den Kampfanzug anziehen und dagegenhalten.

Aber entgegentreten auf jeden Fall? Also die Diskussion, die Debatte wagen?

Auf jeden Fall. ich bin eh der Überzeugung, dass die aktuellen Debatten sehr viel mehr historisches Bewusstsein, historischen Sachverstand, historisches Wissen, Forschungsergebnisse brauchen. Also ich will jetzt gar nicht sagen, „wir als Historiker“, zu dem Kreis gehöre ich nicht, aber wir, die mit Geschichte zu tun haben, stehen da in der Pflicht.

Sie haben es gerade angesprochen, wir brauchen mehr Geschichte für die gegenwärtigen Debatten. Zum Schluss habe ich nochmal eine größere philosophische Frage, die ich gerne auf ein paar Zitaten basieren würde. Es gibt das Lieblingszitat der Historiker, ein pseudo Marc Twain: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Oder „wer die Vergangenheit vergisst, ist verurteilt, sie zu wiederholen. Und jetzt kommt ein Zitat von Joachim Telgenbüscher aus „Die Vergessenen Drei“: „aus der Geschichte lernen, schwieriges Thema.

Ja, es ist ein schwieriges Thema. Als jemand, der Geschichte studiert hat, weiß ich natürlich, man kann nicht „aus der Geschichte lernen“, das muss man ja auch noch mal in Anführungszeichen setzen. Dafür ist das einfach zu komplex und jede Zeit, jede Generation steht vor den eigenen Herausforderungen. Man kann nicht sagen, in Weimar ist das passiert und deswegen müssen wir uns jetzt so verhalten. Das geht, glaube ich, nicht. Diesen Satz mit der Geschichte, die sich reimt, da ist schon mehr dran. Ein Reim ist ja nur eine Lautverwandtschaft und natürlich gibt es, zum Beispiel wenn wir von Krisen sprechen, Krisen die sich ähneln. Und natürlich kann man die nebeneinanderlegen und sagen, was ist ähnlich, was ist unterschiedlich? Wie haben sich Menschen damals verhalten?

Es geht mir aber auch gar nicht so sehr darum, dass wir aus der Geschichte lernen müssen, sondern mir geht es darum zu verstehen und ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie die Dinge geworden sind, wie sie sind. Wie sind wir als Menschheit dort hingelangt, wo wir heute stehen, was hat uns geformt? Identitäten, diese Welt, alles bis hin zum letzten Straßenschild hat eine Geschichte. Und ich glaube, wenn wir mehr wissen, dann können wir besser debattieren und auch bessere Entscheidungen treffen. Das ist jetzt nicht „aus der Geschichte lernen“.

Dazu gehört für mich zum Beispiel auch, was ich bei Twitter ganz gern mache, dominierende Narrative, die sehr wirkmächtig sind, zu hinterfragen. Also zum Beispiel gibt es bei der Bundesrepublik unsere Wirtschaftswundergeschichte. Und ich finde es gut, wenn wir solche Sachen dann genau angucken und überprüfen. Stimmt das eigentlich? Oder ganz plump gesagt: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Da würde ich jetzt sagen, dass die deutsche Geschichte sehr deutlich zeigt, dass wir die Dinge nicht immer schon so gemacht haben oder dass wir auch irgendwie irgendwann anfangen haben, Dinge anders zu machen und darum geht es mir. Und vielleicht noch als letzten Punkt, ich maße mir da nicht an, dass ich das alles alleine herausfinde. Ich sehe mich da wirklich auch als Abstauber, der in Fachliteraturen guckt und sagt, das finde ich interessant, das ist ein interessantes Argument oder eine interessante Beobachtung, das verdient es, dass man das mal an ein größeres Publikum verbreitet, das das wissen sollte. Nicht jeder forschende Historiker, jede forschende Historikerin ist auch gleichzeitig ein guter Öffentlichkeitsarbeiter.

Müssen wir nicht eigentlich noch mehr zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anregen, um die Gegenwart besser zu verstehen?

Unbedingt! Größeres geschichtliches Bewusstsein zu schaffen, bekommt man eben auch nur durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Auch die ganz eigene Geschichte. Wir haben gerade ein Heft über Ahnenforschung gemacht und da kam das auch vor. Wir haben eine große Geschichte über die Frage gemacht, was Opa oder mittlerweile ja eher der Urgroßvater im Krieg gemacht hat. Auch weil ich merke, dass es natürlich in den Familien so Erzählungen gibt, die sich verfestigt haben und die auch vielleicht ihren Sinn erfüllen, nämlich einfach mit diesem Trauma fertig zu werden. Ich hatte neulich mit einer Bloggerin gesprochen, Juna Großmann, die ein Buch geschrieben hat über modernen Antisemitismus. Und sie erzählte, wenn sie auf Deutsche trifft, also deutsche nicht-Juden, dass die oft anfangen, von der Nazivergangenheit der eigenen Großväter zu erzählen. Nazi-Opas oder meistens aber eben nicht Nazi-Opas. Und allein, dass man sich das so hinbiegt, dass unsere Vorfahren dann doch nicht begeisterte Nazis waren, auch da, kann man Leuten, Individuen irgendwie nicht vorschreiben, ihre eigene Familiengeschichte aufzubereiten. Aber kollektiv solche Erzählungen zu hinterfragen, finde ich absolut notwendig.

Das ist eigentlich mein absolutes Lieblingsthema in der Geschichte. Nämlich die Frage, wie konstruieren wir Geschichte? Das fängt ja bei der eigenen Lebensgeschichte an. Das heißt, wie erzählen wir unsere Lebensgeschichte, welche Auswahl treffen wir, welche Schwerpunkte legen wir?

