Junge Geschichtsforscher blicken auf die Wendejahre

›So geht‘s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch‹ – Mehr als 100 Beiträge der 26. Ausschreibung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten thematisieren Veränderungsprozesse in Zeiten des geteilten Deutschlands und der DDR. Der friedliche Einsatz für die Freiheit und gegen das SED-Regime, die Wiedervereinigung oder die Nachwirkungen dieses Prozesses auf Politik, Gesellschaft und individuelle Biographien – die Ereignisse der Wendejahre 1989/90 boten für viele junge Geschichtsforscher Themen zum Nachforschen. 

30 Jahre Mauerfall

Neben der Recherche in Museen sowie Landes- und Stadtarchiven sammelten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Erkenntnisse besonders häufig in Gesprächen mit Zeitzeugen. Neben Familienmitgliedern, die die Wendejahre miterlebt haben, wurden auch Personen befragt, die sich aktiv für Veränderungen in der DDR einsetzten. Die wachsende Kraft oppositioneller Gruppen und die wöchentlichen Demonstrationen sind in 20 Forschungsarbeiten Mittelpunkt für die Auseinandersetzung mit Krise, Umbruch und Aufbruch. Die Betrachtung der Friedlichen Revolution diente Schülerinnen und Schülern aber nicht nur zur Wissenserweiterung. Das Handeln der Demonstranten zu würdigen, war ein zusätzliches Anliegen: »Denn ohne ihr selbstloses und durch Emotionen geleitetes Handeln wäre eine friedliche Revolution dieser Art nicht möglich gewesen«, betonen zehn Schülerinnen und Schüler aus Arnstadt. Diese untersuchten die Friedliche Revolution in ihrer thüringischen Heimatstadt und zeigten dabei auf, dass politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen in der DDR ursächlich für das revolutionäre Engagement vieler Bürger waren. 

Krise, Umbruch und Aufbruch auf vielen Ebenen

Nicht nur politische Themen rund um die Friedlichen Revolution und den Mauerfall interessierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Geschichtswettbewerbs. Sie betrachten auch, was sich gesellschaftlich, wirtschaftlich und persönlich durch die Wiedervereinigung veränderte. Ingrid aus Dresden analysierte die Wahrnehmung der Wiedervereinigung und ihrer Auswirkungen aus der Perspektive von Schülerinnen und Schülern in der DDR. Die Zeitzeugeninterviews offenbaren für die 15-Jährige gemeinsame aber auch ganz unterschiedliche Eindrücke der Wende. »Sie berichteten von Umbrüchen, Widersprüchen, von verlorenen Gewissheiten und ebenso von neugewonnenen Freiheiten, von Engagement und Aufbruch. Alle erlebten jene Monate vor fast 30 Jahren anders als so manche ihrer Eltern eher unbekümmert, erwartungsvoll und oft mit einer Prise Abenteuerlust.« resümiert die Schülerin. 

Einige Beiträge nehmen Transformationen im wirtschaftlichen Sektor nach den Wendejahren in den Blick. Insbesondere die Privatisierung volkseigener Betriebe der DDR findet dabei Beachtung. Allerdings bedeutete die Wiedervereinigung für ehemalige DDR-Betriebe selten einen Aufbruch, wie Kim und Moritz aus Dessau-Roßlau feststellen. Sie zeigen am Beispiel der Waggonfabrik Dessau auf, dass die Umstrukturierungen nach der Wiedervereinigung Herausforderungen für DDR-Betriebe darstellten und für viele in der Schließung endeten. Dies erklärt für sie auch, warum »in ganz Ostdeutschland wesentlich weniger Großindustrie angesiedelt ist als in Westdeutschland«. 

Auf gesellschaftlicher Ebene bedeuteten die Wendejahre für einzelne Minderheiten einen zusätzlichen Aufbruch. In der Zeit der DDR erfolgte ein bereits progressiver Umgang mit einzelnen Minderheiten, was die Zehntklässlerinnen Charlotte aus Dresden und Nina aus Plauen in ihren Forschungsarbeiten feststellten. Charlotte, die die Situation homosexueller Menschen in der DDR und heute betrachtete, arbeitet auf der einen Seite einen fortschrittlichen politischen und juristischen Umgang der DDR mit Homosexualität im Vergleich zur BRD heraus. Sie zeigt jedoch auch die vorhandene Ablehnung und Diskriminierung innerhalb der DDR-Bevölkerung auf. Nina sieht Fortschritte im Umgang mit gehörlosen Menschen in der DDR. Sie weist aber auch auf den faktischen Unterschied zwischen propagierter Gleichberechtigung in der DDR und vorherrschenden Vorurteilen und fehlender Selbstbestimmung hin. Beide Schülerinnen sehen eine weitere Verbesserung der Situation in den Nachwendejahren in ganz Deutschland. Nina macht jedoch deutlich: »Der Aufbruch ist auch heute noch aktuell. Eine vollständige Zufriedenheit wurde noch nicht erreicht und wird es wohl auch nie. Ich glaube, das ist dem natürlichen Drang des Menschen nach Höherem zu streben zu verdanken. Das ist auch gut so, denn das sichert uns den stetigen Wunsch nach Verbesserung und Fortschritt.«

Wirkung der Wende bis heute – gesellschaftlich und persönlich? 

Ausgehend von ihren historischen Recherchen zu den Wendejahren 1989/90 spannen die Schülerinnen und Schüler den Bogen zu Ereignissen der Gegenwart. Riekje stellt in ihrer Heimatstadt Hamburg Parallelen zwischen der hohen Zahl an Flüchtlingen und Übersiedlern aus der DDR unmittelbar vor und nach dem Mauerfall und der Zahl Geflüchteter im Jahr 2015 fest. Besonders beim Umgang der Bevölkerung mit den Zugezogenen ließen sich Muster erkennen, macht Riekje deutlich. Für eine 12. Klasse aus Löbau in Sachsen bieten die Wendejahre auch Erklärungsansätze für das Erstarken populistischer Kräfte in der heutigen Gesellschaft. Sie sehen dabei besonders die »nicht erfüllten Erwartungen der Bevölkerung an die Wiedervereinigung« als ursächlich.

Aber auch einen persönlichen Bezug zu den Ereignissen der Wendejahre stellen die Jugendlichen her. Fiamma aus München erkennt für sich: »Hätte es den Mauerfall nicht gegeben, gäbe es mich nicht«. Erst der Mauerfall ermöglichte ein Kennenlernen ihrer italienischen Mutter und ihres Vaters, der in der DDR aufwuchs. Lea, die sich mit der Besetzung der Stasi-Zentrale in ihrer Heimatstadt Erfurt beschäftigte, sieht an diesem Beispiel verdeutlicht: »Engagierte Bürger*innen können ein scheinbar unantastbares und mächtiges Überwachungssystem überwinden. Wenn man sich zusammenschließt und ein gemeinsames Ziel ansteuert, kann man viel erreichen.« 

Über den Geschichtswettbewerb

Seit 1973 richten die Hamburger Körber-Stiftung und das Bundespräsidialamt den Geschichtswettbewerb aus, der auf eine gemeinsame Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und des Stifters Kurt A. Körber zurückgeht. Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte zu wecken, Selbstständigkeit zu fördern und Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Ausgeschrieben wird der mit bislang über 147.000 Teilnehmern und rund 33.500 Projekten größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland in einem zweijährigen Turnus und zu wechselnden Themen.

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