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Gespaltenes Gedenken an Tschernobyl

Zusammen mit weiteren Alumni aus dem Geschichtsnetzwerk EUSTORY hat Elena, 27 Jahre alt aus Weißrussland, vor fünf Jahren zur Erinnerungskultur an Tschernobyl geforscht. Inzwischen hat sie das Thema Umwelttechnik mit Schwerpunkt Strahlungskontrolle zu ihrem Beruf gemacht.

»30 Jahre markieren nicht nur den Jahrestag der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl, sondern auch die Halbwertszeit des radioaktiven Nuklids Caesium -137«, erläutert Elena, 27 Jahre alt aus Weißrussland. Zusammen mit weiteren Alumni aus dem europäischen Geschichtsnetzwerk EUSTORY hat sie vor fünf Jahren in einer internationalen Projektgruppe zur Erinnerungskultur an Tschernobyl geforscht. Inzwischen hat sie das Thema Umwelttechnik mit Schwerpunkt Strahlungskontrolle zu ihrem Beruf gemacht und ist doch, wie sie sagt, Teil einer gespaltenen jungen Generation von Weißrussen und zieht nun Bilanz.

Im Schatten von Tschernobyl aufgewachsen, sind die Konsequenzen des nuklearen Unfalls bis heute in ganz Weißrussland spürbar: 16 Prozent weißrussischer Wälder seien weiterhin von Strahlung betroffen, die gesundheitlichen Schäden in der Bevölkerung immens. Dennoch sei für einen Teil der nach 1986 geborenen Generation Tschernobyl nichts weiter als Geschichte. »Wer außer Ökologen und Umweltaktivisten spricht noch darüber?«, zitiert Elena eine Freundin. Diesen zwiespältigen Umgang der jungen Generation mit der Katastrophe beobachtet auch Marta, 20 Jahre alt, aus der Ukraine: »Einige Kinder können heute mit dem Begriff Liquidator nichts anfangen.« Gleichzeitig würde in der Ukraine mit Fotowettbewerben, staatlichen Gedenkzeremonien und zahlreichen Reportagen intensiv an die nukleare Katastrophe erinnert. »Touristen aus mehr als 95 Ländern besuchen das Tschernobyl Museum in Kiew regelmäßig. Das ist letztlich ein Beweis dafür, dass die Tragödie unvergessen bleiben wird.«

Vsevolod Smerechynskyi, einer der ukrainischen Liquidatoren und Gründer der „Chernobyl Union of Ukraine“, mahnte im Gespräch mit Ivan, 25 Jahre alt aus der Ukraine, nicht allein auf die Jahrestage von Tschernobyl zu vertrauen, um an die Katastrophe zu erinnern: „Wir sollten jeden Tag daran denken“. Die Liquidatoren, die sich nach dem Unglück um die Säuberung der Strahlung kümmern mussten, leiden bis heute unter den Folgewirkungen dieser Arbeit.

Die Kommentare der jungen Europäer zeigen deutlich den Zwiespalt einer jungen Generation zwischen offiziellem Gedenken und persönlichem Umgang mit der nuklearen Katastrophe.

Das Gespräch mit Vsevolod Smerechynskyi, sowie weitere Kommentare junger Europäer zum Gedenken an Tschernobyl in den betroffenen Ländern sind auf dem History Campus in der Serie »30 years later« erschienen. Sie können hier in englischer Sprache nachgelesen werden.

Die Autoren sind Alumni von EUSTORY. Dieses von der Körber-Stiftung initiierte Geschichtsnetzwerk regt junge Europäer zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit zentralen Gegenwartsfragen der europäischen Geschichte an. Das Netzwerk verbindet zivilgesellschaftliche Organisationen in 25 Ländern Europas, die nationale Geschichtswettbewerbe durchführen. Über 170.000 Jugendliche haben sich bislang daran beteiligt, rund 1.000 von ihnen nahmen bisher an den europäischen EUSTORY-History Camps teil.


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