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Die Aarhus-AgeingCity-Strategie

Im September 2019 lud die Körber-Stiftung Führungskräfte aus deutschen Kommunen nach Aarhus in Dänemark, um mehr über dortige Ansätze der Verwaltung im Umgang mit einer alternden Gesellschaft und gegen die Vereinsamung im Alter zu erfahren. Mitglied der ersten Expedition Age & City war auch Oliver Will, ein Experte für strategisches Handeln und Verwaltungsmodernisierung. Hier seine Bewertung, was das Verwaltungshandeln insbesondere des Health and Care Departments in Aarhus so innovativ macht. 

»Mit einem Zitat von Hamlet, dem dänischen Prinzen, könnten die Erlebnisse der Teilnehmer zusammengefasst werden: 'Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt'. Die Exkursion Age & City hat nicht nur zahlreiche inhaltliche Impulse zur gemeinsamen Gestaltung des demografischen Wandels durch Verwaltung und Gesellschaft geliefert, sondern auch Hinweise gegeben auf die Strukturen, die dies ermöglichen bzw. die für den Erfolg notwendig sind. Aus dieser Expedition kann gelernt werden, dass Inhalt und Form zusammengehören. Innovative inhaltliche Ideen sind nur so erfolgreich, wie der Umbau der Strukturen – mental und organisatorisch – dies ermöglicht.

Aus den Beobachtungen lässt sich eine Art Aarhus-Agenda der Verwaltungsmodernisierung ableiten, wenigsten aber eine Reflexionsagenda für innovatives Verwaltungshandeln in sieben Thesen:

1. Trust in People
Die zentrale Beobachtung aller Expeditionsteilnehmer, ob im Rathaus oder bei zivilgesellschaftlichen Organisationen war die atemberaubende Feststellung, dass die Verwaltung den Bürgern und der Zivilgesellschaft etwas zutraut und sie in die Mitverantwortung nimmt. Sei es bei der Betreuung Älterer, sei es beim Betrieb des DOKK1, der größten öffentlichen „Bibliothek“ Skandinaviens, wo das Motto heißt: 'The commons creates the content'.

2. Define the narrative
Die Vielzahl der Aktivitäten und Akteure in Aarhus ist faszinierend und beeindruckend, reichen sie doch von Angeboten für Demenzkranke über neue intergenerativ angelegte Wohnmodelle bis zu den Aktivitäten von Dane Age, der dänischen NGO für Senioren. All dies zahlt auf die städtische 'Ageing-Strategie' ein. All dies entfaltet seine beeindruckende Wucht jedoch erst dadurch, dass diese Aktivitäten entlang einer Storyline miteinander verknüpft werden und so zu einer sich gegenseitig stärkenden Maßnahmenkette werden, die dem Thema eine Präsenz in der Öffentlichkeit und bei allen Beteiligten verleiht, die jeder einzelnen Maßnahme Wert und Bedeutung verleiht. Sie macht so mehr aus der Summe der Teile.

3. Resilienz auf dem Weg zum Ziel
Die Aarhus-AgeingCity-Strategie wirkt wie ein nur in Skandinavien möglicher Weg, an dem alle Beteiligten gemeinsam und glücklich von Beginn an gearbeitet haben. Dies war aber nicht der Fall, sondern die nach knapp zehn Jahren Arbeit erreichte beeindruckende Entwicklung hatte durchaus mit Rückschlägen und Anfeindungen zu kämpfen, auch aus dem politischen Raum des Rathauses. Überzeugung, Beharrlichkeit, Mut und politisches Geschick verhalfen der anfangs umstrittenen Idee des 'Keep-the-Citizen-away-Ansatzes' zum Erfolg. Immer galt es für die Strategen in der Verwaltung, nicht aufzugeben und Allianzen innerhalb und außerhalb zu suchen und zu finden.

4. It’s the leadership, stupid!
Der Erfolg der Aarhus-AgeingCity-Strategie ist auch und in großen Teilen der Erfolg von Führung. Wäre der für das Department zuständige Direktor nicht so von seiner Idee überzeugt gewesen und hätte nur im System, aber nicht am System gearbeitet, Aarhus stünde nicht da, wo es heute steht. Aber Führung ohne 'Follower' steht auf verlorenem Posten. Führung benötigt ein Team, das die Strategie weiterdenkt und gemeinsam mit den Akteuren innerhalb und außerhalb umsetzt.

5. Orte als Erfolgsfaktoren
Die Rolle des Raums, die Einrichtung multifunktionaler Orte als teilweise zivilgesellschaft-lich mitgestaltete Gravitationszentren der Integration Älterer und als 'Einsamkeitsfresser', war mit die beeindruckendste Entdeckung der Expedition. Orte wie das DOKK1 oder das Folkestedet, ein quartiersbezogenes Bürgerhaus, ermöglichen erst die Vielschichtigkeit einer AgeingCity- und Anti-Loneliness-Strategie. Die Gestaltung und der Betrieb solcher Orte macht die Arbeit über Ämtersilos und über die Sektorenperspektive hinaus nötig. Der Erfolg gemeinsamen Zusammenwirkens wird hier sichtbar und erfahrbar. Verwaltungen benötigen hierfür ein neues strukturelles Organisationsdesign.

6. Erfolgreiche Lösungen sind systemisch
Die Expeditionsergebnisse und -erfahrungen zeigen: Wirksame Lösungen und Strategien müssen systemisch gedacht und vernetzt umgesetzt werden. Nur die Verbindung von Strategie, Führung, silo- und sektorenübergreifender Zusammenarbeit im Sozialraum haben nachhaltigen Erfolg.

7. Sharing Cities – das Stadtmodell der Zukunft
Aarhus ist in mancher Hinsicht dem neuen Bild der Stadt schon sehr nahe. Der Ansatz der Sharing Cities geht weit über Bike-Sharing-Lösungen hinaus. Es speist sich einerseits aus Überlegungen, dass künftig nachhaltige Lösungen nur gemeinsam durch alle Akteure wirksam gestaltet werden können. Anderseits wird dieser Ansatz durch die Diskussion der 'City as a Platform', einem zentralen Ansatz der Smart City-Debatten, auch technologisch forciert. Dies zusammenzudenken und zu gestalten wird eine zentrale Aufgabe der Verwaltungsmodernisierung des nächsten Jahrzehnts. Allein wird dies keiner der Akteure schaffen, sie benötigen einander. Die Erfolgsfaktoren hierfür konnten in Aarhus ganz praktisch beobachtet werden: eine Idee für die Stadt, Vertrauen, Führung, Resilienz und Kooperationsbereitschaft.«

Oliver Will ist Gründer und Geschäftsführer der Strategiemanufaktur, Karlsruhe. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Verwaltungsmodernisierung und kennt die Verwaltung aus über 10 Jahren Ministerialerfahrung auch als Insider. Er wird gemeinsam mit allen Teilnehmenden der Expedition die Erfahrungen aus Aarhus auf dem 10. Körber Demografie-Symposium am 7. November im KörberForum vorstellen.

 

Kontakt

Karin Haist
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Jonathan Petzold
Programm-Manager
Expedition Age & City; Körber Demografie-Symposien; Stadtlabor demografische Zukunftschancen

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 30
E-Mail petzold@koerber-stiftung.de

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