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Geschichte bewegt, Geschichte fördert Engagement

Paulina Gastl hat sich 2018/19 an der Ausschreibung ›So geht’s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch‹ mit einem Gruppenprojekt beteiligt. Ihr Beitrag wurde mit einem Landessieg Bayern ausgezeichnet. Ronja Gier hat mit ihr über ihr Wettbewerbsprojekt, die Zeit nach der Teilnahme und ihr heutiges Engagement im kulturellen Bereich gesprochen.

Geschichte, die inspiriert

»Junge Leute dazu zu inspirieren, sich zu engagieren und ihnen Ideen dafür zu spenden, macht mir Spaß«, erzählt die 19-jährige Paulina kurz nach ihrer Rückkehr aus Dresden, wo sie Anfang März 2020 über ihre Teilnahme am Geschichtswettbewerb bei der LernortLabor-Jugendtagung berichten konnte. Das Schülerlabor lud erstmalig bundesweit junge Forschende zum interdisziplinären Austausch ein. Jugendliche mit technischen, naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Interessen kamen zusammen und haben ihre eigenen Projekte vorgestellt. »Es war unglaublich spannend und vor allem inspirierend zu sehen, was andere junge Leute bisher so auf die Beine gestellt haben. Mit ein paar der Fachrichtungen hatte ich tatsächlich bisher kaum etwas zu tun. Die Pausen habe ich dann genutzt, mich mit den anderen auszutauschen.« Selbst stellte Paulina ihren Wettbewerbsbeitrag unter dem Titel ›Junge Geschichtsforschung leichtgemacht‹ vor. »Es hat mich sehr gefreut, dass mein Vortrag bei einigen Zuhörern die historische Neugier geweckt hat.«

Die Abiturientin hat beim Geschichtswettbewerb mit einer Projektklasse ihrer Schule teilgenommen. Gemeinsam mit 14 Mitschülerinnen und Mitschülern ist sie den Spuren jüdischen Lebens in Freising nachgegangen. Die verlegten ›Stolpersteine‹ in der Stadt gaben der Gruppe den Anlass, sich näher mit persönlichen Schicksalen Freisinger Juden im Nationalsozialismus zu beschäftigen. Ihre Ergebnisse dokumentierte die Gruppe in Form einer Plakatausstellung. Angelehnt an die Stolpersteine betitelten sie ihren Beitrag mit ›Wenn Steine sprechen könnten…‹. Der Appell der Jugendlichen lautet, die Geschichte dieser Einzelschicksale dürfe nicht in Vergessenheit geraten.

Lokale Erinnerungskultur

In der Projektklasse haben die Schülerinnen und Schüler jeweils eine Lebensgeschichte bearbeitet. Paulina hat aus ihrer Spurensuche besonders einen Moment mitgenommen: »Von den Fotos, die wir im Archiv recherchiert haben, haben wir einige selbst digitalisiert. Auf dem Bildschirm konnte ich nach der Bearbeitung einen Schriftzug erkennen, der mich auf neue Spuren führte. Einen Hinweis, den vorher noch keiner entdeckt hatte. Da habe ich mich zum ersten Mal wie eine richtige Forscherin gefühlt. Außerdem hat es mich nachhaltig geprägt, weil man sich am Anfang oft weniger zutraut als möglich ist.« Neben diesem ganz persönlichen Erlebnis ist Paulina besonders die Willkürlichkeit der damaligen Verbrechen nochmal deutlich geworden und »wie wichtig es deshalb ist, weiter daran zu forschen und zu erinnern«. Die Ausstellung der Projektklasse wurde im Februar/März 2019 drei Wochen lang in der Stadtbibliothek Freising ausgestellt. Den Jugendlichen war es wichtig, dass sie ihre Forschungsergebnisse auch über die Wettbewerbsteilnahme hinaus einer Öffentlichkeit präsentieren können, um damit einen Beitrag zur lokalen Erinnerungskultur leisten zu können. 

Letzte Zeitzeugen

Im Zeichen der Erinnerungskultur stand auch Paulinas Teilnahme an der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestags 2020 anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus. Als Preisträgerin des Geschichtswettbewerbs konnte sie an dem mehrtägigen Programm teilnehmen. Mit ihr nahmen rund 60 junge Erwachsene aus zehn Ländern an der Jugendbegegnung teil. Sie besuchten die Gedenkstätte Auschwitz, konnten mit Zeitzeugen sprechen und nahmen an den Gedenkfeierlichkeiten am 27. Januar aus Anlass des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers teil. Sowohl die Erfahrungen aus der Wettbewerbsteilnahme als auch die Eindrücke aus der Jugendbegegnung waren für Paulina eindringlich: »Ich fürchte schon jetzt den Tag an dem keine Zeitzeugen mehr da sein werden. Die physische und persönliche Ebene ist für das Erinnern sehr wichtig und mit voranschreitender Zeit, in der uns keine Zeitzeugen mehr berühren können, steigt die Bedeutung von Gedenkstätten und Orten der Erinnerung sowohl auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene.«

Neben ihrem historischen Forschungsinteresse engagiert sich Paulina auch im kulturellen Bereich. Für den Jugendkulturpreis im Landkreis Freising, der die künstlerische Betätigung Jugendlicher und junger Erwachsener fördert und würdigt, war Paulina zwei Jahre in der Jury und auf der Bühne tätig, um die Preisverleihung zu moderieren. Im Herbst 2020 möchte Paulina ein Studium beginnen, ihr Engagement möchte sie aber nicht aufgeben.


Engagement und Wirkung vor Ort – Preisträgerinnen und Preisträger berichten über das Jahr nach ihrer Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten
In dieser Reihe stellen wir Preisträgerinnen und Preisträger vor.
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Erzählt uns von euren Erfahrungen nach der Teilnahme und berichtet von eurem Engagement vor Ort! E-Mail an gw@koerber-stiftung.de


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