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»Flüchtlinge und die Migrationskrise wurden genutzt, um Missgunst zu schüren«

Interview mit dem US-amerikanischen Historiker und Politikwissenschaftler Norman Naimark zur Frage, warum einige der mittel- und osteuropäischen Länder die Aufnahme von Flüchtlingen ablehnen.

Auf der Suche nach einer Zukunft in Sicherheit und Frieden machen sich Hunderttausende aus den globalen Kriegs- und Krisengebiete auf den Weg nach Europa. Zuwanderung, Flucht und Asyl sind auf dem Kontinent keine aktuellen Phänomene, sondern reichen historisch weit zurück. So führten die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts nicht nur zu Millionen von Kriegstoten, sondern in ihrem Umfeld zerbrachen Imperien und Gewaltregime, es entstanden neue Nationalstaaten und Grenzen. Zwangsmigration, Flüchtlingsströme sowie große Herausforderungen bei der Integration der Flüchtlinge in den Nachkriegsgesellschaften Europas waren die Folge.

Der US-amerikanische Historiker und Politikwissenschaftler Norman Naimark ist Experte für die sowjetische Politik in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg sowie für Völkermord und ethnischen Säuberungen in Europa im 20. Jahrhundert. Auf dem Körber History Forum wird er im September gemeinsam mit weiteren Experten die Frage diskutieren, was Europa aus seiner eigenen Vergangenheit für die Integration von Flüchtlingen heute lernen kann. In unserem Interview erläutert er, warum gerade einige der mittel- und osteuropäischen Länder die Aufnahme von Flüchtlingen ablehnen.

Die Länder in Mittel- und Osteuropa und ihre Bürger haben im 20. Jahrhundert unter Diktatur(en), ethnischen Säuberungen und beispielloser Gewalt gelitten, bevor einige von ihnen Mitgliedsstaaten der EU wurden. Warum widerstrebt es den Menschen in diesen Ländern heute so, anderen in einer vergleichbaren Lage zu helfen?

Die eine Antwort auf die Frage, warum die Osteuropäer generell unwillig sind, den Flüchtlingen aus dem Nahen Osten zu helfen, gibt es nicht. Ich sage »generell«, weil es bemerkenswerte Ausnahmen gibt. Die Serben waren beispielsweise sehr großzügig und entgegenkommend in Bezug auf Unterkunft, Verpflegung und Unterstützung für die Flüchtlinge. Vielleicht liegt dies an ihrer eigenen schmerzhaft frischen Erfahrung im Umgang mit serbischen Flüchtlingen aus dem Kosovo, aus Bosnien-Herzegowina und aus Kroatien, die ihre humanitären Instinkte im Umgang mit Flüchtlingen verstärkt haben. Trotzdem gibt es neue Spannungen als eine Folge der letzten Konzentration von Flüchtlingen an der ungarischen Grenze.

Die am häufigsten erwähnten Gegenbeispiele sind Polen und Ungarn sowie die Slowakei. Der erste Grund dafür liegt in der politischen Situation dieser Länder, in denen populistische Parteien die Flüchtlinge und die Migrationskrise genutzt haben, um nationalistische Brände und Missgunst zu schüren, Wahlen zu gewinnen und politische Macht zu festigen. Dass Populismus auch in diesen Tagen eine mächtige politische Kraft darstellt, sollte vor dem Hintergrund der unerwarteten Brexit-Entscheidung und der Stärke von Donald Trump im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf niemanden mehr überraschen.

Der zweite Grund liegt in den ungleichen Interpretationen der Geschichte der letzten rund 75 Jahre, also des Zweiten Weltkrieges, des Kalten Krieges und der beschleunigten Globalisierung seit dem Fall des Kommunismus, die zu oft auf eine Art wiedergegeben werden, die gegen andere Nationen, Bevölkerungsgruppen, Minderheiten und Religionen gerichtet ist.

Was müssen die Menschen in den nord- und westeuropäischen Ländern Europas über die Geschichte der ehemals kommunistischen Staaten lernen, um deren politische Entscheidungen zu verstehen?

