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Das Nachwendekinderprojekt für die Ohren: Vielstimmiger Podcast

Julia Buchholz und Rayk Unger berichten von ihrem Workshop, der im Rahmen des Nachwendekinderprojekts Meinungen zum (noch immer aktuellen?) Spannungsfeld BRD-DDR aus Ost- und Westdeutschland zu einem vielstimmigen Podcast zusammenstellte.

Wir sprachen mit verschiedensten Personen sowohl aus Ost- als auch Westdeutschland in Interviews über zentrale Fragestellungen unseres Projekts »Nachwendekinder: 30 Jahre Deutsche Einheit« und bereiteten diese unter dem Titel »Gemeinsames Land – gemeinsame Zukunft?« auditiv auf. Im Workshop besprachen und diskutierten wir verschiedene Ansätze, in welche Richtung unser Podcast gehen soll und nach einer kurzen Diskussion waren wir uns schnell einig: Wir wollten herausfinden, warum heutzutage gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen, wie Rechtsradikalismus oder der Strukturwandel, eher im Osten Deutschlands verortet werden und nicht auch im übrigen Land. Nachdem wir unser Forschungsinteresse klarer abgegrenzt haben, ging es ans Eingemachte. Unter fachmännischer Anleitung unseres Workshopleiters Johannes Nichelmann, der ein erfahrener Journalist und Buchautor (»Nachwendekinder – Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen«, Ullstein 2019) ist, stürzten wir uns hochmotiviert in die Interviews...

Wer wird befragt?

Bevor wir aber richtig starten konnten, galt es zunächst einmal mögliche Interviewpartnerinnen und -partner zu suchen, die entweder mit der DDR und der BRD vor 1990 oder beiden Staaten vertraut waren und auch die Bundesrepublik der Gegenwart im Blick haben sollten. Das verkleinerte den Kreis der potentiellen Kandidatinnen und Kandidaten natürlich nur wenig, weshalb unseren Vorstellungen nahezu keine Grenzen gesetzt wurden: Ob die eigene Verwandtschaft (die emotionale Nähe vereinfachte die Interview-Situation nur scheinbar, wie wir bald merken sollten), Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen oder Expertinnen und Experten – wir hatten die Wahl. Bei einigen Teilnehmenden fiel diese schnell, andere benötigten etwas länger, um ihre Entscheidung zu treffen.

Unsere Interviewpartnerin und unser Interviewpartner haben beispielsweise gemeinsam, dass beide im Osten sozialisiert wurden – die Erfahrungen nach der Wende dagegen unterscheiden sich stark. Zum einen wurde eine langjährige Freundin interviewt, die in Ostberlin geboren und aufgewachsen ist. Ihre Biographie ist beeindruckend, da sie keinen leichten Start in die neue BRD hatte. Ihre Familie, die einen stärkeren Bezug zur Partei hatte, die Mutter arbeitete als Sekretärin für die SED, musste nach der Wiedervereinigung mit einigen Hürden kämpfen. Die Familie zerbrach und lange Zeit fand die Mutter, wegen ihres ehemaligen Berufs, keinen festen Arbeitsplatz. Sie zog ihre Kinder allein auf und versuchte ihnen dennoch einen glücklichen und guten Start ins Leben zu ermöglichen. Die Interviewpartnerin hat sich nie als »Ossi« gefühlt und ist froh in einem geeinten Deutschland aufgewachsen zu sein. Für sie gibt es keine offensichtlichen Unterschiede zwischen Ost und West.

Das zweite Beispiel handelt von einem Interviewpartner, der in Dresden aufwuchs und sich dort schon früh mit rechtsradikalen Strukturen konfrontiert sah. Nach Studium und Promotion zog der Familienvater aus beruflichen Gründen mit seiner Frau und den Kindern nach Hamburg, wo er sich – wohlgemerkt zwanzig Jahre nach der Wende – bis auf einige spöttische Kommentare über seine sächsische Heimat, problemlos in die neue gesellschaftliche Umgebung einfügte. Für seine drei Kinder, die schnell neue Freunde fanden, war ein vermeintlicher Gegensatz von Ost und West nie von Bedeutung.

