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»Spannender als jeder Krimi!«

Wie funktioniert die Jurierung von Beiträgen im Geschichtswettbewerb?

Am 28. Februar 2017 war Einsendeschluss beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten zum Thema »Gott und die Welt. Religion macht Geschichte«. Mehr als 5.000 Kinder und Jugendliche haben sich mit insgesamt über 1.600 Beiträgen beteiligt. Aktuell bewerten und begutachten rund 150 Jurorinnen und Juroren die Wettbewerbsarbeiten. Über die Juryarbeit, das Bewertungsverfahren und die Preisentscheidung haben wir mit Dr. Frank Schweppenstette, Koordinator der Landesjury Nordrhein-Westfalen Süd, gesprochen.

Herr Schweppenstette, wie funktioniert die Arbeit der Jury und wer wirkt in ihr mit?

Die Jurierung erfolgt zuerst auf Länderebene. In den Regionaljurys wirken Personen aus unterschiedlichen Bereichen der historisch-politischen Bildung ehrenamtlich mit, etwa aus Archiven, Museen, Gedenkstätten, Universitäten oder dem Schuldienst. Dadurch vereinen wir auch unterschiedliche Erfahrungen, Hintergründe und Perspektiven auf das Wettbewerbsthema und die Beiträge, was für unsere Diskussionen immer eine große Bereicherung darstellt. Die Jury trifft sich ca. Mitte März ein erstes Mal, um über die Chancen und Herausforderungen des aktuellen Themas und die Kriterien für die Begutachtung zu sprechen – und um die Beiträge einzelnen Juroren-Tandems zuzuteilen, die sich dann für jeden Beitrag viel Zeit nehmen.

Wie sieht die Begutachtung aus? Wie entscheiden Sie, welche Beiträge einen Preis erhalten?

Die Begutachtung geschieht nicht einfach so – alle Juroren haben einen Katalog von Kriterien vorliegen, auf deren Grundlage über die Preiswürdigkeit eines Beitrags entschieden wird – übrigens immer im Vier-Augen-Prinzip mit mindestens zwei Gutachten pro Beitrag. Um einige Beispiele zu nennen: Wir schauen uns etwa an, ob eine sinnvolle Fragestellung entwickelt wurde und ob sie einen Bezug zum Rahmenthema herstellt. Wir fragen nach der Rechercheleistung, also wie intensiv nach Quellen gesucht wurde – und bei älteren Teilnehmenden dann etwa auch, wie diese gedeutet und ob sie in ihren historischen Kontext eingebettet wurden. Die Anschaulichkeit und Differenziertheit der Darstellung spielt auch eine Rolle, und letztlich ist ganz wichtig: Welche Schlussfolgerungen und Bewertungen haben die Teilnehmer aus der Beschäftigung mit ihrer Fragestellung gezogen?

Wie gehen Sie mit den Unterschieden um, die beispielsweise zwischen einem Beitrag von Sechst- oder Siebtklässlern und einem Beitrag von Oberstufenschülern bestehen?

Ein Beispiel wäre etwa die Rechercheleistung: Da ist es selbstverständlich, dass ganz junge Teilnehmer mehr Unterstützung benötigen und Lehrer für die Schüler Materialien vorbereiten. Bei älteren Teilnehmern fragen wir dagegen, wie selbständig Literatur oder Quellen zu einem Thema recherchiert wurden. In sogenannten Vergleichsgruppen zeigen sich immer auch unterschiedliche Stärken: Älteren Schülern trauen wir Schlussfolgerungen und eine eigene Bewertung historischer Entwicklungen zu, bei jüngeren Teilnehmern ist das nicht im selben Maße zu erwarten. Dafür überraschen diese oft mit sehr kreativen Beiträgen, deren ästhetische Qualität wir auch honorieren.

Wie werden die Preise vergeben?

