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Geschichtswettbewerb
  • Iris Buchholz (rechts) im Zweier-Ruderboot. (Foto: privat)
  • Iris Buchholz (hockend, ganz rechts) mit ihrem Ruder-Team auf der Berliner Sporthochschule. (Foto: privat)
  • Die ehemalige Leistungssportlerin Iris Buchholz (Foto: privat)
  • Interview

    »Dafür steht ihr irgendwann auf dem Treppchen«

    Iris Buchholz war Leistungssportlerin und gehörte als Jugendliche zur Elite der Ruderinnen in der DDR. Mit 19 Jahren schaffte die Schwerinerin nach Jahren des Leistungsdrucks auf einem Sportinternat in Berlin den Absprung. Die Nachwirkungen dieser Zeit spürt sie allerdings bis heute.

    Im Gespräch mit Laura Wesseler erzählt Iris Buchholz vom Sportsystem der DDR, angeblichen Vitaminpillen und ihrem Leben nach dem Leistungssport.

    Frau Buchholz, wie sind Sie zum Rudern gekommen?

    Ich hatte als Kind immer den inneren Antrieb, Sport zu treiben, und probierte verschiedene Sportarten aus. Ein Nachbarsjunge nahm mich dann im Alter von elf Jahren zum Rudern mit – und dort bin ich hängengeblieben. Ich weiß auch gar nicht, wo mein Ehrgeiz herkam – wahrscheinlich war es einfach schön, mit anderen Sportlerinnen und Sportlern zusammen zu sein. Rudern ist ja eine Mannschaftssportart.

    Woran lässt sich erkennen, ob jemand Talent zum Rudern hat?

    Es ist gut, wenn man groß ist und die Hebelverhältnisse des gesamten Körpers, also der Arme, der Beine und des Oberkörpers, optimal zusammenpassen. Mit 1,76 Meter war ich später sogar ein bisschen zu klein und habe nicht ganz den Standardmaßen für diese Sportart entsprochen. Nachdem ich die Technik konnte und dann auch fast jeden Tag trainierte, brachte ich aber schnell sehr gute Leistungen im Zweier und Vierer. Mit Dynamo Schwerin bin ich an den Wochenenden zu Regatten und Wettkämpfen gefahren und wir waren ziemlich erfolgreich.

    Wie kam der Wechsel an die Sportschule nach Berlin zustande?

    Mit 14 Jahren habe ich mit meiner Mannschaftskollegin im Zweier bei einem Wettkampf in Berlin eine Clubmannschaft geschlagen. Wir waren einfach so gut, dass die entsprechenden Leute auf uns aufmerksam geworden sind. 1976 bin ich dann nach Berlin zur Kinder- und Jugendsportschule (KJS) geholt worden und habe dort im Internat gelebt. Ich hatte eine hohe Eigenmotivation, denn ich war draußen in der Natur, hatte Spaß und war mit meinen Mannschaftskolleginnen erfolgreich.

    Hatten Sie kein Heimweh in Berlin? Sie waren immerhin erst 15 Jahre alt.

    Natürlich hatte ich Heimweh. Aber wenn man erst einmal in diesem System war, dann war es für die Eltern sehr schwer, die Kinder zurückzuholen. Und ab dem Wechsel nach Berlin war mein ganzes Leben nur noch auf den Sport ausgerichtet und ich habe auch gar nicht mehr darüber nachgedacht, ob ich das überhaupt alles wirklich will. Man war eben naiv, läuft so mit und merkt nicht, wie man vom System vereinnahmt wird. Heute weiß ich natürlich viel mehr, als ich damals mitbekommen habe.

    Mit welchen Erinnerungen verbinden Sie ihr Leben auf der Sportschule?