Die kommunistischen Systeme behinderten die Entwicklung von politischer Verantwortung und Rechenschaft. Sie ermutigten scheinheiliges Verhalten sowohl der Führung als auch der Bevölkerung. Sie haben Korruption zu einem Teil des Lebens gemacht und den Betrug am Staat zu etwas, was gleichgültig hingenommen wurde. Ethnische, religiöse und nationale Rivalitäten wurden unterdrückt und niemals offen thematisiert oder abgearbeitet. Man kann das gleiche über Geschichte sagen, die eher zum Wohle der politischen Führung und ihrer Ziele manipuliert wurde, als dass man sie als autonomes Forschungsgebiet behandelt oder genutzt hätte, um zu einem Abschluss mit der Vergangenheit zu kommen und angemessene Lehren für die Zukunft zu formulieren. Die Geschichte der Beziehungen mit der Sowjetunion beförderte auch einen Kult der Opferrolle unter vielen Osteuropäern, der es noch schwerer macht, sich den eigenen Vergehen und Verbrechen in Vergangenheit und Gegenwart zu stellen.

Sie haben Völkermord und Säuberungen sowohl zu Zeiten des Nationalsozialismus als auch während der Stalin-Ära erforscht und dokumentiert. Wie schätzen Sie die Wende ein, die seit einiger Zeit in Russland in der Bewertung von Stalins Rolle in Europas Geschichte des 20. Jahrhunderts erfolgt, besonders in Verbindung mit dem Zweiten Weltkrieg?

Es gab unzweifelhaft einen Aufwärtstrend in der Beliebtheit Stalins in Russland über die letzten Jahre. Die Umfragen des anerkannten Levada Instituts zeigen, dass der Anteil der Russen, die glauben, dass Stalin eine eher positivere als negativere Rolle in der Geschichte gespielt hat, von 27 Prozent in 2012 auf 52 Prozent in 2015 gestiegen ist. Die Daten belegen beständig, dass Stalins Image sich verbessert hat. Wie dem auch sei, es ist auch wichtig zu betonen, dass mindestens die Hälfte der Bevölkerung als »anti-stalinistisch« angesehen werden kann.

Die Gründe für Stalins neue Popularität sind zahlreich: 1) die wachsende Propaganda, die die Bedeutung der Russischen Staatsmacht und Autorität unterstreicht; 2) Putins doppeldeutige Aussagen zu Stalin; 3) Moskaus wachsendes Beharren darauf, dass Russland eine Großmacht sei; 4) die anhaltende Bedeutung des Sieges im Zweiten Weltkrieg für Russlands Selbstverständnis; 5) die öffentliche Wahrnehmung Stalins als jemand, der Verbrechen und Korruption nicht tolerierte; 6) Stalins Aura als russischer Nationalist, die besonders im Ukraine-Konflikt mitspielt.

Wie beeinflusst diese Neueinschätzung Stalins in Russland die Beziehung zwischen Russland und den Ländern in Mittel- und Osteuropa?

Es ist klar, dass die Osteuropäer nicht die gleichen Sympathien für Stalin hegen, wie die Russen. Im Gegenteil, für viele – in Polen, Ungarn, den Baltischen Staaten, Teilen der Ukraine und anderswo – repräsentiert Stalin ein Maß des historischen Bösen, das dem Hitlers gleichkommt (und sogar übertrifft). Eine Geschichte von Stalins Unterwerfungen, Schreckensherrschaft, Deportationen und Arbeitslager ruft schmerzhafte Erinnerungen bei vielen Osteuropäern hervor. Daher macht es die russische Neueinschätzung von Stalins Rolle in der Geschichte umso schwerer für die Länder in der Region, eine positive Beziehung zu Moskau aufzubauen. Besonders in den Ländern, die Opfer des Hitler-Stalin-Paktes und der Spaltung Europas waren, die beide zumindest teilweise von Stalin mitgestaltet wurden, löst die Rehabilitation Furcht aus Werden die Sowjets wieder einmarschieren und ihnen ihre Unabhängigkeit entreißen? Hinter dem jüngsten NATO-Gipfel in Warschau steckten viele Überlegungen dieser Art.


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