Die Juroren erstellen ihre Gutachten online und vermerken dabei, welche Beiträge sie für preiswürdig halten – ob sie also einen Förderpreis oder einen Landessieg erhalten können. Am Ende des Begutachtungszeitraums setzen wir uns dann in einer Abschlusssitzung zusammen, die meistens auch sehr lang dauert (lacht). Jeder Beitrag, der für einen Preis vorgeschlagen wurde, wird dann vorgestellt – und zwar von den Juroren, die noch einmal alle Gründe für ihr Votum nennen. Das mündet dann in eine sehr konzentrierte und objektive Diskussion über die Beiträge und die Preisvergabe.

Sie arbeiten als Seminarleiter im Bereich Geschichte am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Köln. Ermuntern Sie die angehenden Geschichtslehrer, den Wettbewerb in ihren späteren Unterricht einzubinden?

Es ist wichtig, dass wir das Fach Geschichte auch dadurch stärken, dass wir das forschende und entdeckende Lernen fördern. Geschichte begreifen wir nicht nur als Paukfach, sondern in erster Linie als Denkfach. Sich mit Geschichte zu beschäftigen, das heißt ganz prosaisch zu ›graben, wo man steht‹: Schüler beginnen, Fragen zu stellen, zu recherchieren, einzuordnen, Zusammenhänge zu begreifen. Ich möchte den Referendaren vermitteln, dass durch den Wettbewerb Fähigkeiten gestärkt werden, die Schüler später immer brauchen werden und die wir letztlich auch als Ziele einer gelingenden schulischen Bildung deklarieren. Ein moderner Geschichtsunterricht bringt aber nicht nur den Schülern etwas: Wenn Referendare eine Wettbewerbsteilnahme in ihren Unterricht integrieren, geben sie der Schule eine wunderbare Plattform und können letztlich auch – gerade als junge Lehrkräfte – einen erkennbaren Eindruck machen.

Der aktuelle Wettbewerb fragt nach der Bedeutung von Religion in der Geschichte. Nach der ersten Sichtung der Beiträge sind wir natürlich gespannt auf Ihren bisherigen Eindruck – spielt das Thema für Jugendliche eine Rolle?

Ich war gespannt, wie das Ausschreibungsthema ›Glaube und Religion‹ in einem zunehmend säkularisierten Umfeld bei den Jugendlichen ankommt. Dass die Zahl der Beiträge im Wettbewerb noch einmal zugenommen hat, zeigt jedoch wie wichtig das Thema ist. Nach der ersten Sichtung bin ich beeindruckt, wie sensibel viele Teilnehmenden mit dem Thema umgegangen sind und wie viele Facetten von Religion sie dabei entdeckt haben. Aber die Schüler haben nicht nur den Stellenwert von Religion in bestimmten historischen Situationen in den Blick genommen, sondern auch die Frage aufgeworfen, wo und wieso uns das heute noch berührt. Mein erster Eindruck: Religion ist nach wie vor wirkmächtiger Faktor in der Gesellschaft, den Jugendliche – wenn sie dazu aufgefordert werden – durchaus kritisch beleuchten können.

Was ist für Sie persönlich das Besondere an der Jury-Arbeit?

Ganz allgemein muss ich sagen, dass der offene Austausch in der Jury mich vieles hat lernen lassen und dass das für mich einen ungemeinen Gewinn darstellt. Es gibt so viele wunderbare Beiträge und es macht einfach so viel Freude und Spaß, diese zu lesen. Das ist spannender als jeder Krimi! Ein Vorkommnis, oder besser ein Beitrag ist mir aber besonders in Erinnerung geblieben: Ein Brüderpaar hatte sich für seinen Beitrag vorgenommen, den damaligen Bundesgesundheitsminister zu interviewen. In ihrem Arbeitsbericht beschrieben sie, wie sie ihn kontaktierten und dann auch besuchten – und das haben sie dann mit einem Bild dokumentiert. Es zeigt sie im Büro des Ministers, bei einem Glas Apfelschorle im Gespräch mit dem Minister. Für mich zeigt das Bild aber noch mehr – welchen Ehrgeiz und welche Hartnäckigkeit Teilnehmer im Wettbewerb gewinnen, und welche Türen sie damit öffnen können!

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