    Meine Trainer haben mich damals psychologisch richtig gut eingeschätzt. Das hing mit meiner grenzwertigen Eignung zusammen – ich war ja etwas zu klein, und so haben mich meine Trainer schon von Anfang an spüren lassen, dass aus mir nichts wird. Umso mehr strengte ich mich allerdings an und wollte es allen zeigen. Allerdings merkte ich da bereits, dass ich zunehmend Rückenschmerzen und vor allem Magenprobleme bekam. Ich bin immer wieder krank geworden und konnte nicht mehr regulär am Training teilnehmen. Heute würde man das Ganze wahrscheinlich Burnout nennen. Unsere Leistungsfähigkeit wurde zudem mithilfe verschiedener unterstützender Mittel sukzessive erhöht. Wir taten viel mehr, als der Körper eigentlich zu leisten imstande war. Die Psyche wurde völlig abgespalten und die Schmerzschwelle durch Dopingmittel erhöht. Man spürt den Körper gar nicht mehr und verlernt sein Körpergefühl. Das ist das Fatale.

    Haben Sie damals erkannt, dass Sie gedopt wurden? 

    Unsere Ernährung war immer unter Kontrolle, wir haben nichts selber gekauft oder zubereitet. Wir konnten auch nie sehen, aus was unser Essen bestand, es kam aus einer Zentralküche und war für jede Person individuell portioniert. Angebliche Vitaminpillen durften wir regelmäßig selbst auf unseren Zimmern einnehmen. Andere Tabletten wurden uns zugeteilt und die Einnahme überwachten dann unsere Trainer. Selbst wenn wir mal nachgefragt haben, was wir denn da eigentlich nehmen, wurde gesagt: »Das sind Vitamine«. Viele fragen sich bestimmt, wie man so naiv sein und das glauben kann. Aber wenn man in diesem System steckte, war man so naiv. 

    Wie schätzen Sie die Beteiligung der Trainerinnen und Trainer und Ärztinnen und Ärzte ein? Wussten alle darüber Bescheid, was sie da verabreichten?

    Die Trainer hatten ihre Vorgaben, haben Informationen zur Konstitution der Sportlerinnen und Sportler geliefert und dann von den Ärzten erfahren, welche Mittel sie uns geben sollten. Sie haben eng zusammengearbeitet. Ab 1974 wurde mit einem Staatsplan das flächendeckende Zwangsdoping von Kaderathleten in der DDR beschlossen. Trainer und Ärzte müssen gewusst haben, dass wir zum Teil eben auch Versuchskaninchen waren. Als ich bereits nach zwei Jahren gemerkt habe, dass es nicht mehr gut läuft und den Ärzten sagte, dass ich wirklich nicht mehr könne, hat es sie nicht interessiert. Ich wurde sogar angeschrien, dass es gar nicht infrage komme, aufzuhören. Das hat mich natürlich erschüttert, denn das waren Vertrauenspersonen für uns. Wir sahen unsere Familien nur selten und sie waren eine Art Ersatzfamilie. Diese familiäre Entbehrung gehörte dazu. »Dafür steht ihr ja irgendwann auf dem Treppchen«, sagte man uns.

    Wann sind Sie aus dem System herausgekommen?

    Das war eine ganz böse Phase. Ich bin immer öfter kurz ausgefallen und umso mehr ich versucht habe, mich auf dem geforderten Level zu halten, desto schlimmer wurden die gesundheitlichen Beschwerden. Diese Schmerzen waren dann auch so heftig, dass ich sie spüren musste und nicht mehr abspalten konnte. Zwei Jahre hintereinander bin ich, kurz bevor es losging, aus dem WM-Kader geflogen. Ich konnte nicht mehr und ich wollte auch nicht mehr. Als ich das äußerte, wurde ich von den Ärzten und Trainern förmlich bedroht. Ich habe aber nicht lockergelassen, bis ein einziger Arzt einsah, dass es nicht mehr vertretbar war, dass ich weiterhin Leistungssport treibe. Ich wurde dann mit 19 Jahren »ausdelegiert«. Während dieses Prozesses wurde mir immer wieder gedroht, man würde mir mein Leben schwermachen, wenn ich aussteige. Und das haben sie dann auch getan. 

    Was geschah, nachdem Sie die Sportschule und das Internat verließen?

