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    »Für die Geschichte vor Ort verantwortlich fühlen«

    Im Zuge des Geschichtswettbewerbs »Anders sein. Außenseiter in der Geschichte« forschte Marie Grandke zu einem ehemaligen KZ-Außenlager im brandenburgischen Zichow und ahnte noch nicht, welche Wellen ihre Recherche einmal schlagen sollte.

    Die Preisträgerin der Wettbewerbsrunde 2014/15 wohnt mittlerweile in Lüneburg und absolviert dort ihr Lehramtsstudium in den Fächern Deutsch und Sachkunde. Im Interview mit Roman Sielert spricht die 24-jährige über ihre Teilnahme am Geschichtswettbewerb, ihre Eindrücke zu den Ereignissen in Zichow und ihre zukünftige Rolle als Lehrerin.

    Zu welchem Thema haben Sie für den Geschichtswettbewerb geforscht?

    Etwa ein Jahr nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden sowjetische und französische Kriegsgefangene zur Arbeit auf dem Gut Zichow in Brandenburg gezwungen. Im Sommer 1944 wurde dann auf denselben Gütern ein Außenlager des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück eingerichtet. Die Häftlingsfrauen lebten und arbeiteten viele Monate unter schlimmen Bedingungen auf dem Hof. Hans Georg Graf von Arnim, Sohn des damaligen Gutbesitzers, überwachte die Arbeiten der Gefangenen von deren Ausbeutung letztlich die gesamte Familie von Arnim enorm profitierte. Diese schreckliche Geschichte wurde im Dorf lange Zeit totgeschwiegen. Ich habe für meine Arbeit mit vielen Menschen vor Ort gesprochen, um etwas mehr über deren Erinnerungen zu erfahren, bin aber an vielen Stellen auf Widerstand und Ablehnung gestoßen. Deswegen habe ich die Arbeit mit dem Zitat »Es ist nun mal passiert…« aus einem der Gespräche überschrieben.

    Im letzten Jahr hat sich ein Gericht in Brandenburg mit den damaligen Umständen auf dem Gut Zichow beschäftigt. Wie kam es dazu und was ist dabei herausgekommen?

    Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung erhielt die Familie von Arnim mehr als 100.000 Euro an Reparationszahlungen. Nach einem anonymen Hinweis im Jahr 2015 forderte das Finanzministerium in Brandenburg die Rückzahlung dieser Geldleistungen von der Familie des Grafen. Die Erbinnen haben dann mit merkwürdigen Argumenten vor dem Landesgericht gegen diese Entscheidung geklagt. Es wurde im Endeffekt gegen sie entschieden – mit dem Ergebnis, dass der komplette Betrag zurückgezahlt werden muss.

    Ihre Arbeit stammt aus dem Jahr 2015. Inwiefern hat ihre Recherche etwas zu dem Gerichtsverfahren um die Rückforderungszahlungen des Finanzministeriums beigetragen?

    Ich bin mir natürlich nicht hundertprozentig sicher, inwiefern meine Arbeit zu der Entscheidung beigetragen hat. Es ist aber auffällig, dass die Auseinandersetzung zwischen dem Finanzministerium und den von Arnim-Erbinnen genau in diesem Jahr an Fahrt aufgenommen hat. Es gibt einen Bericht über das Gerichtsverfahren, der beschreibt, dass von den Vertreterinnen und Vertretern der Behörde vor Gericht auf meine Arbeit verwiesen wurde. Wer genau meine Arbeit an das Ministerium geschickt hat, weiß ich leider bis heute nicht.

    Ein Gedenkstein für Hans Georg Graf von Arnim löste bereits 2010 erste Proteste bei Anwohnerinnen und Anwohnern aus. Wie sind in diesem Fall die aktuellen Entwicklungen?

    Es war im Gespräch, ob eine Tafel neben den Stein gestellt werden soll, die die Geschehnisse von damals erklärt. Das ist jedoch nicht passiert. Mittlerweile ist es so, dass dieser Stein durch einen Findling ohne jegliche Aufschrift ersetzt wurde. Da ich nicht mehr in der Region lebe, habe ich ihn noch nicht gesehen.

    Wie bewerten Sie den gesamten Konflikt heute?

    Ich hoffe, dass dieser ganze Prozess dazu beiträgt, die Menschen wieder in irgendeiner Art und Weise zu der Beschäftigung mit der Lokalgeschichte bewegen zu können. Zum einen mit der Geschichte um Zichow, zum anderen mit der Geschichte der gesamten Uckermark, die hinter so vielen verschlossenen Türen schlummert. Ich glaube da gibt es noch ganz viel zu entdecken. Meiner Empfindung nach war das Interesse vor Ort während meiner Recherche nicht vorhanden. Es ist genau wie ich damals geschrieben habe: Dieser Konsens »Es ist nun mal passiert…« ist noch sehr präsent. Ich hoffe, dass sich jetzt mehr Menschen finden, die sich für die Auseinandersetzung mit der Geschichte verantwortlich fühlen und Anstöße geben. Es ist wichtig, dass das vor Ort passiert.

    Welchen Einfluss hatte die Teilnahme am Geschichtswettbewerb auf Sie?

    Indirekt hatte meine Teilnahme einen Einfluss auf mehrere Dinge. In Bezug auf meine Studienfachwahl ist es so, dass im Sachunterricht auch die historische Perspektiven einen Schwerpunkt darstellt. Natürlich ist auch mein allgemeines Interesse an Geschichte durch den Wettbewerb gewachsen. Besonders das Bewusstsein dafür, dass Erinnerungskultur für einen selbst und die Gesellschaft wichtig ist. Ich habe mir tatsächlich im Vorfeld zu dem Interview nochmal meine Arbeit durchgelesen und gemerkt, dass sie auch eine tolle Vorbereitung auf das wissenschaftliche Schreiben während des Studiums war. Obwohl ich nach mittlerweile unzähligen Hausarbeiten einiges ändern würde.

    Ist lokale Erinnerungskultur für Sie als zukünftige Grundschullehrerin ein Thema, das auch in den Unterricht eingebunden werden sollte?

    Auf jeden Fall! Ich finde es schlimm zu denken, dass man Kindern in der Grundschule solche Themen nicht zumuten kann. Ganz im Gegenteil: es ist viel mehr Interesse, Vorwissen und Verständnis für solche schwierigen Themen bei den Kindern vorhanden als man manchmal denkt. Vor dem Hintergrund, dass jetzt eventuell noch die Großeltern der Kinder leben, die vielleicht Zeitzeug/innen sind, ist die Beschäftigung damit umso dringender. Mit der Hilfe ambitionierter Lehrerinnen und Lehrer lässt sich da ganz viel bewegen. Für mich persönlich kann ich natürlich sagen, dass ich Kindern in meiner zukünftigen Laufbahn Themen der lokalen Erinnerungskultur näherbringen möchte.

    Ein Beitrag zur Reihe:

    »Engagement und Wirkung vor Ort«: Preisträgerinnen und Preisträger berichten über das Jahr nach ihrer Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

    In dieser Reihe stellen wir Preisträgerinnen und Preisträger vor.

     


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