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Geschichtswettbewerb > Interview mit Heike Fiedler und Caroline Gritschke

»Lieber am Bildschirm als gar nicht«

»Bewegte Zeiten« ist nicht nur der Titel der 27. Wettbewerbsrunde des Geschichtswettbewerbs 2020/21, denn das Motto traf auch auf die letzten sechs Monate zu, in denen Schülerinnen und Schüler bundesweit zum Thema Sport in der Geschichte geforscht haben. Museen und Archive blieben ab November geschlossen und kamen so als Rechercheorte nur begrenzt infrage. Trotz der Auswirkungen der Pandemie haben mehr als 3.430 Kinder und Jugendliche 1.351 Beiträge eingereicht und sich nicht von einer Teilnahme abhalten lassen. Die Beiträge werden nun in allen Bundesländern von Jurys begutachtet und bewertet. Doch wie hat sich die Pandemie auf den Wettbewerb ausgewirkt? Wie arbeiten außerschulische Lernorte im sogenannten Lockdown? Und was wird bei der Bewertung der Beiträge entscheidend sein? Darüber sprachen die Jurorinnen des Geschichtswettbewerbs Heike Fiedler und Caroline Gritschke mit Frida Teichert.

So wie es im Titel des diesjährigen Geschichtswettbewerbs heißt, leben auch wir aktuell in »bewegten Zeiten«: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Caroline Gritschke: Die Museen sind momentan geschlossen, aber wir haben mindestens genau so viel Arbeit. Schon vor der Corona-Pandemie haben wir als großes digitales Projekt eine interaktive Geschichtsplattform mit Schnittstellen zu Social Media und unserer Webseite geplant. Außerdem haben wir zwei unserer analogen Workshops nach unseren Maßstäben für Bildungs- und Vermittlungsarbeit digitalisiert. Diese Workshops sollen auch nach der Wiedereröffnung der Häuser als Angebot für Schulklassen bestehen bleiben, für die der analoge Besuch nur schwer möglich ist.

Heike Fiedler: Auch bei uns fehlen die Besucher/innen. Teil meiner Arbeit ist es, Menschen beizubringen, wie sie mit der Flut an Informationen im Archiv umgehen können und das fiel im Prinzip aus. Schüler/innen konnten nicht im Lesesaal recherchieren, wir haben also einen Großteil der Vorrecherche übernommen und Digitalisate weitergegeben. Leider bekommen wir so weder die Reaktion von Schüler/innen mit, wenn sie überraschende Entdeckungen bei ihrer Recherche machen, noch, wie sie ihre Fragen eingrenzen, neue Perspektiven reinbringen und so wirklich die Arbeit von Historiker/innen machen.

Welche Angebote zum Geschichtswettbewerb gibt es für Schüler/innen bei Ihnen?

Caroline Gritschke: Zum Geschichtswettbewerb bieten wir immer Themenworkshops an, da man aus unserer Erfahrung über Objekte sehr stark einen Bezug zu regionalen oder familiären Themen herstellen kann. An diesen Workshops war auch dieses Mal das Interesse groß und wir konnten noch zwei dieser Workshops durchführen. Anfragen zum Wettbewerb und Rückfragen zu bestimmten Objekten oder Kontakt zu Expert/innen haben wir aber erstaunlicherweise nicht bekommen.

Heike Fiedler: Sonst kamen die Tutor/innen, die immer beim Geschichtswettbewerb mitmachen, mit Gruppen bis zu 50 Schüler/innen ins Archiv, um mit den Archivalien zu arbeiten. Das war dieses Mal nicht möglich und dadurch war auch die Vernetzung mit Expert/innen an anderen Institutionen schwierig. Ich habe selbst Werbung gemacht, aber viele der erfahrenen Kolleg/innen machen in diesem Jahr aufgrund der vielfältigen beruflichen und privaten Herausforderungen durch die Corona-Pandemie nicht mit. Ich verstehe das und denke, dass man daraus keine Schlüsse für die Zukunft ziehen kann.

Wie sah die Zusammenarbeit mit den Schulen in den letzten Monaten aus?

Heike Fiedler: Wir haben noch stärker Archivalien digitalisiert und versucht, die Faszination der Archivarbeit in den digitalen Raum zu übertragen. Über die digitalen Möglichkeiten kann man auch Leute erreichen, die sich vielleicht sonst von großen Mengen älterer Archivalien abschrecken lassen. Für einige riechen die alten Akten komisch und erscheinen staubig, obwohl es nicht staubig bei uns ist. Wir sind ein moderner Dienstleister.

Caroline Gritschke: Es hat uns sehr gefreut zu sehen, dass weiter ein hoher Bedarf an Kontakt mit dem Museum besteht und wir nutzen hierfür die digitalen Tools. Das Museum bleibt für uns ein Ort, an dem wir mit historischen Originalobjekten Geschichten von Menschen erzählen aus der Vergangenheit und ein Kommunikationsort, an dem wir uns über die Vergangenheit austauschen. Wir wollen diesen Besuch gar nicht mit digitalen Mitteln ersetzen, sondern versuchen, gerade für Schulen im Digitalen etwas anzubieten, was den Besuch ergänzt.