Was wird gefragt?

Für die Interviews spielten das Setting bzw. der Ort (wir brauchten zwar eine »Atmo«, also die Geräuschkulisse, aber keine störenden Nebengeräusche) eine ebenso wichtige Rolle wie unsere Fragen. Letztere sollten unsere Interviewpartnerinnen und -partner unter anderem dazu animieren, ganz offen über ihre Wahrnehmung der Beziehung von Ost und West zu erzählen. Gleichzeitig sollten die Gespräche für eine zukünftige Hörerschaft nicht zu trocken bzw. nicht zu schwer konsumierbar sein – eben eine lockere Podcast-Atmosphäre transportieren, wie uns Johannes Nichelmann mit auf den Weg gab.

Genauso vielfältig wie unsere Interviewpartnerinnen und -partner, waren auch unsere Fragen an sie. So gab es Interviews mit Gleichaltrigen, bei denen es um die Befragung der Biographie ging – die persönliche Nähe zu Freundinnen und Freunden und Familienmitgliedern erleichterten das Interview nur im ersten Moment: Das Eis war schnell gebrochen, allerdings konnten im Verlauf des Gesprächs unangenehme Situationen entstehen, wenn es auf Themen zuging, die wir im Vertrauen schon etliche Male offen besprochen hatten, die aber jetzt aufgenommen werden sollten und in einigen Fällen persönlich brisant sein konnten. So spukte mir/ uns die Frage durch den Kopf, ob die nächste geplante Frage wirklich gestellt werden sollte oder ob diese vielleicht zu unangenehm oder gar belastend für die persönliche Beziehung sein könnte. Von Vorteil war, dass die Interviewpartnerinnen und -partner selbst bestimmen konnten, was sie auf die Fragen antworten wollten.

Wichtige Fragen, die es für uns zu klären gab, drehten sich um die Identität der einzelnen Interviewpartnerinnen und -partner, vor allem in Hinblick auf die häufig geographisch vorgenommene Einteilung Deutschlands in Ost und West. Gab es im Leben der Befragten Momente, in denen sie sich eher zu der einen oder zu der anderen Kategorie zugehörig gefühlt haben oder haben sie aktiv von anderen den Stempel aufgedrückt bekommen, aus der einen oder anderen Region zu kommen? Neben den spannenden Fragen zur Identität stand auch eine unserer Leitfragen im Vordergrund: Wie erklären sich unsere Interviewpartnerinnen und -partner, dass im Diskurs gesellschaftliche Probleme wie Rechtsradikalismus oder Strukturwandel eher im Osten verortet werden, obwohl diese Probleme ebenfalls im Westen existieren? Die Vielfalt an befragten Personen führte zu einer multiperspektivischen Sicht auf diese und andere Fragen.

Zwischenfazit und Ausblick

Der Podcast reflektiert, dass es häufig erst durch eine Fremdzuschreibung (»Du bist Ossi/Wessi. «) zu einer Wahrnehmung darüber kommt, dass man scheinbar anders ist. Uns stellt sich die Frage, warum wir heute immer noch die altbekannten Stereotype reproduzieren – egal ob bewusst oder unterbewusst. Aus diesem Grund ist es uns ein Anliegen, diese Kultur der Aufrechterhaltung von Stereotypen aufzudecken und deren Reproduktion durch Sensibilisierung zu vermindern. Denn letztlich sind wir seit nunmehr 30 Jahren ein geographisch und politisch geeintes Land, weshalb es jetzt an der Zeit ist, dass wir flächendeckend auch in den Köpfen zusammenwachsen und uns nicht mehr als BürgerInnen zweier verschiedener Staaten ansehen.

Wir jedenfalls sind jetzt froh darüber, durch die Arbeit am Podcast unseren Horizont sowohl Richtung Osten als auch Westen erweitert zu haben.

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