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»Es gibt viel Raum zur Verbesserung«

Am 3. Mai, dem Tag der Pressefreiheit, ist auch daran zu erinnern, wie viele Journalistinnen und Journalisten im Exil sind. Shahindha Ismail ist eine maledivische Menschenrechtsaktivistin, die sich seit 2004 für den Schutz von politisch Verfolgten einsetzt. Sie ist Mitglied des Exekutivkomitees der internationalen Menschrechtsorganisation »Asian Forum for Human Rights and Development« und Geschäftsführerin der Nichtregierungsorganisation »Maldivian Democracy Network«, die sich für die Rückkehr der Malediven zu demokratischen Regeln und Menschenrechten einsetzt. Sie wurde verfolgt und lebt Dank eines Stipendiums der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte seit Kurzem in Hamburg. Am 8. Mai war sie zu Gast in der Veranstaltung »Stimmen der Freiheit: Kein Paradies für Demokratie« (Video). Agata Klaus, Körber-Stiftung, hat sie vorab zum Interview getroffen.

Frau Ismail, warum mussten Sie die Malediven verlassen?

Als Vorsitzende des »Maldivian Democracy Network« kämpfe ich gegen den religiösen Fundamentalismus in meinem Land. Die Islamisten haben eine gefährliche Gegenmacht zum Staat und seiner Regierung aufgebaut. Neben täglichen Drohungen durch radikalislamische Gruppen, wurde gegen mich wegen angeblicher Blasphemie ermittelt – nach geltendem maledivischen Recht eine Straftat, die mit mindestens fünf Monaten Haft, in schweren Fällen sogar mit der Todesstrafe geahndet wird. Die Touristen haben nur einen Blick für die Schönheit der maledivischen Natur. Obwohl die Ermittlungen gegen mich vor Kurzem aufgrund von fehlenden Beweisen eingestellt wurden, ist es für mich im Exil sicherer, bis sich die politische Lage vollends entspannt.

Auf den Malediven ist laut der neusten Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen die Situation hoffnungsvoller, als noch im vergangenen Jahr. Gibt es aus Ihrer Sicht Grund zur Entwarnung?

Auf den Malediven gibt es viele mutige und kritische Journalisten, die in der Vergangenheit in ihrer Arbeit leider sehr beschränkt wurden. Viele von ihnen wurden bedroht oder sogar angegriffen. Da gibt es in jedem Fall viel Raum zur Verbesserung. Vor allem, weil sich trotz der Dringlichkeit noch niemand richtig für die Journalisten und ihre Rechte einsetzt. Dazu kommt, dass sich die Presse in den letzten Jahren immer weiter polarisiert hat. Das hat dazu geführt, dass man sich bezüglich der Informationsquellen immer breit und ausbalanciert aufstellen muss. Nur so bekommt man ein Gefühl, was tatsächlich wahr ist. Mit dem politischen Wechsel durch die Wahlen und der damit verbundenen Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie ist die Hoffnung jedoch groß, dass ein frischer Wind durch die Medienlandschaft weht und die Pressefreiheit dadurch gestärkt wird.

Ihr Exil in Deutschland beruht, wie es typischerweise im Exil ist, auf Unfreiwilligkeit. Birgt es aus Ihrer Sicht auch Chancen?

Ja, obwohl ich erst seit Kurzem hier in Hamburg bin, habe ich schon das Gefühl, den Seelenfrieden gefunden zu haben, von dem ich lange geträumt habe. In meiner Heimatstadt Malé ist es sehr laut – laut sowohl im wörtlichen, als auch im übertragenen Sinne. Zum einen leidet man in Malé am extremen Verkehrsaufkommen, zum anderen ist es politisch so unruhig und gefährlich, dass man nie zur Ruhe kommt. Mein Leben hier in Hamburg ist viel friedlicher. Ich arbeite und schreibe produktiver. Mir ist aufgefallen, wie viel schneller ich meine Arbeit erledigt bekomme. Als ich in Malé gelebt habe, war das anders. Die Ablenkungen durch die Stadt und durch die politischen Unruhen waren zu groß.

Was sind Ihre Wünsche für die Zeit in Hamburg?

