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  • Tabea Marx (Foto: Radek Zawadzki)
  • - Meldung

    Faszination Biografie

    Tabea Marx hat beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gleich zweimal teilgenommen: 2014/15 und 2016/17. Sie wurde für ihre Forschungsprojekte jeweils mit einem Landessieg ausgezeichnet und konnte darüber an mehreren EUSTORY-Jugendaktivitäten teilnehmen. Manuel Rieger hat mit ihr gesprochen.

    »Die Geschichte einer Person im Kleinen erzählen und darüber den Zugang zur übergeordneten Geschichte im Großen finden.« So beschreibt Tabea Marx ihre Herangehensweise und ihre Faszination bei der Auseinandersetzung mit Geschichte. Und so ist es auch kein Zufall, dass sich die Wettbewerbsbeiträge der heute 21-Jährigen jeweils mit einer Biografie beschäftigten. Bei ihrer ersten Teilnahme beim Wettbewerb ›Anders sein. Außenseiter in der Geschichte‹ forschte sie zu Friedrich Lengfeld, einem Wehrmachtsoffizier, der 1944 einen verwundeten alliierten Soldaten in der Schlacht beim Hürtgenwald retten wollte und dabei selbst tödlich verunglückte. Im darauffolgenden Wettbewerb ›Gott und die Welt. Religion macht Geschichte‹ beleuchtete sie das Leben von Roland Ritzefeld, dem Namenspatron ihrer Schule in Stolberg im Rheinland, der sich als katholischer Pfarrer dem Kulturkampf des Deutschen Kaiserreichs ausgesetzt sah. Individuelles Vorangehen für den Frieden und die Auswirkungen des Kulturkampfes konnte sich Tabea so über die einzelnen Biografien erschließen. Als Preisträgerin des Geschichtswettbewerbs wurde Tabea zu EUSTORY-Jugendaktivitäten eingeladen.

    ›Winds of Change – Transitions in Europe‹

    Im Jahr 2019 nahm Tabea am EUSTORY-Summit ›Winds of Change – Transitions in Europe‹ in Berlin teil, der sich mit den verschiedenen Wendeerfahrungen in Europa auseinandersetzte, und stellte dabei mit anderen europäischen Workshopteilnehmer/innen einen Audiobeitrag zum Thema ›Voices Of European Transitions – Memories in Dialogue‹ her. Besonders fasziniert an dem Treffen habe sie dabei die Möglichkeit, über den eigenen Tellerrand zu schauen, berichtet die Studentin. Der Austausch mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern verschiedener fachlicher und nationaler Herkunft war ein zentraler Bestandteil des Summits. Dabei entstanden unter anderem Freundschaften nach Estland und Belgien, die weiterhin mit Besuchen gepflegt werden.

    Einen biografischen Zugang konnte Tabea wieder beim Instagram-Museum ›Silent Stories of 1945‹ anwenden, an dem 23 junge Menschen aus 17 Ländern ein halbes Jahr lang erst online und dann bei einem einwöchigen Workshop in Warschau Anfang März gearbeitet haben. Auf der Plattform Instagram haben die Teilnehmenden Kriegserfahrungen im Zweiten Weltkrieg aus ihrem persönlichen Umfeld präsentiert und dafür Geschichten von Menschen aus dem Krieg gesammelt, die noch nicht erzählt wurden: ›Silent Stories‹. Tabea wählte die Geschichte einer 1914 geborenen Familienfreundin, die 104 Jahre alt wurde und von Tabea liebevoll »Tante Loos« genannt wird. Auf der Beerdigung seien nur sie, ihre Mutter und eine Bekannte gewesen. Eine Erfahrung, die für Tabea auch den Ausschlag gegeben hat, eben jene Kriegserfahrung weiterzuerzählen: »Das war für mich das Sinnbild einer verschwindenden Geschichte«.

    Gedenken auf Instagram?

    Die Kriegserfahrungen der Familienfreundin sind von der kriegsbedingten Trennung von ihrem Ehemann geprägt: er war als Wehrmachtssoldat in Nordafrika stationiert und ging in Kriegsgefangenschaft. Als sie die Geschichte mit anderen verglich, kamen große Zweifel auf: »Eine Teilnehmerin aus Israel stellte die Geschichte einer Frau vor, deren gesamte Familie im Holocaust ermordet wurde und die im israelischen Unabhängigkeitskrieg starb. Ich fragte mich: Wie kann man diese Geschichten nur nebeneinanderstellen?« Lange und offen haben die beiden darüber geredet und sind zu dem Schluss gekommen, dass man sich nur durch das Erzählen möglichst vieler subjektiver – vielleicht sogar widersprüchlicher – Perspektiven einer Objektivität annähern kann. Geschichte ist also die Summe der Erfahrungen vieler verschiedener Menschen.

    Besonders intensiv und kritisch haben sich die Teilnehmenden des Projekts mit Darstellungsmöglichkeiten auseinandergesetzt. Schließlich mussten sehr emotionale und komplexe Themen auf wenige Wörter und Bilder verkürzt werden, damit sie auf der Plattform Instagram präsentiert werden konnten. Im Rückblick ist Tabea mit dem Ergebnis zufrieden: »Durch unsere kritische Herangehensweise konnten wir sicherstellen, dass ein würdiges Gedenken ermöglicht wird«. Die Rückmeldungen seien in überwältigender Mehrheit positiv gewesen.

    Der Geschichtswettbewerb und die Nachfolgeprojekte im EUSTORY-Netzwerk haben Tabea in ihrem Medizinstudium vor allem Abwechslung und geisteswissenschaftliche Perspektiven ermöglicht. Auch in Zukunft will Tabea an weiteren EUSTORY-Netzwerktreffen teilnehmen.

    Ein Beitrag zur Reihe:
    ›Engagement und Wirkung vor Ort‹: Preisträgerinnen und Preisträger berichten über das Jahr nach ihrer Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten.

    In dieser Reihe stellen wir Preisträgerinnen und Preisträger vor.

    Mehr zum Geschichtswettbewerb auf www.geschichtswettbewerb.de


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