Der Deutsche Museumsbund hat Anfang Februar gefordert, Museen zeitgleich mit Schulen und Kitas öffnen zu öffnen, da sie vor allem eine Bildungsfunktion für die Gesellschaft haben. Wie nehmen Sie die Diskussion über die Öffnung der außerschulischen Lernorte wahr?

Caroline Gritschke: Es ist uns wichtig, dass Museen als außerschulische Bildungsorte wahrgenommen werden und nicht, wie teilweise in der Diskussion geschehen, unter Freizeiteinrichtungen subsumiert werden. Wir können auch für Wechselunterricht Angebote machen und haben insgesamt gute infrastrukturelle Voraussetzungen bei uns im Haus. Es ist aber schwierig, wenn sich jede Branche in den Vordergrund stellt und als besonders wichtig gelten möchte.

Heike Fiedler: Ich denk auch, dass sich Institutionen nicht gegeneinander ausspielen sollten mit Blick auf Öffnungsszenarien. Es kommt immer auf den Ort und die Voraussetzungen dort an. Ich denke, man sollte trotz mancher Hindernisse in festen Strukturen kreative Lösungen finden und der Sicherheit höchste Priorität einräumen. Natürlich fehlen die jungen Leute und ihnen fehlt das gemeinsame Lernen, damit sie nicht nur im kognitiven Sinne wachsen können, sondern auch die Soft Skills erlernen.

Werfen wir einen Blick nach vorne: Worauf achten Sie als Jury-Mitglied in diesem Jahr bei der Bewertung der Beiträge zum Geschichtswettbewerb besonders?

Caroline Gritschke: Der Arbeitsbericht wird in diesem Jahr besonders wichtig sein, um nachvollziehen zu können, wie die unterschiedlichen Schwierigkeiten und Zugangsmöglichkeiten zu Quellen konkret waren. Wenn Teilnehmende es trotz der Hindernisse geschafft haben, einen Beitrag einzureichen, schätze ich das natürlich wert, aber ich muss dennoch wissen, unter welchen Bedingungen gearbeitet wurde. Die Herausforderung wird dann sein, Beiträge zu vergleichen, die unter gänzlich unterschiedlichen Bedingungen entstanden sind. Ob diese Abwägung nötig wird, sehen wir erst mit den Beiträgen.

Heike Fiedler: Ich stimme Ihnen da inhaltlich absolut zu. Die Kriterien, die für die Juryarbeit aufgestellt sind, sind verbindlich und in diesem Jahr bedeuten die Abwägungsprozesse auch, eigentlich schwer vergleichbare Beiträge aufgrund der unterschiedlichen Bedingungen trotzdem fair und angemessen zu bewerten.

Worauf freuen Sie sich am meisten bei Ihrer Arbeit, wenn die Pandemie vorüber ist?

Caroline Gritschke: Ganz eindeutig: Auf alle unsere Besucher/innen! Vielleicht kommen ja neue Gruppen, die wir über unsere digitalen Angebote angesprochen haben. Wenn ich zwischendurch im leeren Museum unterwegs bin, merke ich, wie sehr ich den Dialog mit unseren Besucher/innen vermisse.

Heike Fiedler: Das gilt für mich natürlich auch, ich vermisse all unsere Gruppen. Für mich ist die Begeisterung der Kleinsten wenn ich meinen Archivkoffer auspacke immer ein besonderes Highlight. An der Basis Aufklärungsarbeit darüber zu leisten, was ein Archiv ist und welcher Schatz an Erinnerung dort liegt, macht mir viel Spaß. Für den Geschichtswettbewerb machen wir normalerweise im Anschluss an die Preisvergabe immer noch eine Veranstaltung, bei der die besten regionalen Arbeiten präsentiert werden. Der Geschichtswettbewerb ist ein wichtiger Beitrag zur Demokratieerziehung und Toleranz, deswegen wäre es schön, wenn das auch in diesem Jahr klappt.

Caroline Gritschke: Ich wünsche mir auch, dass die Landespreisverleihungen stattfinden können. Wir machen immer davor eine Präsentation von allen Arbeiten, unabhängig von der Bewertung, da sich das viele Teilnehmende gewünscht haben. Ich hoffe, das ist in diesem Jahr möglich, werde aber jetzt auch schon darüber nachdenken, wie es digital möglich wäre.

Heike Fiedler: Ja, lieber am Bildschirm als gar nicht.

Heike Fiedler ist abgeordnete Lehrerin im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen und arbeitet in der Abteilung Ostwestfahlen-Lippe in Detmold als Archivpädagogin. Sie ist Mitglied der Landesjury Nordrhein-Westfalen Nord.

Dr. Caroline Gritschke leitete den Bereich Vermittlung und Bildung am Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart. Sie ist Historikerin und Vorsitzende der Landesjury Baden-Württemberg Süd.

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