    Das ganze System wurde von heute auf morgen rigoros für mich beendet. Es gab keine nachfolgenden ärztlichen Betreuungstermine und keine Hinweise zum Abtrainieren. Das ist ja gerade für ein Sportlerherz tödlich und damit habe ich heute auch noch zu kämpfen. Wir waren also nur Menschenmaterial für politische Zwecke. Die Täter hatten damals sicher auch ihre Gründe, das ist mir klar. Wir wurden trotzdem radikal ausgenutzt, ohne dass auf unsere Zukunft geschaut wurde. Als ich aus dem System raus war, habe ich trotz Einser-Zeugnis nur durch die Initiative meines Vaters und mit viel Glück noch einen Studienplatz im Fach Sozialistische Volkswirtschaft bekommen. Mit dem Studium begann dann ein ganz neues Leben für mich: Ich war plötzlich so frei und keiner hat mir gesagt, was ich tun soll.

    Wann haben Sie denn gemerkt, dass gesundheitlich etwas nicht stimmt?

    Den ersten Schock bekam ich, als ich vor ungefähr sechs Jahren eine NDR-Dokumentation zum Thema Doping gesehen habe. Die Tabletten, die dort gezeigt wurden, kamen mir sehr bekannt vor, und eines der Interviews wurde mit einer ehemaligen Ruderkameradin geführt, der es heute sehr schlecht geht. Ich hätte es eigentlich auch schon vorher merken müssen, als ich mit 47 Jahren plötzlich zwei Mal in Ohnmacht fiel. Nachdem ich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sagte man mir, ich bräuchte einen Herzschrittmacher. Vor vier Jahren merkte ich dann zunehmend, dass ich nicht mehr genug Luft bekam, mein Gesicht ist bei körperlichen und psychischen Belastungen angeschwollen und blau geworden. Ich habe ja immer sehr viel gearbeitet, hatte kaufmännische Leitungsfunktionen inne und war oft ein bisschen Chefin wider Willen, weil ich nie gelernt habe, Nein zu sagen. 

    Wie ging es dann weiter?

    Ich wurde immer häufiger heiser, obwohl ich nicht erkältet war. Die Stimme ist mir weggeblieben. Der ganze Körper hat angefangen, dicht zu machen. Ich habe innerlich Todesängste empfunden und kein Arzt hat mich ernst genommen. Durch Eigeninitiative habe ich dann später einen Hamburger Gefäßchirurgen gefunden. Das war dann meine Rettung. Wenn ich ihn nicht getroffen hätte, wäre ich sicherlich nicht mehr hier. Und erst als ich mich später selbst in eine Klinik einwies, fragte die dortige Psychotherapeutin nach meiner Biographie. Erst viel später, wenn der Körper anfängt, Kräfte abzubauen, kommen die gravierenden gesundheitlichen Schäden bei ehemaligen Leistungssportlerinnen wie mir – sowohl psychisch als auch körperlich. 

    Zum Thema des diesjährigen Geschichtswettbewerbs »Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft« bietet es sich an, zu Staatsdoping in der DDR zu forschen. Wo finden Teilnehmerinnen und Teilnehmer Informationen für ihre Spurensuche?

    Die Stasi-Unterlagen-Archive können gute Orte sein, um sich zu informieren. Die Stasi hat ja im Sportbereich eine große Rolle gespielt und man erfährt anhand der Akten viel über Vereine, Biografien und natürlich auch das Thema Doping. Die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur bietet sogar eine Selbsthilfegruppe für diejenigen an, die an den Spätfolgen des Staatsdopings leiden. Dort können Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, wenn sie dazu bereit sind, für ein Gespräch angefragt werden. Auch der Doping-Opfer-Hilfe e. V. in Berlin wäre sicher ein möglicher Ansprechpartner für Recherchen. 
     

    Mehr zum Geschichtswettbewerb auf www.geschichtswettbewerb.de

    Übersicht aller Standorte der Stasi-Unterlagen-Archive mit Kontaktmöglichkeiten: https://www.bstu.de/archiv/standorte/


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