+
Geschichtswettbewerb
  • Zuschauer:innen der 13. Internationalen Friedensfahrt, einem Radrennen für Amateure zwischen 1948 und 1990, 1960 (Bundesarchiv, Bild 183-73194-0004) (Foto: Wendorf)
  • - Meldung

    Teilnehmer:innen forschen zur Verbindung von Sport und Politik

    Ideologische Einflussnahme, Sport als politische Bühne und als Raum des Protests: Die Teilnehmer:innen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten analysieren, wie eng Sport und Politik oft zusammenhängen.

    »Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft« lautet das Ausschreibungsthema 2020/2021 des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Die Schüler:innen beleuchteten insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus und des geteilten Deutschlands. In mehr als 100 eingereichten Beiträgen – in Schriftform, im Audioformat oder als Film – untersuchten sie, wie sich Sport und Politik gegenseitig beeinflussten und welcher Stellenwert dem Sport seitens der jeweiligen Regierung beigemessen wurde. Sie zeigen, inwiefern unterschiedliche Staatssysteme sportliche Großereignisse gezielt für die eigene Propaganda nutzten und sich nationale wie internationale Konflikte auch im Sport widerspiegeln, aber auch, wie Sport für Widerstand gegen politische Unterdrückung genutzt wurde.

    »Sport zeichnet sich durch seine Unterhaltungsfunktion wie nichts anderes aus. Dies erklärt seine enorme Reichweite […]. Jegliche sportlichen Veranstaltungen haben ebenfalls eine symbolische und politische Bedeutung«, schreibt eine Schülerin der 11. Klasse aus Koblenz in ihrer Arbeit über die Instrumentalisierung des Sports während des Nationalsozialismus. Die politische Einflussnahme auf das sportliche Kräftemessen wird in vielen Beiträgen deutlich und wurde den Schüler:innen laut eigener Aussage oftmals erst im Laufe der Recherchetätigkeit vollends bewusst. Dabei dienten den jungen Forschenden insbesondere staatliche Dokumente, Werbe- und Wahlplakate sowie Gespräche mit Zeitzeug:innen als Informationsquellen. 

    Sport als politische Bühne

    Seit jeher bieten große Sportereignisse eine Bühne für politische Zwecke – so auch im Nationalsozialismus. Dies zeigt der Dokumentarfilm »Fest der Täuschung – Olympia 1936«, den zwei Zwölftklässler aus Berlin gedreht haben und der die politische Einflussnahme des NS-Regimes auf das sportliche Großereignis zeigt. Die Spiele, die als größtes Medienspektakel ihrer Zeit inszeniert wurden, stellten ein geeignetes Mittel für die nationalsozialistische Propaganda dar. Denn das Regime nutzte die neuen technischen Möglichkeiten wie Radio und Fernsehen, um sich als weltoffen zu präsentieren und die antisemitische Haltung zu verschleiern. Auch nach 1945 wurden Sportereignisse gezielt genutzt, um ideologische Interessen zum Ausdruck oder der Gesellschaft nahe zu bringen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel stellen die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau dar. Mitten im Kalten Krieg sahen die USA den Einmarsch der ehemaligen UdSSR in Afghanistan ein Jahr zuvor als willkommenen Anlass, zu einem Boykott der Sommerspiele in Moskau aufzurufen. Letztendlich folgten 42 Nationen diesem Aufruf, unter ihnen auch die Bundesrepublik Deutschland. Eine Schülerin der 10. Klasse aus Neuss beleuchtet die unterschiedlichen Wahrnehmungen dieses wichtigen Sportereignisses von zwei Seiten, der sowjetischen und bundesdeutschen. Eine Schülerin der 10. Klasse aus Lutherstadt Wittenberg forschte zudem über die internationale Friedensfahrt, einem Radrennen für Amateure zwischen 1948 und 1990. In ihrem schriftlichen Beitrag zeigt die Zehntklässlerin die Instrumentalisierung der Friedensfahrt sowohl für die innenpolitische als auch für die außenpolitische Anerkennung der DDR in den 1950er und 1960er Jahren auf. »Der Sport war sehr politisch, da wirklich gesteuert wurde, was von der Fahrt zu sehen sein sollte – auch Plakate. Fremdsprachige wurden analysiert und auf ihre Richtigkeit geprüft, dass wirklich nichts Falsches an die Strecke kommen sollte«, resümiert die Schülerin.

