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Meldung

Erinnerungskultur durch Teilhabe

Nach seiner Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ›So geht’s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch‹ 2018/19 ist Peter Odrich weiterhin in nationalen sowie europäischen Projekten der Erinnerungskultur aktiv geblieben. Ronja Gier hat mit ihm über sein Engagement, sein Wettbewerbsprojekt und seine weiteren Pläne gesprochen.

Mit einem Beitrag über seine Familiengeschichte gewann Peter Odrich beim Geschichtswettbewerb einen Landessieg in Hessen. Er beschäftigte sich mit der Flucht seiner armenischen Urgroßeltern von Rodosto (bei Istanbul) nach Bulgarien 1922, denn auch nach dem Genozid an den Armeniern kam es weiterhin zu gewaltsamen Übergriffen auf die armenische Bevölkerung. »Die Flucht war mir als persönliches Erlebnis meiner Urgroßeltern zwar bewusst, den Zusammenhang mit den historischen Ereignissen und der aktuellen Erinnerungspolitik erkannte ich aber erst durch meinen Beitrag zum Geschichtswettbewerb«, berichtet Peter. Besonders die erinnerungskulturelle bzw. erinnerungspolitische Dimensionen seines Wettbewerbsthemas beschäftigen den 18-Jährigen weiter. Deutschland hatte den armenischen Völkermord als solchen erst 2016 anerkannt. Die Anerkennung hatte große Bedeutung, da das Deutsche Kaiserreich als Verbündeter der Osmanen im Ersten Weltkrieg nachweislich von den Massakern wusste.

30 Jahre Mauerfall

Die erste Möglichkeit, sein Interesse an Erinnerungskultur weiter zu vertiefen erhielt Peter mit der Teilnahme am achten sächsischen Geschichtscamp, an dem er als Preisträger des Geschichtswettbewerbs teilnehmen konnte. Das Sächsische Geschichtscamp, das Schülerinnen und Schüler die Chance bietet, Themen zu Jugendkultur, Protest und Eigensinn in der DDR zu erforschen, stand 2019 unter dem Thema »30 Jahre Friedliche Revolution – Für ein offenes Land mit freien Menschen«. »Tatsächlich hatte ich dort zum ersten Mal Kontakt mit Jugendlichen aus Ostdeutschland und war doch überrascht, wie unterschiedlich die Perspektiven auf die Geschichte waren, obwohl wir alle nach der Wende geboren sind. Interessant fand ich die Entwicklung vom demokratisch, befreienden hin zum nationalen Charakter der Erinnerungskultur – es ist nicht mehr ›Wir sind das Volk‹, sondern ›Wir sind ein Volk‹ – und wie deutlich diese Veränderung mit der Politik verknüpft war.«

›Winds of Change – Transitions in Europe‹

Das Jahr 1989 war nicht nur für Deutschland eine Wendezeit, sondern für ganz Europa. Beim EUSTORY Next Generation Summit 2019 in Berlin zum Thema ›Winds of Change – Transitions in Europe‹ tauschten sich 120 junge Menschen aus 30 Ländern Europas, mit dabei auch Peter, in verschiedenen Workshops über das Wendejahr und dessen Nachwirkungen aus. »In meinem Workshop behandelten wir die Jugoslawienkriege zusammen mit Menschen aus dem Kosovo und Bosnien. Die Eltern eines italienischen Teilnehmers waren aufgrund der ethnischen Säuberungen in diesem Krieg nach Italien geflohen, ein ganz ähnliches Ereignis wie in meiner Familiengeschichte. Nur das es nicht 100, sondern gerade mal 25 Jahre zurücklag und so ein sehr direkter und eindrucksvoller Zugang zur Geschichte für mich war. Das war Wahnsinn.«

Aufgefallen sei ihm außerdem, wie homogen das deutsche Geschichtsbewusstsein, auch im Ost-West Vergleich, im Gegensatz zu den internationalen Perspektiven ist. Insgesamt kann Peter ein positives, wenn auch kritisches Fazit zu Europa ziehen: »Europa ist für mich ein Projekt des gelebten Multikulturalismus, bei dem man im Austausch merkt, dass uns alle mehr verbindet als trennt. Dies ist natürlich eng verwoben mit dem Friedensgedanken hinter der europäischen Idee. Trotzdem muss man die Schwächen oder vielmehr Möglichkeiten benennen. Kürzlich sah ich auf einer Grafik vom Europatag, welche die Phase von Krieg und Frieden in Europa aufzeigte, dass die 90er als Phase des Friedens gekennzeichnet wurden. Die Jugoslawienkriege werden dort aus dem kollektiven westeuropäischen Bewusstsein gestrichen. Es ist wichtig, dass Europa über seine Grenzen hinausgedacht wird.«

Silent Stories – 75 Jahre Erinnern

Unterschiedliche Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg waren schon beim EUSTORY Summit präsent, doch die Auseinandersetzung mit sehr individuellen Geschichten im eCommemoration Projekt ›Europe 1945-2020: Looking back, thinking forward‹ war etwas sehr Besonderes für Peter. Im Projekt recherchierten Jugendliche aus Europa Lebensgeschichten, die seit April 2020 in dem Instagram Museum silentstories1945 lebendig vermittelt werden. »Die Silent Stories sind Geschichten, die in Vergessenheit geraten sind und gängige Narrative in Frage stellen. Sie zeigen eine Vielzahl von Perspektiven, die auf einer nationalen Ebene zwar sehr unterschiedlich sind, aber auf einer persönlichen doch irgendwie verbinden.«

Geschichte erzählen heißt zum Nachdenken aufrufen

Das Instagram-Museum, sowie die anderen Projekte brachten Peter neue Formen der Geschichtsdarstellung näher: »Ich bin zwar ein Textmensch, aber durch verschiedene Formate werden die Vielzahl von Perspektiven besser und eindrucksvoller dargestellt, sie generieren Aufmerksamkeit, können Denkanstöße liefern und vielleicht zu einer intensiveren Auseinandersetzung führen. Diese individuelle Auseinandersetzung ist wichtig, weil Erinnerungskultur eine Verbindung von emotionaler Beteiligung und politischen Schlüssen ist und somit ein ständiges Hinterfragen fordert.«

Peter selbst möchte sich mehr mit dem armenischen Teil seiner Identität beschäftigen, er möchte die Sprache lernen und vielleicht eine Weile dort leben. Seit einigen Jahren engagiert er sich bei Fridays for Future und der Grünen Jugend und möchte im Herbst mit dem Studiengang deutsch-französische Rechtswissenschaften in Köln und Paris starten. »Sowohl mein historischen als auch politisches Interesse waren vor der Wettbewerbsteilnahme schon präsent, doch die Teilnahme und die Möglichkeiten als Preisträger halfen diese Interessen zu verbinden und auf internationale Ebene auszudehnen.«

Ein Beitrag zur Reihe:
›Engagement und Wirkung vor Ort‹: Preisträgerinnen und Preisträger berichten über das Jahr nach ihrer Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten.
In dieser Reihe stellen wir Preisträgerinnen und Preisträger vor.
Mehr zum Geschichtswettbewerb auf www.geschichtswettbewerb.de


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