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Erster EUSTORY Summit: Vielfältig, kontrovers und kreativ

Mit stehenden Ovationen für die beeindruckende Arbeit der 100 jungen europäischen Teilnehmenden ging am 9. Oktober 2017 in Berlin der erste EUSTORY Next Generation Summit zu Ende. Nach drei intensiven Tagen des Austauschens, Diskutierens und Vertiefens präsentierten die 16- bis 25-jährigen Preisträgerinnen und Preisträger nationaler Geschichtswettbewerbe des EUSTORY Netzwerks die Ergebnisse ihrer sechs Workshops in einer öffentlichen Abschlussveranstaltung auf der großen Bühne im Radialsystem V.

Nach einem turbulenten Beginn – das Sturmtief Xavier hatte so manche Jugendliche aus Deutschland auf ihrem Weg nach Berlin länger auf den Straßen und Schienen gehalten als die Teilnehmenden aus Israel oder Russland unterwegs waren – eröffnete Marianne Birthler den EUSTORY Summit mit einer eindrücklichen Eröffnungsrede zu Ihren Erfahrungen im Umgang mit schmerzhafter Geschichte.

Sie bestärkte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich aktiv für eine lebendige Erinnerungskultur einzusetzen, die der Wahrheit so nahe wie möglich kommt und die dunkle Seiten unserer Geschichte nicht ausblendet. Marianne Birthler ermutigte die jungen Europäer, sich durch den Rückblick in die Geschichte bei kommenden Herausforderungen für unsere Demokratien auch von den europäischen Freiheitsbewegungen beflügeln zu lassen. Nach ihrem Vortrag verglich sie im Gespräch mit zwei EUSTORY Alumni aus Finnland und Spanien den unterschiedlichen Umgang mit Bürgerkriegen und Diktaturen in Europa.

Welche Schlüssel hält die Geschichte bereit für das Verständnis der Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft in Europa? Dieser Frage näherten sich die Teilnehmenden des Summits in Berlin aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Dabei standen nicht nur klassische Formate der Bildungsvermittlung im Fokus, sondern auch kreative Ansätze bewiesen großes Potential: Zusammen mit dem Musiker und Komponisten Marc Sinan, der Schauspielerin Elmira Bahrami und dem Dramaturgen Holger Kuhla entwickelten die Mitglieder des Workshops »Resist Violence« eine berührende und aufrüttelnde Performance, in der sie historische und aktuelle Gewalterfahrungen durch Tanz, Musik und Poesie auf der Bühne inszenierten. Auch dem Team des Berliner Vereins »Vajswerk« gelang es zusammen mit den Jugendlichen eindrücklich, Geschichte durch eine künstlerische Auseinandersetzung zum Leben zu erwecken und sie mit der Gegenwart zu verknüpfen. In einer szenischen Lesung präsentierten sie ein Kaleidoskop biographischer Erfahrungen von Kindern mit Migrations- und Verfolgungserfahrungen auf der Bühne. Schmerz, Gewalt, Gefühle von Entwurzelung und Heimatlosigkeit: Überraschend ähnlich gestalteten sich die Erfahrungen der betroffenen Kinder, ob in Konzentrationslagern und Deportationszügen der Nazis, bei Zwangsumsiedlungen im spanischen Bürgerkrieg oder angesichts aktueller Fluchterfahrungen in der Ukraine.

»Populismus ist sowohl historisch bedeutsam, als auch von hoher politischer Aktualität in Europa«, resümierte Morena aus Deutschland im Rückblick auf ihren Workshop »Analysing Populism«. Zusammen mit Karolina Wigura und ihren Kollegen von der polnischen NGO »Kultura Liberalna« untersuchten Morena und 15 andere Jugendliche politische Radikalisierung in den Medien im internationalen Vergleich. In intensiven Diskussionen mit internationalen Experten wie Franck Düvell von der Universität Oxford und Paolo Mancini von der Universität von Perugia fanden sie heraus, dass Populisten in vielen Ländern ganz ähnliche Strategien verfolgen. So betonte Anna-Luisa aus Deutschland während der abschließenden Podiumsdiskussion besonders den Missbrauch kollektiver Erinnerung und emotionaler Bilder durch Populisten. Und Shahar Edelmann aus Israel setze dem Trend zu immer kürzeren Botschaften und Simplifizierungen in den sozialen Medien ein Plädoyer für intensiven Austausch und die Wertschätzung von Komplexität entgegen. »Nur durch Dialog können wir Brücken bauen, um unsere liberalen, demokratischen Grundwerte zu verteidigen und radikalen Stimmen starke Antworten entgegenzusetzen«, so Wigura in ihrem Fazit der Bühnendiskussion. Brücken bauen und konkrete Lösungen finden für ein aktuelles Problem wollten auch die Teilnehmenden des Workshops »Fake or Real?«, die zusammen mit der Historikerin Tina Gotthardt Strategien zum Umgang mit dem Phänomen ›Fake News‹ in den Medien entwickelten. Die Ergebnisse des Workshops knüpften direkt an die Erlebniswelt der Jugendlichen an: So bauten sie ein eigenes Instagram-Profil auf, mit dem sie interaktiv über das Thema aufklären, und programmierten ein Browser-Plug-In für die Meldung von falschen Informationen im Netz, das auf den gängigen Plattformen frei erhältlich ist.

