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  • Christoph Pallaske (Foto: privat)
  • Ein Zukunfts-Straßenbild von Theodor Grätz, ca. 1900 (Foto: Public Domain, SLUB Dresden)
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    Geschichtslernen im Internet

    Ein Gespräch mit Christoph Pallaske über digitale Lernmedien und den Aufstieg des Fahrrads

    Auf der digitalen Lernplattform segu Geschichte ging zum Start des Geschichtswettbewerbs ›Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft‹ ein Modul zur Fahrradgeschichte online. Ausgehend von historischen Bildern, Karikaturen und Textquellen können Schülerinnen und Schüler eigenständig Aufgaben bearbeiten und sich mit der Entwicklung des Fahrrads vom Statussymbol zum alltäglichen Verkehrsmittel beschäftigen. Kirsten Pörschke sprach mit Christoph Pallaske, Lehrer und Initiator der digitalen Lernplattform.

    Was ist spannend an der Geschichte des Fahrrades und was können Schülerinnen und Schüler, durch segu angeregt, dazu entdecken?

    Christoph Pallaske: Überrascht hat mich der rasante Aufstieg des Fahrrads, der um 1890 begann. Damals waren gerade das ›Safety Bike‹ mit Kettenantrieb am Hinterrad und der Gummireifen erfunden – im Grunde das Fahrrad, wie wir es heute noch kennen. Es wurde innerhalb von nur zehn Jahren zum Massenprodukt, vergleichbar etwa mit dem Iphone: Innerhalb von kurzer Zeit reden alle davon und wollen eins haben. Räder wurden immer erschwinglicher und eroberte die Straßen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen lassen sich in vielerlei Hinsicht untersuchen, sei es mit Blick auf die Emanzipation von Frauen oder das Entstehen von Arbeitervereinen. Es gab auch Diskussionen über die richtige Geschwindigkeit. Radsport vs. Radwandern. Spannend ist auch der Kampf um den öffentlichen Raum, der bis heute geführt wird. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Jahren waren Fahrräder das dominierende Fortbewegungsmittel in der Stadt, nicht Autos.

    Welche historischen Themen gibt es noch bei segu zu entdecken?

    Die meisten Module orientieren sich an den gängigen Themen und Epochen der Lehrpläne. Ich bekomme aber auch Impulse von außen. Das Thema ›Spanische Grippe‹ und damalige Schulschließungen etwa wurde mir von zwei Referendarinnen zugespielt, die über eine Dissertation aus Köln mit wirklich tollen Quellen gestolpert sind. Andere Themen greife ich auf, weil sie mich persönlich interessieren: ›Fridays for Future‹ zum Beispiel war der Auslöser für ein Modul zum Klimawandel in der Geschichte.

    Wie ist segu entstanden?

    segu war ursprünglich gar nicht als Online-Projekt geplant. Als 2005 in Nordrhein-Westfalen G8 eingeführt wurde und Geschichte viel im Nachmittagsunterricht stattfand, fehlte es aus meiner Sicht an Lernangeboten für offeneren Geschichtsunterricht, die zum Einsatz in der 8./9.Stunde passten. Ich begann damit, solche Materialien selbst zu erstellen. Der Schritt ins Internet kam 2011, als ich eine auf sechs Jahre befristete Stelle an der Uni antrat. segu Geschichte wurde als Open Educational Resources (OER) gelabelt, die Materialien wurden zur freien Verfügung gestellt. In dieser Zeit entstanden die meisten Module. Seitdem wächst und entwickelt sich die Online-Plattform langsam und stetig weiter. Im Prozess zeigt sich, was funktioniert und was nicht. Das ist ein großer Vorteil einer Online-Plattform.

    Wie viel erfahren Sie über die Nutzung von segu, zum Beispiel während der Schulschließungen?

    Seit meiner Rückkehr an die Schule habe ich den Vorteil, die Module mit meinen Schülerinnen und Schülern auszuprobieren, also ob sie funktionieren, ob die Texte verstanden werden etc. Zudem bekomme ich Rückmeldungen von Lehrerinnen und Lehrern. Als im März die Schulen schlossen und die Nachfrage an digitalen Lernangeboten in die Höhe schoss, habe ich das Angebot an so genannten segu-Planern deutlich erweitert, das sind auf zwei bis drei Wochen angelegte Wochenpläne. Ich werde auch häufig nach einem Lösungsheft mit vorgegebenen Antworten zur Orientierung gefragt. Das widerspricht aber meiner Idee von Geschichtsunterricht, wo es nur selten geschlossene Antworten geben kann.

    Was können segu und andere digitale Lernmedien für den Geschichtsunterricht der Zukunft leisten?

    Ich wünsche mir einen vielfältigen Geschichtsunterricht, der der Geschichtskultur zugewandt ist. Geschichte wird in der Öffentlichkeit ausgehandelt, sie geht uns immer etwas an. Und es ist wichtig, dass wir zu den Fragen, die Geschichte aufwirft, eine Haltung entwickeln. Das Internet ist ein Fenster zur Welt. Wenn man im Geschichtsunterricht das Fenster zur Welt öffnet, kann man auf aktuelle Debatten eingehen und auch viel stärker das lokale Umfeld mit einbeziehen, vor Ort recherchieren. Auch zum Forschen und Entdecken vor Ort bietet segu Module und Anregungen. Ein bisschen wie beim Geschichtswettbewerb.

    Außerdem lassen sich digitale Medien als Tools verwenden, um Filme zu drehen, Podcasts zu erstellen, digitale Karten zu historischen Themen selbst zu gestalten und vieles mehr. Auch das kann das Unterrichtsgeschehen verändern, Projektlernen stärken. Ich habe aber auch den Eindruck, dass auf diese Punkte heute schon viel mehr Wert gelegt wird und Geschichtsunterricht nicht mehr dem Klischee von früher entspricht, wo Jahreszahlen auswendig gelernt wurden – es ist inzwischen ein beliebtes Fach.

    zum segu Modul Geschichte des Fahrrads – ›ein Massenwahnsinn ohne Gleichen‹


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