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Zeitzeugen berichten: Vom Leben in zwei Systemen

Felicitas Mügge und Anna-Magdalena Seufert berichten aus dem Workshop »Biografien befragen – Gegenwart deuten: Zur Relevanz individueller Vergangenheitserfahrungen«.

Erinnern und Erzählen

Der Workshop unter der Leitung von Kerstin Lorenz war der Auseinandersetzung mit individuellen Vergangenheitserfahrungen und deren Relevanz für Gegenwart und Zukunft einer Gesellschaft gewidmet. Herzstück war ein Zeitzeugengespräch mit zwei Zeitzeugen der Initiative Dritte Generation Ostdeutschland (DGO) über Kindheit und Erwachsenwerden in zwei politischen Systemen.

Ergänzt wurde dies durch praktische Übungen zur biografischen Selbstreflektion und die Beschäftigung mit der Zeitzeugenschaft sowie dem Begriff ›Nachwendekinder. In insgesamt vier Terminen drehte es sich ganz virtuell um die Fragen: Warum eigentlich Zeitzeugenarbeit? Wie lebten die Menschen in der DDR kurz vor und während der Friedlichen Revolution? Wie veränderte sich ihr Alltag nach der Vereinigung beider deutscher Staaten? Wie wurden die Jahre des Umbruchs von denen wahrgenommen, die damals Kinder und Jugendliche waren und heute als die ›Dritte Generation Ostdeutschland‹ bezeichnet werden?

Zunächst erhielten alle Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer einen Überblick über das Erinnernde Erzählen und dessen Bedeutung für die Gegenwart. Auch die Initiative Dritte Generation Ostdeutschland wurde vorgestellt. Ihre Mitglieder versuchen zwischen den Generationen in Ostdeutschland und zwischen Ost- und Westdeutschen zu vermitteln; begründet durch den breiten Erfahrungsschatz ihrer doppelten Sozialisation und der Transformationserfahrungen. Ziel ist es, durch die persönlichen Erzählungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von ihren Alltagserfahrungen und Biografien andere historische Quellen und eher nüchterne Fakten zu ergänzen. Je mehr Zeitzeugenberichte gesammelt werden, je mehr Sichtweisen und Erlebnisse wir kennen, umso mehr Facetten bestimmter historischer Ereignisse können erfasst und somit ein möglichst vielschichtiges Bild innerhalb des kollektiven Gedächtnisses gezeichnet werden.

Auch unsere eigene Herkunft und Teilnahmemotivation diskutierten wir. Dabei setzten wir uns auch damit auseinander, inwiefern wir uns mit dem Begriff der ›Nachwendegeneration‹ identifizieren können und ob die Herkunft aus ›Ost‹ und ›West‹ für uns überhaupt noch eine Rolle spielt. Denn: Erlebt haben wir die politische Teilung alle nicht mehr. Aber insbesondere durch die unterschiedlichen Familiengeschichten, allen voran die Wahrnehmung der Teilung, Wende und Wiedervereinigung Deutschlands durch unsere Eltern sind auch unsere Sichtweisen geprägt. Auch wenn unsere Biografien nicht mehr direkt durch eine innerdeutsche Grenze geprägt wurden, haben sowohl die einstige Teilung als auch die ›Wende‹ für einige von uns eine besondere Bedeutung: Beispielsweise weil sich Vater und Mutter schneller zur Familiengründung entschieden, um eine eigene Wohnung (in der DDR) zu bekommen oder sich die eigenen Eltern ohne die Wiedervereinigung wahrscheinlich nie getroffen hätten. Wir bemerkten, dass bei gleichermaßen ausgeprägtem Interesse am Thema das Empfinden der Alltagsrelevanz der Begriffe ›Ost‹ und ›West‹ teils divergierte. Tendenziell hatten diejenigen von uns, die in den ›neuen‹ Bundesländern aufgewachsen sind, noch häufiger das Gefühl, unsere Herkunft ›aus dem Osten‹ spiele eine Rolle oder werde teilweise negativ bewertet.

Berichte über Transformationsphase

Diese Gespräche führten zum Nachdenken über unsere eigene Geschichte und das Erinnern und bereiteten so das Gespräch mit zwei Vertretern der Vorgängergeneration vor: Mit einem Zeitzeugen und einer Zeitzeugin der DGO sprachen wir über deren Kindheits- und Jugendjahre rund um die Wendezeit. Beide berichteten von unbeschwerten Kindheitserinnerungen an Freundschaften und Urlaube. Gleichzeitig nahmen sie den sich schon vor der Wende abzeichnenden »Bruch« sehr deutlich wahr, hatten aber keine »Sehnsucht« nach dem Westen und dem Leben der »Westverwandschaft« und blieben bewusst in Ostdeutschland - bei aller Weltoffenheit und Kritik am System, die in beiden Elternhäusern eine nicht nur untergeordnete Rolle spielte und obwohl beide Familien durch die Wende zu kämpfen hatten. Aus beiden Biografien ließ sich ablesen, dass die Erlebnisse der Kindheit und Jugend das weitere (Erwachsenen-)Leben und die Überzeugungen prägten; so berichtet die Zeitzeugin davon, keine Angst mehr vor einem Systemwechsel zu haben – der Zeitzeuge spricht von etwas mehr Unsicherheit. Beide fühlen sich im jetzigen System »nicht heimisch«, wünschen aber gleichzeitig keinen erneuten Umbruch.

Die Schilderungen über Skepsis in den Familien bezüglich der Geschwindigkeit der Ereignisse rund um den Mauerfall, aber auch das offene Eingestehen eines Schmerzes darüber, nichts »Besseres« aus dem Neubeginn gemacht zu haben und eine gewisse Wut darüber, dass der Osten und seine Bewohnerinnen und Bewohner teilweise immer noch nicht gleichgestellt sind, waren (besonders) für jemanden, der im Westen der Republik aufgewachsen ist, sehr eindrücklich. Aus der Perspektive einer Teilnehmerin ohne eigene Ost-Erfahrung vermochte es der Austausch, im Zusammenhang mit der Wende stehende Gefühle besser greifen zu können.

Auch als Nachwendekind aus Ostdeutschland war es spannend zu erfahren, wie sich die Prägung der ›Wendekinder‹ von uns ›Nachwendekindern‹ aus dem Osten doch unterscheidet, wie sehr der Umbruch als solcher die Biografie beeinflusst hat. Das Eindrücklichste für alle war sicherlich die Unmittelbarkeit des Berichts von der Transformationserfahrung und die Tatsache, dass es eben echte, persönliche Erfahrungen und nicht allgemeine Aussagen sind. So entstanden im beindruckend offenen Gespräch der Zeitzeugin und des Zeitzeugen über ihre eigene Geschichte immer wieder auch emotionale Momente und das, obwohl wir unseren Workshop (Corona-bedingt) online durchführen mussten und uns hunderte von Kilometern und zwei Bildschirme trennten. Dadurch ging leider ein Teil der Dynamik verloren, die sich in einer angeregten Diskussion entwickeln kann. Dennoch waren es bereichernde Gespräche, die auch online eine große Eindringlichkeit entwickelten und zum Nachdenken und Verstehen anregten.

Unser Resümee: Wir wünschen uns – und möchten unseren Teil dazu beitragen – dass die Trennung in ›Ost‹ und ›West‹ bald nur noch eine rein Historische sein wird, die zum Verständnis der Auswirkungen der Teilung Deutschlands auf die Biografien der Generationen vor uns beiträgt.

Felicitas Mügge und Anna-Magdalena Seufert

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