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30 Jahre Friedliche Revolution: Demokratie ist nicht selbstverständlich

Sebastian Krumbiegel ist Musiker und Frontmann der aus Leipzig stammenden Band »Die Prinzen«. Am 17. September 2019 diskutiert der gebürtige Leipziger im Rahmen des 8. Sächsischen Geschichtscamps unter anderem mit Preisträgerinnen und Preisträgern des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten über protestierende Jugendliche und die Friedliche Revolution. Christine Strotmann hat vorab mit ihm darüber gesprochen, wie er als junger Mann die DDR, den Mauerfall und die Wende erlebt hat.

Herr Krumbiegel, waren Sie 1989 auf der Straße?

Ja. Ich war damals Student. Ab Mitte September 1989 sind wir zu den Montagsdemos gerannt. Wir haben gemerkt, dass da etwas passiert, direkt vor unserer Haustür. Am 9. Oktober selbst war ich aber nicht dabei, ich war zu feige. Eine Woche vorher habe ich erlebt, wie die Staatsmacht in eine Demonstration reingeprügelt hat. Vor der Demo am 9. Oktober gab es dann überall Gerüchte – die Krankenhäuser würden Blutkonserven sammeln und Betten vorbereiten. Wir hatten wirklich Angst, es würde scharf geschossen. Ich war also nicht dabei. Es ist wichtig, das zu sagen! Es waren nicht alle Helden. Es gibt den sehr schönen Spruch: »Dafür haben wir 1989 nicht hinter der Gardine gestanden«. Am Ende waren es wirklich die Menschen auf der Straße, die etwas verändert haben. Ich war an diesem Abend nicht mutig genug.

Seit wann waren Sie gegen die DDR?

Ich war sehr zeitig dagegen, aber nie Bürgerrechtler oder Oppositioneller, nicht organisiert. Wir haben zwar politische Texte geschrieben – zum Beispiel ein Lied, das hieß »Betriebsdirektor«. Das war ungefähr 1987 oder 1988 (veröffentlicht wurde es 1991, Anm. der Red.) und es ging um Umweltverschmutzung, da hießen wir noch »Herzbuben«. Wir hatten auch einen kleinen Hit im Radio im Osten. Der hieß: »Der schönste Junge aus der DDR«. Darin ging es darum, dass ich der schönste Junge aus unserer schönen DDR sei – die Ironie haben die Leute verstanden.

Wie haben Sie den Alltag in der DDR erlebt?

Ich hatte Glück. Ich war im Thomanerchor und dadurch sehr privilegiert – konnte mehrfach in den Westen und ins Ausland reisen. Ich war aber auch sehr aufmüpfig und habe Autoritäten angezweifelt. Durch meine Reisen konnte ich oftmals Dinge in einen anderen Kontext setzen. Meine Eltern haben mich bewusst in den Thomanerchor gegeben. Sie hatten Angst, dass wir ansonsten im DDR-Schulsystem der sogenannten »Rotlichtbestrahlung« ausgesetzt wären.

Was erzählen Sie heute Kindern und Jugendlichen darüber, wie es war, in der DDR aufzuwachsen? 

Dass wir auch eine Kindheit erlebt haben, die nicht vordergründig politisch war. Kindheit bedeutet für mich Sommerferien, Schwimmbad, wandern im Wald, meine Oma besuchen. Alle haben ja versucht, sich in diesem Land einzurichten. Wir hatten keine grauen Gewänder an. Trotzdem hat das Regime unsere Kindheit beeinflusst. Es gab zum Beispiel Tage der offenen Tür in den Kasernen, explizit für Kinder. Jungs konnten sich dann die Panzer und ähnliches anschauen, das fanden sie natürlich toll. Man darf nie vergessen, dass es ganz unterschiedliche Leben auch in der DDR gab – ich hatte eine glückliche Kindheit. Natürlich ging es Menschen anders, die von der Stasi verfolgt wurden!

Wie haben Sie die Wendezeit erlebt?

Ganz am Anfang, das war spannend und gefährlich. Irgendwann kippte das Ganze und es kamen dann auf einmal alle, es war eine regelrechte Volksfeststimmung. Allerdings gab es auf den Demos ganz schnell auch Deutschlandfahnen und die Flyer der Republikaner auf denen stand »Arbeit zuerst für Deutsche«. Aus den Sprechchören »Wir sind das Volk« wurde »Wir sind ein Volk«. Das ging alles wahnsinnig schnell.

Wo waren Sie am Abend des Mauerfalls?

Ich war im Kabarett. Bei den Academixern in Leipzig. Die haben dort ein Programm gemacht, das vom Deutschen Fernsehfunk aufgenommen werden sollte. Das war ein absolutes Novum. Wir fragten uns noch, was in diesen schnelllebigen Zeiten mit den Aufnahmen passieren würde. Sie wurden dann wohl nichtmehr verwendet. Noch während sie gedreht wurden, waren sie überholt.

Herr Krumbiegel – können wir etwas aus der Wende lernen?

Ja, dass die demokratischen Grundwerte wichtig sind, dass der demokratische Rechtsstaat ein hohes Gut ist. Dafür sind die Menschen 1989 auf die Straße gegangen. Die Demokratie ist eine zarte Pflanze, die man pflegen muss. Deswegen habe ich auch gerade meinen neuen Song »Die Demokratie ist weiblich« veröffentlicht – da geht es genau darum, diese Werte zu verteidigen. Wir müssen uns selbst darum kümmern, in welcher Welt wir leben. Da gibt es große und wichtige Themen: Umweltverschmutzung, Rassismus und vieles mehr, das müssen wir alles angehen. Die Demokratie ist eine tolle Errungenschaft, aber es reicht nicht, alle vier Jahre sein Kreuz zu machen. Wir hatten 1989 Angst auf die Straße zu gehen. Es war gefährlich. Jetzt ist es ein Grundrecht: Die jungen Leute auf den »Fridays for future«-Demos können diese Freiheit nutzen und über ihr wichtiges Anliegen sprechen. Die machen sich Gedanken um ihre Zukunft. Klar, dass die sich einbringen wollen und gut, dass sie es können. 

VERANSTALTUNGTIPP: 

Am 17. September 2019 um 19 Uhr ist Sebastian Krumbiegel Podiumsgast in Leipzig bei der öffentlichen Abendveranstaltung »Jugend protestiert – die Friedliche Revolution« anlässlich des 8. Sächsischen Geschichtscamps, an dem auch Preisträger des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten teilnehmen. Die Abendveranstaltung ist eine Kooperation der Körber-Stiftung und des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig. Auf dem Podium wird Sebastian Krumbiegel gemeinsam mit der Bürgerrechtlerin Katrin Hattenhauer sprechen. Eingeleitet wird die Veranstaltung durch eine szenische Lesung mit jungen Stimmen von damals und heute, inszeniert von der Regisseurin Carla Niewöhner. Den Abend moderiert Christine Strotmann, Körber-Stiftung. Der Eintritt ist frei, die Plätze sind begrenzt.

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