Hauptsächlich möchte ich mich auf meine Arbeit beim »Maldivian Democracy Network« und das Schreiben konzentrieren. Ich möchte so viel wie möglich über die Strukturen und Organisation der Zivilgesellschaft in Deutschland lernen, um das Wissen in meine Heimat zu transferieren und dort nutzbar zu machen. Außerdem habe ich ein Online-Studium in »Security, Terrorism and Counter Terrorism« begonnen. Ich hoffe, dass ich im kommenden Jahr Zeit finde, mich weiter darauf zu konzentrieren. Ein anderes Projekt, an dem ich arbeite, ist die Übersetzung verschiedener Dokumente, die es bisher nur auf englischer Sprache gibt. Ich übersetze diese in die Landessprache Dhivehi, um die Möglichkeit der Teilhabe für viele Menschen zu vergrößern. Hier in Hamburg hoffe ich, genügend Zeit und Konzentration zu finden, um an den Übersetzungen zu arbeiten und freue mich schon auf das Ergebnis.

Exil bedeutet in etwa »in der Fremde weilend«: Fühlen Sie sich fremd hier?

Nein, bisher noch nicht. Seitdem ich hergekommen bin, habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte unterstützt mich sehr bei dem Aufbau eines Netzwerks. Ich nehme an vielen Treffen und Veranstaltungen teil und lerne dort viele hilfsbereite und großzügige Menschen kennen. Ich habe sogar bereits einige Freundschaften schließen können. Einsam und fremd fühle ich mich also glücklicherweise nicht.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Mein zu Hause war lange Zeit Malé, wo ich aufgewachsen bin und mit meiner Familie zusammengewohnt habe. Und obwohl es immer mein Heimatland sein wird, hat sich der Heimatbegriff für mich auch verändert. Es ist so, dass ich schon oft mein Heimatland verlassen musste und an vielen verschiedenen Orten gelebt habe. Meistens wusste ich nicht, ob oder wann es wieder zurückgeht. Manchmal fühlt es sich an, als ob ich das Leben einer Nomadin führe. Deswegen ist Heimat, oder zu Hause, für mich nicht mehr so eng an die Malediven oder die Menschen dort gebunden. Heimat bedeutet für mich nun auch, dass ich frei in meiner Arbeit und in meinem Sprechen sein kann und vor allem keine Angst um mich oder das Leben meiner Tochter haben muss. Gerade ist mein zu Hause Deutschland und das fühlt sich gut an, hier kann ich ohne Zwänge und Beschränkungen meine Arbeit ausführen.

Wie können Sie aus dem Exil heraus Einfluss nehmen auf das Geschehen auf den Malediven?

Ich denke, dass ich von hier sogar leichter und besser Einfluss nehmen kann. Dadurch, dass ich hier frei arbeiten und das schreiben kann, was ich schreiben möchte, habe ich viel größere Möglichkeiten ein Bewusstsein über die Situation auf den Malediven zu schaffen. Wenn ich noch dort wäre, könnte ich durch die vielen Beschränkungen nicht in dem Maße zu der Bildung der Menschen beitragen, wie es mir von hier möglich ist. Hier habe ich die Chance eine Gegenerzählung zu dem Paradies-Bild, was viele von den Malediven haben, zu schaffen.

Gab es für Sie bereits einen prägenden Moment in Deutschland? Etwas, dass Sie von den Malediven nicht kannten?

Was in Deutschland ganz anders läuft als auf den Malediven, ist der Umgang mit Plastik. Vor allem Plastiktüten sind in dem alltäglichen Gebrauch der Menschen auf den Malediven so verankert, dass sie kaum wegzudenken sind. Hier gehen die Menschen sehr viel bewusster mit Müll und vor allem Plastik um. Vor allem meine Tochter, die mit mir nach Deutschland gekommen ist, beeindruckt das sehr. Sie ist sehr ambitioniert, viel von dem deutschen Denken und Handeln in Bezug auf Nachhaltigkeit in die Malediven zu transferieren. Ein anderer riesiger Gegensatz ist die Pünktlichkeit in Deutschland. Auf den Malediven ist es normal, mindestens zwanzig Minuten später zu einer Verabredung zu erscheinen. Hier kommen die Menschen rechtzeitig. Das möchte ich mir auch angewöhnen, weil man dadurch viel Zeit spart.

Zur Veranstaltung »Kein Paradies für Demokratie« mit Shahindha Ismail

Kontakt

Sven Tetzlaff
Leitung Bereich Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 144
E-Mail tetzlaff@koerber-stiftung.de

Dr. Agata Klaus
Programmleiterin
Amal, Hamburg!; Exile Media Forum; Tage des Exils

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 166
E-Mail klaus@koerber-stiftung.de

Tanja Koop
Programm-Managerin
Amal, Hamburg!

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 156
E-Mail koop@koerber-stiftung.de

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