• Foto: Körber-Stiftung/<br />David Ausserhofer

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    Geschichte begreifen statt auswendig lernen

    Oft gelinge es Jugendlichen nicht, aus historischen Ereignissen tatsächlich zu lernen, so eine Erkenntnis von EUSTORY-Alumni des Projekts »Der lange Schatten des Zweiten Weltkrieges«.

    »Wenn ich mit jungen Leuten spreche, wird deutlich, dass sie in der Schule zwar gelernt haben, dass Faschismus und Nationalsozialismus schlecht waren, allerdings können sie oft nicht erklären, worin diese Schlechtigkeit bestand«, bedauert Ksenia Sredniak, 29 Jahre alte Historikerin aus Russland. Marius Drasovean, 31 Jahre alt und Manager eines Beratungs-Unternehmens in Rumänien ergänzt: »Wir lernen die Fakten und Schlüsselfiguren historischer Ereignisse auswendig, aber dadurch gelingt es uns eben noch nicht, aus ihnen zu lernen.« Die beiden jungen Europäer sind ehemalige Preisträger von EUSTORY-Geschichtswettbewerben und nahmen an einer Umfrage teil, die die Körber-Stiftung anlässlich des bevorstehenden 70. Jahrestags des Kriegsendes unter ausgewählten Alumni des EUSTORY-Netzwerks durchführte. Beide hatten 2005, zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, in einer Gruppe von 40 EUSTORY-Alumni aus 19 europäischen Ländern an dem Projekt »Der lange Schatten des Zweiten Weltkrieges – Junge Europäer zur ‚Zukunft der Erinnerung‘« teilgenommen.

    Im April 2015, zehn Jahre später, setzten sich vier der damaligen Teilnehmer aus Großbritannien, Rumänien, Russland und Slowenien, erneut mit dem Erbe des Zweiten Weltkrieges und den Folgewirkungen ihrer Projektarbeit auseinander. Sie sind sich einig, dass ein transnationaler Dialog unterschiedlicher Generationen von tragender Bedeutung und ein stetiger Austausch über die verschiedenen Perspektiven und historischen Ereignisse auch heute noch unabdingbar sei. Der 34Jahre alte Germanist Benedict Schofield aus Großbritannien führt aus: »Die Polarisierung und Radikalisierung politischer Gruppierungen und die Rückkehr zu einer gefährlichen Rhetorik und nationalen Stereotypen im Zuge der Finanzkrise zeigen, welche Bedeutung ein grenzübergreifender Austausch über die Erfahrungen  des Zweiten Weltkrieges auch heute noch hat«. Die junge Russin Ksenia Sredniak hingegen bezweifelt, dass historisches Wissen eine Bereicherung im Kontext aktueller politischer Debatten sein kann. »Aus heutiger Perspektive würde ich gern mehr Geschichte und weniger Politik im Gedenken an den Zweiten Weltkrieg sehen. Leider geschieht das Gegenteil: Politiker verdrehen und missbrauchen die Erfahrungen des Krieges um sie ihren Ideologien einzuverleiben.«

    Im Gedenkjahr 2015 widmet sich die Körber-Stiftung gemeinsam Partnern in zahlreichen Projekten und Initiativen der europäischen Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg. Im Mittelpunkt stehen dabei die Erfahrungen und Perspektiven von Kriegskindern, d. h. den zwischen 1929-1949 Geborenen. Zu diesem Thema findet am 4. Mai 2015 in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Museum ein europäischer Erinnerungstag unter dem Titel »Der lange Schatten des Zweiten Weltkriegs: Kriegskinder in Europa« statt. Literaten, Publizisten, Politiker und Experten aus verschiedenen europäischen Ländern diskutieren dort über die vielfältigen Erfahrungen und Folgewirkungen von Kriegskindheit. Ziel ist es, einen europäischen Blick auf das Thema zu ermöglichen.

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