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Geschichtswettbewerb
  • Lisa Querner: »Es liegt an uns, Fragen an die Geschichte zu stellen und selber nach Antworten zu suchen.« (Foto: privat)
  • Meldung

    Verdrängte Geschichte ins Bewusstsein rücken

    Vor rund fünf Jahren hat Lisa Querner am Geschichtswettbewerb 2014/15 »Anders sein. Außenseiter in der Geschichte« teilgenommen. Gemeinsam mit ihrer damals 10. Klasse des Hamburger Luisengymnasiums erforschte die heute 22-Jährige eine scheinbar verdrängte Geschichte. Louisa Lorenzen hat mit ihr gesprochen.

    Die Arbeit der insgesamt 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Titel »›Es sind die Mädchen, die sich nicht fügen können‹. Fürsorgliche Ausgrenzung durch die Hamburger Mitternachtsmission um 1930« erzählt die Geschichte des Hamburger Diakonieverbandes in Zeiten des Nationalsozialismus. Lisa beschreibt die Thematik heute als ein »schwarzes Loch« der Vergangenheit, das sich besonders bei den Recherchearbeiten zeigte. Umso bedeutender ist die Teilnahme der 10. Klasse am Geschichtswettbewerb. Heute studiert Lisa Geschichte und Theologie – passend zum Thema ihres Geschichtswettbewerbsbeitrages. 

    Fürsorgliche Ausgrenzung

    Gegründet wurde die Mitternachtsmission als christlicher Fürsorgeverein, der sich speziell um Mädchen und Frauen kümmerte, die am Rande der Gesellschaft lebten. Ab 1933 und bereits zuvor vertraten sowohl Pastoren als auch Mitarbeitende nationalsozialistische Ideologien und trugen diese Überzeugungen offenkundig nach außen. »Wir beschäftigten uns damals mit den Normen und Werten, die der christliche Fürsorgeverein vertrat und fanden letztendlich heraus, dass viele rassenideologische Ideen einhergingen.« Dass all dies unter dem Deckmantel der Repräsentation christlicher Werte geschah, hat Lisa, die sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagiert, besonders schockiert. 

    Von den Kirchenvertretern, die im Zuge der Recherchearbeiten von den Schülerinnen und Schülern befragt wurden, hätte sich die Hamburgerin damals einen anderen Umgang mit der eigenen Vergangenheit erhofft. Im Gespräch macht sie deutlich, dass es bei Geschichte jedoch nicht um Schuldzuweisung geht, sondern darum, »[…] Verantwortung zu übernehmen und einen Umgang mit diesen schwierigen Thematiken zu finden.«

    Erfahrungen aus der Spurensuche 

    Die Arbeit mit Originalquellen faszinierte die damalige Schülerin und machte Geschichte für sie greifbar. Das Konzept »Aus der Geschichte lernen« ist ihr dabei zu pathetisch ausgedrückt. »Die Situationen sind heute anders. Aber was man aus Geschichte lernen kann, ist, dass es immer Menschen waren, die Entscheidungen getroffen haben. Entscheidungen, die sich sehr sicher auch häufig als falsch erwiesen haben. Da sie aber alle menschengemacht sind, lehrt die Geschichte, dass wir hier und jetzt entscheiden, wie unsere Zukunft aussieht«, erklärt Lisa. 

    Ihr Interesse für die Auseinandersetzung und Vermittlung von Geschichte wurde mit der Teilnahme am Geschichtswettbewerb geweckt, sodass sie sich nach dem Abitur für ein Lehramtsstudium mit den Fächern Geschichte und Theologie für Gymnasien entschied. Nach ihrem Studium sieht sich die Studentin jedoch eher im außerschulischen Bereich und würde sich gern der politischen Bildung sowie der Erinnerungskultur und dem Umgang mit Geschichte widmen. »Das Praktikum in der Geschäftsstelle des Geschichtswettbewerbs in Hamburg, das ich Anfang 2019 absolvierte, und die darauffolgende Tätigkeit als studentische Hilfskraft passt perfekt zu meinem Interessensbereich der Geschichtsvermittlung«, so die Studentin. Lisas Erfahrungen aus der Spurensuche prägten sie besonders hinsichtlich ihres Verständnisses von Geschichte und Erinnerungskultur. »Es liegt an uns, Fragen an die Geschichte zu stellen und selber nach Antworten zu suchen. Dazu trägt der Wettbewerb auf eine sehr spannende und explorative Weise bei. Im Umgang mit Geschichte kann jeder und jede selbst forschen und somit einen Teil von gesellschaftlicher Verantwortung übernehmen. Nur so gehen wir auch einen Schritt in die Zukunft.« 

    Wie wollen wir erinnert werden?  

    »Für mich wird Vergangenheit erst dann relevant, wenn sie zur Geschichte wird. Das ist natürlich immer verknüpft mit heutigen Perspektiven und auch mit der Frage: Wie wollen wir damit umgehen? Wollen wir daran erinnern oder nicht?« Hier gibt es laut der Studentin noch Handlungsbedarf, denn in den letzten Jahrzehnten habe man eher versucht, manche Teile der Geschichte möglichst umgehend zu vergessen, anstatt sie aufzuarbeiten. Auch an uns werde man sich später erinnern, so Lisa, und die Verantwortung liege an uns, wie wir erinnert werden wollen. »Wie gehen wir denn eigentlich mit Menschen um, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden? Wie werden wir in 50 Jahren über den Umgang mit Obdachlosen denken?«

    Ein Beitrag zur Reihe:
    »Engagement und Wirkung vor Ort‹: Preisträgerinnen und Preisträger berichten über das Jahr nach ihrer Teilnahme am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten«
    In dieser Reihe stellen wir Preisträgerinnen und Preisträger vor.

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