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Imitation Game: Von Ost-West-Unterschieden und Stereotypen

Alisa Vogt und Tim Westphal berichten über ihre Teilnahme am Imitation Game im Rahmen des Nachwendekinderprojektes.

Imitation, von lat. imitatio ‚Nachahmung' oder ‚Nachbildung'. Ein Spiel, welches zur Nachahmung auffordert, dies könnte auch die Einleitung zu einem spannenden Theaterabend sein. Vielmehr war es aber unsere digitale Auftaktveranstaltung am 22. April 2020 im Rahmen des Projekts »Nachwendekinder: 30 Jahre Deutsche Einheit«.

Für das Imitation Game sollten wir versuchen, uns soweit in eine oder einen ›Ossi‹ bzw. ›Wessi‹ hineinzuversetzen, dass man an unseren Aussagen nicht mehr erkennen konnte, ob sie jemand mit ost- oder westdeutscher Herkunft gemacht hatte. Wir merkten dadurch, ob und welche Unterschiede es in unserer Sozialisation gibt, in welchen Lebensbereichen diese zutage treten und ob wir uns so gut mit der jeweils anderen Gruppe auskennen, dass wir die Fragen täuschend echt beantworten können. Die Fragen waren nicht einfach zu lösen, da diese ebenfalls durch uns Spielerinnen und Spieler formuliert und gestellt worden waren. Entsprechend reichte das Fragespektrum von Kindheitserinnerungen über die Schulzeit bis hin zu politischen Einstellungen.

Die Spielregeln

Das Spiel spielten wir online und es wurde angeleitet von Daniel Kubiak, Workshopleiter im Projekt: »Nachwendekinder: 30 Jahre Deutsche Einheit« und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM). In einer eigens für das Spiel programmierten Software arbeiteten wir parallel in drei Fenstern und hatten gleichzeitig die Rollen ›Beurteilerin/Beurteiler‹, ›ehrliche Teilnehmerin/ehrlicher Teilnehmer‹ und ›Imitatorin/Imitator‹ inne. Ausgehend von unseren Vorgesprächen und unserer persönlichen Einschätzung wurden wir vorab in die Gruppen ›Ost‹ und ›West‹ eingeteilt.

In der Rolle ›ehrliche Teilnehmerin/ehrlicher Teilnehmer‹ sollten wir uns gestellte Fragen so spontan und ehrlich wie möglich beantworten. In unserer zweiten Rolle ›Imitatorin/Imitator‹ sollten wir die Frage so beantworten, wie wir es von einem Mitglied der jeweils anderen Gruppe erwarteten. Als Mitglied der Gruppe Ost mussten wir die Gruppe West nachahmen und entsprechend andersherum. Schlussendlich in der Rolle ›Beurteiler‹ stellten wir unseren Mitspielern, einem ›ehrliche Teilnehmerin/ehrlicher Teilnehmer‹ und einem ›Imitatorin/Imitator‹, die Fragen. Mit diesen wollten wir herausfinden, welche der beiden Personen, die unsere Frage beantworteten, zu unserer Gruppe gehört und welche nicht. Ausgehend von den Antworten mussten wir angeben, warum wir eine Antwort als Imitat einstuften oder nicht.

Das Imitieren und Entlarven

Einfache Fragen, mit Ja oder Nein-Antworten sind sehr leicht nachzuahmen und entsprechend entwickelten wir recht schnell tiefergehende Fragestrategien. Diese wurden auch durch die eigenen Erfahrungen als ehrlicher Teilnehmende und als Imitierende von Fragerunde zu Fragerunde verfeinert. Eine interessante Erkenntnis war, dass wir ohne vorherige Absprachen recht ähnliche Fragen stellten, beispielsweise zur Rolle der Religion oder der Frau.

Weitere Strategien, um herauszufinden, ob jemand aus den alten oder neuen Bundesländern kommt, waren Fragen nach den Reiseerlebnissen und dem Bildungsweg der Eltern oder nach beliebten Kinderbüchern und Fernsehsendungen (von Pittiplatsch zu Pippi Langstrumpf) sowie Musik. Wichtig schien auch die Einstellung gegenüber, beziehungsweise die Wertung von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland, wie zum Beispiel dem Aufstieg der AfD zu sein. Während Teilnehmende aus der Gruppe ›West‹ die Thematik Ost und West eher indirekt, über Fragen zum täglichen Leben, fokussiert haben, wurden aus dem Teilnehmendenkreis der Gruppe ›Ost‹ direkt die Themen Identität und Zugehörigkeit thematisiert.

Auffallend ist, dass wir unsere Entscheidung darüber, wer nur imitierte, häufig auf unser Bauchgefühl stützten. Eine (vermeintlich) zu klischeebeladene, ›zu dick aufgetragene‹ Antwort wurde schnell für die Nachahmung gehalten. Detailgetreue Antworten, in denen Emotionen mitschwangen, oder diejenigen, die sich mit unserer eigenen Erfahrung oder Meinung deckten, wurden als die richtigen erachtet. Insgesamt wurden in 13 Fällen Nachahmende korrekt identifiziert, in 11 Fällen jedoch nicht. Wie belastbar das ist, ist aber schwer zu sagen, da in nahezu allen Bewertungen angegeben wurde, dass Beurteilende sich sehr unsicher war.

Das Spiel brachte große Lerneffekte, weil einem auf einmal bewusst wurde, an welchen Kleinigkeiten oder auch Einstellungen zu den großen gesellschaftlichen Fragen wir Unterschiede zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen festmachen. Zudem lernten wir noch Neues, z.B., dass der Sportunterricht im Osten noch lange nach der Wende häufig mit einem ›Sport frei‹ begann oder auch die Bedeutung des Worts ›Muschepupu‹ (Für Uneingeweihte: Gedämpftes Licht).

Alisa Vogt und Tim Westphal

 

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