    Sport als Mittel der ideologischen Erziehung

    Mit der körperlichen Ertüchtigung von Männern wurde bereits im 19. Jahrhundert immer auch das Ziel verfolgt, die Kampffähigkeit in einem Krieg zu erhöhen. Männliche Jugendliche sollten schon frühzeitig auf den Militärdienst und Kriegseinsatz vorbereitet werden. So untersuchen zwei Jugendliche aus Bochum in ihrem schriftlichen Beitrag den »Turnvater« Friedrich Ludwig Jahn, seine Bedeutung für die Turnbewegung und seinen politisch-ideologischen Einfluss im frühen 19. Jahrhundert. Die beiden stellen den Einfluss Jahns für die Popularität des Turnens ebenso heraus wie die Notwendigkeit der Kritik an seinen nationalistischen, rassistischen und frankophoben Ansichten. Das Turnen war, beantwortet der Beitrag, das Mittel zur Verbreitung seiner Ideen. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus war der Sport ideologisch geprägt: Jungen und Männer sollten körperlich auf den Krieg vorbereitet werden und die Überlegenheit der eigenen »Rasse« demonstrieren. Wie sich das auf den schulischen Unterricht während des NS-Regimes auswirkte, untersuchte eine Schülerin aus Münster am Beispiel ihrer eigenen Schule. Die Elftklässlerin konzentriert sich in ihrem schriftlichen Beitrag auf den Turnunterricht der Jungen und zeigt, wie dieser immer stärker umgestaltet wurde. Neue Sportarten wie Kampfspiele und Boxen fanden Eingang in die Lehrpläne, bekannte Elemente wie Schwimmen oder Ballsportarten sollten mit »Zucht« und »Kampfgeist« unterrichtet werden. Durch die Neubesetzung von Leitungsfunktionen und Änderungen in der Lehrerausbildung wurde der Sportunterricht in den Jahren nach 1933 »gleichgeschaltet« – Sport und Diktatur waren nicht mehr voneinander zu trennen.

    Sport als Raum des Protests

    Dass die Politik den Sport für verschiedenste Zwecke benutzt, zeigt sich im Laufe der Geschichte auf mannigfaltige Art und Weise. Zugleich bietet der Sport jedoch auch den Raum, um aus dem Alltag auszubrechen und um politische Verhältnisse und Entwicklungen, beispielsweise den Einfluss der Politik auf den Sport, in Frage zu stellen. Dass Sport auch als Ruf nach Veränderung genutzt werden kann, zeigt beispielsweise der Podcast-Beitrag von 18 Teilnehmenden aus Hamburg. Die Schüler:innen, die zur Swing-Tanz-Bewegung in den 30er Jahren geforscht haben, kommen zu dem Schluss, dass dieser im NS-Regime ein Ausdruck politischer Forderung war. Mit Filmen, Büchern und natürlich Musik tauchten die Schülerinnen und Schüler in die Welt dieser Jugendbewegung ein und erklären, wie der Tanz, der bald als »entartet« galt und verboten wurde, eine Rebellion gegen die gesellschaftliche Gleichschaltung und für das Ausleben der eigenen Individualität war. Auch ein Schüler aus Rheinland-Pfalz befasst sich mit der Wirkungskraft, die vom Sport und seiner Reichweite ausgeht. Er untersucht für seinen schriftlichen Beitrag die Geschichte des Turnens in Mainz und Rheinhessen von seinen Anfängen bis zu einer Aufstandsbeteiligung von Turnern im Jahr 1849. Der Neuntklässler stützt seine Arbeit auf Fachliteratur und verschiedene Quellen aus dem Stadtarchiv Mainz. Seine Untersuchung zeigt, dass sich die Turnbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer demokratischen Massenbewegung entwickelte und als treibende Kraft der Revolution 1848/49 gesehen werden kann. Somit beeinflusst nicht nur die Politik den Sport, sondern auch andersherum.

    Über den Geschichtswettbewerb

    Seit 1973 richten die Hamburger Körber-Stiftung und das Bundespräsidialamt den Geschichtswettbewerb aus, der auf eine gemeinsame Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und des Stifters Kurt A. Körber zurückgeht. Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte zu wecken, Selbstständigkeit zu fördern und Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Ausgeschrieben wird der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland in einem zweijährigen Turnus und zu wechselnden Themen.


    to top