Ergänzt wurde die abwechslungsreiche Abschlussveranstaltung des Summits von der raffinierten Videoanimation der Teilnehmenden des Workshops »Europe on Display«, die zusammen mit Blandine Smilansky und Laure Goemans vom Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel in liebevoller Detailarbeit europäische Erinnerungswege erschlossen und eine beindruckende Zusammenstellung ihres geteilten historischen Erbes schufen. Unter der Anleitung von Vertretern der MEMORIAL Society Moscow beschäftigten sich andere Jugendliche mit den Nachwirkungen der Russischen Revolution in Europa. Dabei diskutierten sie mit dem ukrainischen Historiker Andrii Portnov über das revolutionäre Erbe, suchten und fanden mit dem Journalisten Nikolai Klimeniouk Spuren der Revolution im Stadtbild Berlins. Über den Einfluss der Revolution in ihren Heimatländern und ihre Erfahrungen in Berlin sprachen einige Teilnehmer des Workshops vor Ort mit der Journalistin Natalia Konyashina.

Für die teilnehmenden Jugendlichen bot der EUSTORY Summit in Berlin spannende Begegnungen, tiefe thematische Einblicke und inspirierende Momente. Leonardo aus Italien, der von den Filmemachern von Schatzfilm filmisch durch den Summit begleitet wurde, war fasziniert von der besonderen Atmosphäre während der Veranstaltung, die seine Ideen sprudeln ließ und seinen Horizont erweiterte. Auch Sara aus Slovenien war von der Stimmung vor Ort begeistert: »Zusammen kommen, einen Ort erschaffen, den verschiedene Menschen, verschiedene Kulturen teilen, um zusammen etwas zu schaffen, das andere Menschen und vielleicht sogar die Welt verändern kann.«

Wir sollten miteinander statt übereinander sprechen – in diesem Grundsatz waren sich die Teilnehmenden und über 30 beteiligten Experten des Summits einig. So kam Elena aus Spanien zu dem Schluss: »Wenn wir nicht miteinander reden, leben wir in derselben Welt, aber sind getrennt voneinander. Wir müssen uns bemühen, uns gegenseitig zu verstehen.« Dass der Summit dafür viel Raum bot, schätzten viele Jugendliche sehr. Inspirierend für Jonas aus Dänemark war vor allem der Austausch mit jungen Menschen aus unterschiedlichen Ländern über Themen, die ihm wichtig sind – trotz oder gerade wegen ihrer kulturellen und sprachlichen Differenzen. Und auch Ronja aus Deutschland nimmt die Erkenntnis mit nach Hause, dass Diversität nicht zu Konflikten führen muss, sondern auch viele Türen öffnen kann.

Wie bereits die Bewerbungen für die Teilnahme am EUSTORY Summit zeigten, teilen die jungen Europäer eine starke Motivation zur Veränderung. Viele von ihnen wollen aktiv werden und ihre Zukunft in Europa selbst gestalten. Durch soziales Engagement, Transparenz und einen offenen Geist möchte Yolanda aus Spanien beispielsweise dazu beitragen, die Welt in Zukunft zu einem freieren und freundlicheren Ort zu machen. Und auch Anders aus Dänemark erklärt bestimmt: »Ich wurde in einer Demokratie geboren und bin mit der Möglichkeit aufgewachsen, meine Stimme zu erheben um die Welt zu verändern. Nicht jeder hat diese Möglichkeit.«

Das Wissen über die Geschichte, so das Fazit der Organisatoren, bietet viele Anknüpfungspunkte, um aktuelle Probleme zu verstehen und Strategien für die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft zu entwickeln. Diese Erkenntnis nahmen auch viele Jugendliche aus Berlin mit in ihre Heimatländer. Den Workshopleitern beim EUSTORY Summit ist es in diesem Sinne auf beeindruckende Weise gelungen, Geschichte lebendig und ihren Einfluss auf brennende Probleme der Gegenwart und Zukunft plastisch zu machen.

Eine Bildergalerie zum Summit finden Sie auf dem History Campus Portal
Retrospektiven aller Workshops werden auf der Ergebnisseite des EUSTORY Summits archiviert
Hier geht es zum Film über den EUSTORY Summit 2017

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