Ja, da kann ich, glaube ich, auch aus einer relativ großen Erfahrung schöpfen, weil ich natürlich als Geschichtenschreiber auch mit diesem Prozess vertraut bin. Also das ist etwas, was man, glaube ich, nicht oft genug wiederholen kann. Dass Geschichte immer eine Geschichte ist. Dass es da eine Perspektive gibt, dass da eine Auswahl stattgefunden hat. Und gerade als jemand, der Geschichten schreibt, weiß ich einfach, dass eine Geschichte sich elegant liest, aber dass da unglaublich viel weggelassen wird. Ein ehemaliger Kollege und guter Freund von mir meinte mal, als ich mal an einer Geschichte verzweifelt bin, du bist der Herr des Materials. Das heißt, lass dich nicht von deiner Recherche überfluten, sondern du bist derjenige, der das auswählt, zuschneidet und natürlich möglicherweise auch verfälscht. Das muss uns einfach bewusst sein. Das ist sehr spannend.

Aber ich würde sogar so weit gehen, dass es fast nicht möglich ist, eine Geschichte zu erzählen oder niederzuschreiben, ohne irgendeine Form von Konstruktionsgedanken dahinter zu haben. Auch in der Wissenschaft, sagt man, ich baue jetzt diesen Text so auf, weil ich damit ja etwas Bestimmtes erreichen will.

Absolut. In meinem Alltag natürlich absoluter Klassiker. Wir haben ein historisches Ereignis, das wir erzählen wollen, über welche Person erzählen wir das? Da schließen sich schon zigtausend Türen und durch eine geht man halt. Ich finde diese Frage von Multiperspektivischem erzählen eine große Herausforderung. Wir versuchen, in den Heften auch mal zu unterbrechen, indem man ein Experteninterview hat, weil in der Interviewform eben der Erzähldruck nicht da ist.

Oder der outgesourct wird.

Ja. Stimmt.

Wie ich das ja jetzt hier auch gerade mache.

Ja, aber man kann diese Homogenität, diesen Erzählfluss, den eine Erzählung braucht, im Interview einfach unterbrechen, den braucht man nicht. Da kann man auch mal von Thema zu Thema springen. Auf der anderen Seite, entwickeln die meisten Interviews, würde ich jetzt mal vermuten, nicht diesen Sog, den eine Erzählung hat.

Sie haben gerade gesagt, Türen öffnen. Und was ich richtig spannend und schön fand, ist die Seite zum Vertiefen in den PM History-Heften. Dann wird unterschiedliche Fachliteratur ausgewählt und kurz eingeordnet.

Irgendwann ist so ein populärwissenschaftliches Magazin am Ende. Es gibt aber Dinge, es gibt tolle Fachliteratur, da kannst du es wirklich ganz genau erfahren. Und in dem Sinne sehe ich unsere Arbeit auch so als Art Zulieferbetrieb, eine Art Eingewöhnungskurs für manche. Ich glaube, für manche Leserinnen und Leser ist das tatsächlich eine Art Heranführung. Die fangen an mit solchen Magazinen und wenn das Interesse ausreicht, dann tauchen sie tief ein und das finde ich super. Bei mir war das ähnlich, wenn ich jetzt noch mal von meiner eigenen Prägung erzähle. Meine Mutter hat ein Kinderbuch bei mir zu Hause, also in meinem Elternhaus gefunden. Wir waren nämlich 1990 gemeinsam bei einer Lesung des Jugendschriftstellers Klaus Kordon, da war ich neun Jahre alt., Er hatte so eine Trilogie über eine Familie, drei Bände. Der erste Band Novemberrevolution in Berlin, dann die letzten Monate der Weimarer Republik und dann 1945. Und meine Mutter hat dieses Buch gefunden und fragte, ob sie es mir schicken soll. Und ich meinte so, ja unbedingt. Weil ich mich erinnere, dass mich diese Erzählung, als ich das damals in die Hand bekommen habe, unglaublich gepackt und zum ersten Mal reingezogen hat. Ich weiß, dass ich so von diesen Dingen zum ersten Mal erfahren habe. Für mich war das der erste Schritt auf einem Weg, der dann zum Geschichtsstudium und geführt hat. Und das finde ich eine sehr schöne Vorstellung. Also dass man die Leute hinführt zur Wissenschaft. Ich finde ja Geschichtsvermittlung ist eine absolute Zukunftsbranche.

Vielen Dank für dieses angenehme Gespräch.


Das war unser History and Politics Podcast mit Joachim Telgenbüscher zu digitaler Geschichtsvermittlung. Haben wir Sie neugierig gemacht? Die „verrückte Geschichte“ von Joachim Telgenbüscher finden auf Twitter.

Aber auch wir selbst in der Körber-Stiftung sind jenseits unseres History and Politics Podcasts in der digitalen Geschichtsvermittlung aktiv. Wie junge Europäerinnen und Europäer sich kreativ mit Geschichte und Gegenwart von Krisen beschäftigt haben und wie sie darüber in virtuellen Ausstellungen oder Social Media Storytelling erzählen, das können Sie auf unserem digitalen Geschichtscampus www.historycampus.org sehen und lesen.

Alles Weitere zur Arbeit des Bereich Geschichte und Politik der Körber-Stiftung finden Sie auf unserer Stiftungswebsite www.koerber-stiftung.de. Dort gibt es natürlich auch alle Folgen unseres History and Politics Podcasts. Das war´s für heute, ich danke Ihnen für´s Zuhören und hoffe, dass Sie auch beim nächsten Mal wieder dabei sind, wenn wir fragen, wie die Geschichte unsere Gegenwart prägt.

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