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Geschichtswettbewerb
  • Die Trainingsgruppe des Schwimmvereins SSV 70 Halle-Neustadt, 1979 (Foto: Dr. Matthias Mitte)
  • - Meldung

    Jugendliche forschen zum Sport in Gemeinschaften

    Vom Wassersport bis zum Fußball: Die Teilnehmer:innen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten 2020/2021 beschäftigen sich mit Sportvereinen und ihrer Vergangenheit.

    »Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft« lautet das Ausschreibungsthema 2020/2021 des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Zeitlich beleuchteten die Schüler:innen insbesondere die Zeit der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus sowie des geteilten Deutschlands. In mehr als 150 eingereichten Beiträgen, ob in Schriftform, im Audioformat oder als Film, verfolgten die Teilnehmer:innen die historische Entwicklung diverser Sportvereine und untersuchten dabei, inwiefern die Vereinsmitgliedschaft das Leben der Sportler:innen beeinflusste, wer überhaupt Mitglied werden konnte und welchen Stellenwert sportliche Erfolge mit Blick auf den Vereinszusammenhalt einnahmen.

    »Vereine haben für die Gesellschaft als auch für die Politik und Wirtschaft eine große Bedeutung, denn diese fördern das Zusammenleben und verstärken das Gefühl miteinander verbunden zu sein. Vereine sind also soziale Orte, in denen die Mitglieder innerhalb des Vereins ihren persönlichen Interessen nachgehen und sich selbst verwirklichen können. Außerdem bietet ein Verein eine Abwechslung von Alltag und Beruf«, erklärt eine Schülerin aus Erlangen. In ihrem Beitrag betrachtet die Teilnehmerin die Entstehungsgeschichte von Vereinen in Deutschland, wie sich diese über die Zeit im 19. und 20. Jahrhundert verändert haben, welche Hürden es mit Blick auf die Unabhängigkeit von der Politik zu meistern galt und welchen Mehrwert das sportliche Zusammenkommen für die Gesellschaft bereithält.

    Häufig wählten die Schüler:innen einen persönlichen Zugang über die eigene Vereinsmitgliedschaft und interviewten Vereinsvertreter:innen, um sich den historischen Kontext als auch die damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu erschließen.

    Vereinsmitgliedschaft: Ein Privileg oder ein Recht für alle?

    Die Schüler:innen forschten zur Mitgliedschaft in diversen Sportvereinen und deren Veränderung zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte. Von der Gründung des ersten Golf Clubs in Deutschland, über die Entwicklung des Tennissports oder die Bedeutung von Reitsportvereinen für die Politik – stets lag der Fokus auf der Frage, inwiefern die Vereinsmitgliedschaft die damaligen sozialen Strukturen widerspiegelte. So fragten sich beispielsweise zwei Zwölftklässler aus Kronberg im Taunus, wann der Golfsport überhaupt entstand, welche Gesellschaftsschicht ihn damals wie heute ausübt und inwiefern die Mitgliedschaft aus sozialen oder sportlichen Gründen angestrebt wurde. Letztlich halten beide Teilnehmer fest, dass es in Vereinen auch immer um gesellschaftlichen Austausch sowie die Repräsentation in der Öffentlichkeit geht. Des Weiteren untersuchten beispielsweise zwei Schülerinnen der 12. Klassenstufe aus Königstein in ihrem Beitrag, auf welche Art und Weise bereits bestehende Reitsportvereine im NS-Regime genutzt wurden, um die Mitglieder auf den Krieg vorzubereiten und die NS-Ideologie zu verbreiten. Aber eben auch, um durch die Mitgliedschaft und das Verbot anderer Vereine gezielt bestimmte Gruppen, wie beispielsweise Jüdinnen und Juden, auszugrenzen.

    Identitätsfrage: Wer sind wir vor und nach der Wiedervereinigung? 

