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  • Preisverleihung in Moskau im Theater am Nikitski Tor
  • Ausstellung zu den Forschungsergebnissen im Foyer des Nikitski-Theaters
  • - Meldung

    Geschichtsinteresse trotz Systemdruck

    Seit einigen Jahren ist die Durchführung des russischen EUSTORY-Wettbewerbs schwieriger geworden. Dennoch zeigten in diesem Jahr gerade die stark vertretenen 14- und 15-Jährigen großes Interesse an der Erforschung ihrer Geschichte. Bei der feierlichen Preisverleihung in Moskau im Theater am Nikitski Tor wurden die besten Arbeiten ausgezeichnet.

    Mit über 1.600 Beiträge hatten sich Schülerinnen und Schüler an der Ausschreibung des russischen Geschichtswettbewerbs beteiligt, den die Internationale Gesellschaft Memorial Moskau seit 1999 ausrichtet. Bei dem Festakt feierten die Organisatoren von Memorial das 20jährige Bestehen ihres Wettbewerbs. Seit 1999 ermutigen sie Schülerinnen und Schüler aus dem ganzen Land, ihre Familiengeschichte zu erforschen und mehr über das Schicksal und Alltagsleben ihrer Vorfahren herauszufinden. Anlässlich ihres Jubiläums präsentierten sie einen Kurzfilm zu ihrem Wettbewerb. Dort visualisiert eine Russlandkarte, wie gut es den Organisatoren gelungen ist, mit dem Projekt Schüler und Lehrer aus dem ganzen Land anzusprechen. 43 der erfolgreichsten Schülerinnen und Schüler waren nach Moskau eingeladen. In den Tagen vor der Preisverleihung stellten sie sich gegenseitig die Ergebnisse ihrer Forschungen vor und verarbeiteten ihre Ergebnisse in eine Ausstellung, die zur Preisverleihung im Foyer des Nikitski-Theaters gezeigt wurde.

    Seit Memorial vom Staat zum ausländischen Agenten erklärt wurde, kämpfen die Mitarbeiter um ihre Freiräume und Handlungsfähigkeit. Auch in diesem Jahr wurde die Preisverleihung von einer kleinen Gegendemonstration und verleumdender Fernsehberichterstattung begleitet. Hintergrund der Kampagnen ist eine offizielle Geschichtspolitik in Russland, bei der eine kritische Auseinandersetzung mit den Opfern des Stalinismus zugunsten eines patriotischen Geschichtsbilds in den Hintergrund gedrängt wird – die Schicksale von Millionen Menschen in Russland bleiben so im Dunkeln.

    In ihrer Abschlussrede betonte Irina Scherbakowa, die den Wettbewerb 1999 zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Arseni Roginski gegründet hatte, dass es auch nach 20 Jahren in Russland noch viel zu viele Leerstellen, unerforschte Grabstellen, Archivlücken gebe, die das Interesse und die Neugier der Jugendlichen benötigen, damit die Schicksale und Erfahrungen von Menschen nicht verschüttet und vergessen werden. »Ohne das Engagement von Lehrerinnen und Lehrern im ganzen Land, die ihre Schüler zur Spurensuche motivieren, wären wir bei Memorial nur ein kleines Steinchen in der russischen Taiga. Aber die Auseinandersetzung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist noch nicht abgeschlossen, und wir hoffen auf die nächste Generation, die die Ereignisse weiter aufarbeiten wird.«

    Den Preisträgern gratulierte wie in den vergangenen Jahren eine große Zahl von Förderern und Freunden des Wettbewerbs, darunter die Vorsitzende der Jury, die preisgekrönte russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja, der Vorsitzenden des Menschenrechtsrates beim russischen Präsidenten, Mikhail Fedotow, Irina Prochorowa, Leiterin der Prochorow-Stiftung, Markus Ederer, Botschafter der EU in Russland, sowie weitere russische Schauspieler, Journalisten und Alumni des Projekts.

    Zwei ehemalige Preisträger, die inzwischen als Historiker und Juristin arbeiten, blickten auf ihre Wettbewerbserfahrung zurück. Ein Alumnus »beschwerte« sich bei den Organisatoren darüber, dass er damals während seiner Recherchen im Rahmen des Wettbewerbs feststellen musste, dass die Geschichte komplizierter war, als sie es sich vorher vorgestellt hatten, und sie danach für einfache Schwarz-Weiß-Interpretationen verloren waren. 

    Katja Fausser, Leiterin des EUSTORY-Netzwerks, lud die russischen Preisträgerinnen und Preisträger ein, sich auch grenzüberschreitend mit Geschichte zu beschäftigen und sich auf dem EUSTORY Summit oder auf dem englischsprachigen History Campus blog mit jungen Europäern über ihren Blick auf die Vergangenheit auszutauschen. 

    Video zu 20 Jahre russischer Geschichtswettbewerb (in Russisch)
    Mehr zum Geschichtswettbewerb von Memorial bei EUSTORY (in Englisch)
     


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