X

Meldung

Archive als Lernorte für Demokratie stärken

Rund 40 Prozent der Beiträge beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2016/17 beruhten auf Archivquellen. Schüler gewinnen durch den Umgang mit Originalquellen authentische Eindrücke von Geschichte und lernen historische Entscheidungsprozesse von Politik und Gesellschaft kennen. So wird das Archiv auch zu einem Lernort für Demokratie.

»Schüler sind eine große Bereicherung. Ihre Neugier und ihr neuer, manchmal überraschender Blick lassen auch uns Archivare oft anders auf das Archiv und die eigene Arbeit schauen«, betont Annekatrin Schaller vom Stadtarchiv Neuss. Etwa 2.200 Schülerinnen und Schüler haben für 632 Projekte beim jüngsten Geschichtswettbewerb Archive aufgesucht und Quellen ausgewertet – wohl in keiner zurückliegenden Initiative waren bundesweit so viele Jugendliche zur Spurensuche in Archiven unterwegs.

Das Interesse der Jugendlichen am Forschen, Lernen und Entdecken im Archiv besteht also – und erzielt auf beiden Seiten Wirkung. Als Leiterin des Arbeitskreises Archivpädagogik und Historische Bildungsarbeit im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare ist Annekatrin Schaller die Wahrnehmung von Archiven als Lernorte auch für junge Zielgruppen besonders am Herzen: Archive, so sagt sie, »sind ein Versuchslabor für den Geschichtsunterricht«.

Auftrag zu historischer Bildung

Aber während beim Geschichtswettbewerb die Projektteilnehmer ihre Zeit und Themen selbst festlegen können, sieht es im Geschichtsunterricht vielerorts anders aus: überfüllte Lehrpläne und wenig Flexibilität im Stundenplan lassen oftmals nicht genügend Zeit für größere Projekte oder Exkursionen. Dabei haben Archive und Schulen ganz ähnliche Ziele, weiß Schaller: »Beide haben den Auftrag zu historischer Bildung und das gemeinsame Ziel, bei Kindern und Jugendlichen ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein zu fördern«.

Wie können also Schulen und Archive enger zusammenarbeiten und Synergien besser nutzen? Zunächst einmal braucht es dafür von Seiten der Archive viel Unterstützung. »Viele kommen zum ersten Mal in ein Archiv und oft ohne klar umrissenes Thema. Wir nehmen uns dann viel Zeit für die Beratung bei Themenfindung und Quellenrecherche. Es ist schön zu beobachten, wie die Teilnehmer im Laufe des Forschungsprozesses immer sicherer und selbständiger werden und wie die Wettbewerbsbeiträge wachsen«, berichtet Schaller.

Öffentliche Wahrnehmung von Archiven stärken

Gabriele Stüber vom Zentralarchiv der Evangelischen Kirche der Pfalz in Speyer benennt die praktischen Herausforderungen eines Archivbesuchs durch Schülerinnen und Schüler. Nicht nur längere Anfahrtswege und kurze Öffnungszeiten seien ein Hindernis, oftmals fehle es auch an Personal in der Archivpädagogik. »Auch wenn wir keinen Archivpädagogen im Haus haben, versuchen wir, schülergerechte Angebote anzubieten und dadurch den Weg ins Archiv für Schulklassen zu ebnen. Wir beraten die Schüler bei ihrer Recherche und unterstützen zum Beispiel auch beim Lesen und Verstehen der Dokumente«, so Stüber.

Häufig müssten Archive selbst erst einmal erkennen, dass sie Schulen ein hochinteressantes Angebot machen können. Stüber versteht Archive auch als »modernes Dienstleistungsunternehmen« für Schulen. »Dieses Service-Verständnis muss noch besser kommuniziert werden, daher ist für uns Öffentlichkeitsarbeit ein wichtiges Thema«, ergänzt Stüber. Unterm Strich müsse man also die Rahmenbedingungen für Archivbesuche von Schülern verbessern. »Das ist eine Aufgabe für beide Seiten«, bekennt auch Schaller.

»Ansatzmöglichkeiten sehe ich bei den Lehrplanvorgaben und der schulinternen Organisation sowie der Lehrerausbildung und -fortbildung. Archive können dazu beitragen, indem sie sich organisatorisch den Bedürfnissen der Schulen noch stärker anpassen sowie an den Lehrplänen orientierte Angebote entwickeln – zu vielen Unterrichtsinhalten gibt es Quellen in den Archiven vor Ort«. Dort lernen Schüler nicht nur historische Entscheidungsprozesse von Politik, Verwaltung und Gesellschaft kennen, sondern damit auch, wie Demokratie funktioniert.


Über den Geschichtswettbewerb

Seit 1973 richten die Hamburger Körber-Stiftung und das Bundespräsidialamt den Geschichtswettbewerb aus, der auf eine gemeinsame Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und des Stifters Kurt A. Körber zurückgeht. Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte zu wecken, Selbstständigkeit zu fördern und Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Ausgeschrieben wird der mit bislang über 141.000 Teilnehmern und rund 31.500 Projekten größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland in einem zweijährigen Turnus und zu wechselnden Themen.  

Weitere Informationen zum Geschichtswettbewerb


to top