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EUSTORY

20 Jahre »Geschichte von unten« in Norwegen

Bei EUSTORY, dem Geschichtsnetzwerk der Körber-Stiftung, steht der europaweite Austausch über die Bedeutung der Vergangenheit im Fokus. Karsten Korbøl ist promovierter Geschichts- und Politiklehrer sowie Lehrerfortbildner; seit 2006 leitet er den norwegischen Geschichtswettbewerb im Netzwerk. Aus Anlass des 20jährigen Jubiläums seines Projekts sprach Katja Fausser, Leiterin von EUSTORY, mit ihm über Besonderheiten der norwegischen Geschichtskultur und über den Beitrag, den sein Projekt dazu leistet.

Herr Korbøl, welche Rolle spielt Geschichte in der norwegischen Gesellschaft?

»Einige Länder haben mehr Geschichte als andere« - in meinen Augen stimmt der Satz. Verglichen mit anderen europäischen Nationen haben wir in Norwegen ein niedriges Konfliktniveau in unserer Gesellschaft. Natürlich erregen auch bei uns beispielsweise neue Interpretationen über die norwegische Widerstandsbewegung während des Zweiten Weltkrieges Aufsehen, besonders, wenn sie am Image unserer Helden kratzen. Aber in vielerlei Hinsicht basiert unsere Gesellschaft auf dem Prinzip des Kompromisses, und das ist auch die Basis unserer politischen Kultur.

Für diese waren jedoch die Anschläge im Jahr 2011 – die Autobombe in Oslo und die Erschießung von 69 jungen Leuten in einem Jugendlager auf der Insel Utøya – ein riesiger Schock. Wir haben erlebt und erleben noch, wie schwierig es für uns in Norwegen als Gesellschaft ist, mit diesem Ausmaß an Gewalt umzugehen. Der Terroranschlag wird z.B. in der Schule kaum erwähnt, weil die Lehrer einfach nicht wissen, wie man darüber im Unterricht sprechen kann. Die Anschläge sind ein nationales Trauma, und die Wunden sind immer noch frisch. Aber wir müssen Wege finden, darüber zu reden. Als Historiker wissen wir, dass nichts Gutes dabei heraus kommt, wenn man sich vor dem Diskurs über traumatische und schwierige Themen in der Gesellschaft drückt.

Den norwegischen Geschichtswettbewerb gibt es mittlerweile seit zwei Jahrzehnten. Woran merken Sie, dass er immer noch wichtig ist?

Umfragen unter jungen Menschen in Norwegen zeigen, dass die Zahl derer steigt, die dem Wert, in einer Demokratie zu leben, wenig Bedeutung zumessen. Die Zahl ist noch nicht dramatisch hoch, aber angesichts der wachsenden Zahl von populistischen und undemokratischen Parteien und Bewegungen in vielen europäischen Ländern müssen wir weiter in die historisch-politische Bildung investieren. Ich selbst und auch die Fritt Ord Stiftung, die die Mittel für den Wettbewerb seit 2002 bereitstellt, verstehen unser Geschichtsprojekt als Möglichkeit für junge Menschen, ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen und sich an öffentlichen Debatten zu beteiligen.

Außerdem hat sich dank des Wettbewerbes auch der Geschichtsunterricht verändert. Für die Tutoren unter den Geschichtslehrern ist die historische Recherche mittlerweile nicht mehr nur ein Werkzeug, um Geschichte zu vermitteln. Die Erkenntnis ist gewachsen, dass die Schulung in der Arbeitsweise der Historiker eine wichtige Art des Lernens darstellt, bei der die Grundlage für die Entwicklung des kritischen Denkvermögens gebildet wird. Dadurch verändert sich auch die Art des Umgangs mit Quellen im Unterricht.

In den letzten zwölf Jahren haben Sie immer dasselbe Thema ausgeschrieben: »Meine Familie im Spiegel der Geschichte«. Warum?

Wir möchten, dass alle Schülerinnen und Schüler an dem Wettbewerb teilnehmen und Themen recherchieren können, die ihnen wichtig sind. Dazu brauchten wir ein offenes Rahmenthema, mit dem sich Schüler identifizieren können und das sie dazu inspiriert, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Angenommen, wir würden als Wettbewerbstitel etwas wie „Der Widerstand in Norwegen während des Zweiten Weltkrieges“ wählen, dann wäre es wahrscheinlich beispielsweise für Schüler mit Migrationshintergrund schwieriger, zu dem Thema einen Zugang zu finden.