    Sowohl innerhalb der DDR als auch der BRD spielte sich das sportliche Leben vielerorts in Vereinen ab. Die gemeinsame sportliche Betätigung, die Bildung einer Gemeinschaft und das Ziel körperlicher Bestleistungen stand gleichermaßen im Fokus des Vereinslebens. Zugleich gab es jedoch auch tiefgreifende Unterschiede mit Blick auf die Organisation sowie die staatliche Einflussnahme auf und Repräsentation durch die Vereine. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Ausübung des Rock'n'Roll-Tanzes, dessen Entstehung und Entwicklung in der DDR und BRD ein Zehntklässler aus Dresden untersuchte. Insbesondere in der DDR löste das Rock'n'Roll-Tanzen neben dem Generationenkonflikt auch politischen Gegenwind aus: Der aus den »feindlichen, kapitalistischen USA« importierte Musik- und Tanzstil wurde durch seine Popularität als Gefährdung für die Ideologie der sozialistischen Regierung eingestuft. Der Mauerfall bedeutete für die Rock'n'Roll-Begeisterten in der DDR also nicht allein einen politischen Wechsel, sondern auch endlich den freien Zugang zu Musik, Turnieren und Trainingslagern. Doch es änderte sich nicht nur der Zugang zu Sportarten nach 1989, sondern auch die Struktur der Vereine selbst, wie zwei Neuntklässlerinnen anhand ihrer Ausstellung zur Geschichte ihres Schwimmvereins in der DDR und später der BRD aufzeigen. »Während man am Anfang von einem Einspartenverein sprechen konnte, welcher auf das Schwimmen spezialisiert war, wurde er nach der Wiedervereinigung Deutschlands zu einem selbstständigen Mehrspartenverein, welcher dadurch so viel mehr Sportangebote zu bieten hat als einfach nur das Schwimmen.«

    Zusammenhalt: Gemeinsam schafft man alles oder ein Wettmessen in geschlossener Gesellschaft?

    »Wir sitzen alle in einem Boot«, heißt es im Titel eines Beitrags des Geschichtswettbewerbs 2020/2021, der die Geschichte von vier hessischen Rudervereinen im Hinblick auf gesellschaftliche Umbrüche genauer beleuchtet. Insbesondere die Einflussnahme der jeweiligen Regierung und die Verbreitung ihrer politischen Ansichten waren stets von entscheidender Bedeutung, wenn es um die Struktur und das Leben der deutschen Sportvereine geht. So führte die Gleichschaltung der Vereine im Nationalsozialismus im Falle der hessischen Rudervereine zu gravierenden Mitgliederrückläufen und teils der Auflösung dieser, da die politischen Werte über dem Sport standen. Sport wurde als Mittel zur Stärkung der Volksgesundheit und Volksgemeinschaft betrachtet und im Sinne der NS-Ideologie missbraucht – bestimmten Bevölkerungsgruppen, die nicht dem arischen Gesellschaftsbild des NS-Regimes entsprachen, wurde der Zugang zum Vereinsleben gar untersagt. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die geschichtliche Aufarbeitung in den Vereinen auf unterschiedliche Weise, teils steht diese jedoch bis heute noch aus. Die Hürden für die Aufnahme von neuen Mitgliedern wurden in vielen Vereinen herabgesetzt, was viele Teilnehmer:innen als ein verändertes Wettbewerbsverständnis und als einen Schritt hin zu einem gelebten Miteinander deuten. Auch bildeten neu gegründete Vereine einen wichtigen Anschlusspunkt in der wachsenden Zuwanderungsgesellschaft der BRD und der DDR.

    Über den Geschichtswettbewerb

    Seit 1973 richten die Hamburger Körber-Stiftung und das Bundespräsidialamt den Geschichtswettbewerb aus, der auf eine gemeinsame Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und des Stifters Kurt A. Körber zurückgeht. Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte zu wecken, Selbstständigkeit zu fördern und Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Ausgeschrieben wird der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland in einem zweijährigen Turnus und zu wechselnden Themen.


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