• Michael Schmitzer (Foto: privat)
  • - Meldung

    »Geschichte als Detektivspaß«

    In der Ausschreibung 2018/19 »So geht’s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch« wurde Michael Schmitzers Beitrag mit einem Landespreis ausgezeichnet. Er forschte zu den Folgen des Mauerbaus für die Schülerschaft einer Westberliner Schule in unmittelbarer Grenznähe.

    Die Begeisterung für Geschichte ist beim heute 17-Jährigen ungebrochen, wie seine Teilnahme an verschiedenen Preisträgeraktivitäten und aktuell sein Freiwilliges Kulturelles Jahr im Schulmuseum Nürnberg zeigen. Lisa Querner hat mit ihm gesprochen.

    »Berlinkrise – Lebenskrise von Schülern?«

    Michaels ehemalige Schule, das Canisius-Kolleg in Berlin-Tiergarten, lag zu Zeiten der deutsch-deutschen Teilung direkt an der Grenze in Westberlin. Der Mauerbau 1961 trennte Berlin und damit auch die Schülerschaft der damals reinen Jungenschule endgültig. Welche Auswirkungen das konkret für Schüler aus beiden Teilen der Stadt hatte, untersuchte er mithilfe von Jahrbüchern und Gesprächen mit ehemaligen Schülern. Die Spurensuche brachte persönliche Geschichten ans Licht: Manche Schüler aus dem Osten flohen nach Westberlin, um weiter zur gleichen Schule gehen zu können. Für die größtenteils Westberliner Schüler kehrte schnell wieder Alltag ein. Der Kontakt zu Mitschülern hinter der Grenze brach oft ab. Irritierend war für Michael die damalige, gleichgültige Reaktion der Schule: »Wiederbeginn des Unterrichts nach fast sechswöchigen erholsamen Ferien.«

    »Persönliche Folgen bleiben oft unbemerkt«

    Rückblickend beschreibt er das Schreiben des endgültigen Textes als sehr herausfordernd. »Der Geschichte gerecht werden« und die Perspektiven richtig wiedergeben, war für den damals 15-Jährigen Neuland. Gelohnt hat es sich allemal, denn für ihn hat sich der Blick auf seine Schule verändert. So ist manche Delle im Treppengeländer nun ein Relikt längst vergangener Zeit.

    Als besonders prägend hat Michael die Gespräche mit Zeitzeugen empfunden. Ihnen Fragen zu stellen und ihren Erzählungen zuhören zu können, eröffne einen neuen Zugang zur Vergangenheit – und mache unglaublich viel Spaß. »Im Schulunterricht geht es mehr um die große Geschichte. Persönliche Folgen bleiben oft unbemerkt.« Erst durch die Perspektiven der Zeitzeugen sei dieser Aspekt sichtbar geworden und habe für ihn die Zeit des Mauerbaus greifbarer werden lassen. 

    e-Commemoration Campus »Beyond the crisis«

    Eustory, das Netzwerk der europäischen Geschichtswettbewerbe, veranstaltete im Herbst ein Projekt, bei dem sich rund 40 Preisträger*innen aus ganz Europa mit Gästen aus verschiedenen europäischen Institutionen digital trafen. Im Angesicht der Corona-Pandemie stellten sie sich in verschiedenen Workshops Fragen zum Umgang von Menschen mit Krisensituationen. Michael war einer von ihnen und setzte sich mit der Kindheit seiner Großeltern im Zweiten Weltkrieg auseinander. Unterstützung und Tipps bekam er durch Mitarbeiterinnen des War Childhood Museum aus Sarajevo, die von ihren Erfahrungen berichteten. »Beim Geschichtswettbewerb habe ich die Interviews so geführt, wie es mir in den Kopf gekommen ist – also sehr instinktiv. Mit der Beratung ließen sich die Interviews nun sicherer führen.«

    Besonders eindrücklich erlebte Michael den Austausch mit jungen Menschen aus verschiedenen europäischen Kontexten. »Neue Perspektiven kennenlernen und sich derer bewusstwerden, wird durch so ein Projekt möglich gemacht. Es würde schon reichen, wenn ein, zwei Leute daraus Denkanstöße mitnehmen.« Denn die Frage, wie wir heute und wo wir heute sind, bestimme Wahrnehmungen von Vergangenheit.

    Dass digitale Formate in Zeiten einer Pandemie immer wichtiger werden, zeigt sich auch bei historischen Themen. Michael sieht einen großen Vorteil darin, dass digitale Museumsausstellungen ortsunabhängig besucht werden könnten. »So lohnt sich auch ein kurzes Hereinschauen.« Die Herausforderungen bei Objekten sei jedoch, die Räumlichkeit dieser auf einen zweidimensionalen Bildschirm zu übertragen. Realität und digitale Mittel sollten sich gegenseitig befruchten, denn beide haben Stärken und Schwächen. »Museen, wie wir sie kennen, werden also nicht überflüssig.«
     

    Ein Beitrag zur Reihe:
    »Engagement und Wirkung vor Ort«: Preisträgerinnen und Preisträger berichten über das Jahr nach ihrer Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten«
    In dieser Reihe stellen wir Preisträgerinnen und Preisträger vor.

    Mehr zum Geschichtswettbewerb