Worüber schreiben die Jugendlichen konkret?

Jugendliche interessieren sich häufig für die dramatischen Ereignisse oder den Widerstreit zwischen Gut und Böse. Aus diesem Grund gibt es sehr viele Arbeiten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Früher waren das häufig Arbeiten über Heldentaten von Familienmitgliedern. In den letzten Jahren häufen sich dagegen Arbeiten, die sich auch mit denjenigen beschäftigen, die mit den Nazis sympathisierten oder sich ihnen angeschlossen hatten – damit konnte sich die Enkelgeneration wohl einfacher beschäftigen als ihre Eltern. Jetzt, da kaum mehr  Zeitzeugen berichten können, sinkt das Interesse am Zweiten Weltkrieg etwas.

Ein weiteres wichtiges Thema ist Migration, beispielsweise die Auswanderung nach Amerika oder die Einwanderung nach Norwegen. Wir haben eine wachsende Zahl von Schülern, deren Familien einen nicht-norwegischen Hintergrund haben. Diese Schüler nehmen die Gelegenheit wahr, darüber zu schreiben, wie und warum ihre Familien nach Norwegen kamen. Ihre Geschichten ergänzen das historische Narrativ in Norwegen, dazu trägt unser Geschichtswettbewerb bei.

Hat Ihre langjährige Arbeit als Wettbewerbsorganisator auch Sie selber beeinflusst?

Ja, ich würde sagen, der Wettbewerb hat mein eigenes historisches Bewusstsein verändert. Er hat mich inspiriert, meine eigene Familiengeschichte zu erforschen. Viele meiner Vorfahren waren Arbeiter und Bauern. Trotzdem ging mein Großvater väterlicherseits in den frühen 1920er Jahren nach Wismar. Ich habe nachgeforscht, um zu verstehen, wie es möglich war, dass ein Bauernsohn zu dieser Zeit zum Studieren nach Deutschland gehen konnte. Mütterlicherseits war meine Mutter in ihrer Familie die erste, die studiert hat. Meine berufliche Arbeit als Historiker hat davon profitiert, dass ich meinen eigenen Hintergrund reflektiert habe. Und das Wissen um meine Familiengeschichte hat auch meine Sichtweise auf das norwegische Bildungs- und Sozialsystem beeinflusst.

Gab es prägende Situationen bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im EUSTORY-Netzwerk?

Eine solche Situation war für mich der Vorfall beim EUSTORY Netzwerktreffen 2016 in Moskau. Gäste der russischen Preisverleihung wurden von Nationalisten angegriffen, als diese den Veranstaltungsort betraten. In diesem Moment habe ich wirklich begriffen, wie explosiv Geschichte sein kann. Ich bin tief beeindruckt von den Organisatoren des russischen Geschichtswettbewerbs, wie sie mit der Regierung ringen. Und ich bewundere all diejenigen, die bereit sind, ein Risiko einzugehen, um ein historisches Projekt zu organisieren. Manchmal wird Geschichte bedrohlich, wenn sie nicht im Einklang mit dominierenden staatlichen Geschichtsinterpretationen steht. Wir müssen uns dafür einsetzten, dass unterschiedliche Ansichten über die Geschichte öffentlich diskutiert werden können.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre das? 

Außer Weltfrieden, meinen Sie?! Ich wünsche mir, dass Bildungsministerien und auch die breite Öffentlichkeit die Bedeutung des Geschichtsunterrichts an Schulen erkennt. Denn durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit können wir viele Fähigkeiten schulen, die Schüler und damit uns als Gesellschaft dazu befähigen, eine kritische öffentliche Debatte zu führen – und die ist ja die eigentliche Grundlage für ein funktionierendes demokratisches System. Mit geschichtlichem Wissen und dem entsprechenden Handwerkszeug ausgerüstet können wir »fake news« entlarven und mit Hasstiraden umgehen. Außerdem macht Geschichte Freude, gibt dem Leben Sinn, und mit dem Wissen um die Vergangenheit können wir von Veränderungen in der Zukunft träumen. Ist das ein zu großer Wunsch? Ich hoffe nicht.

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